Georgien-Krieg Was vom Krieg bleibt
Verlorene Väter, verratene Träume und ein wenig Lebensfreude: Georgien nach einem Jahr der brüchigen Waffenruhe

© Vano Schlamov/AFP/Getty Images
Das Grenzdorf Ergneti wurde im Krieg fast vollständig zerstört, Wasser für die Landwirtschaft kommt kaum noch aus Südossetion
Lena Truschkowa lebt am Ende der Welt. Zumindest könnte man das glauben, wenn man in ihr georgisches Heimatdorf Nikosi reist. Truschkowas Haus liegt in der Nähe des Friedhofs von Nikosi, auf dem es keine Totenruhe gibt. Denn gleich hinter dem Friedhof beginnt Grenzland, Niemandsland. Die georgischen Polizisten laufen zwischen den Gräbern Patrouille. Ihr letzter Posten vor der abtrünnigen Republik Südossetien ist eine Burg aus Sandsäcken. Drüben, nur wenige Hundert Meter entfernt, stehen die angeschossenen Wohnhochhäuser der südossetischen Hauptstadt Zchinwali, um die vor einem Jahr ein erbitterter Fünftagekrieg tobte. Russland, die selbst erklärte Schutzmacht Südossetiens, hatte zum massiven Gegenschlag ausgeholt und zeitweise knapp ein Viertel Georgiens besetzt. Heute berichtet der Kommandeur der georgischen Polizisten, es werde wieder geschossen, fast jede Nacht. Die Angst vor einem neuen Krieg geht um.
Nicht einmal streunende Hunde, sagen die Dorfbewohner, kämen durch den Kontrollposten; Zchinwali erreicht man am besten über Russland. Lena Truschkowa ist die einzige Russin im Dorf. Dass sie noch lebt, hat sie der mangelnden Zündkraft einer »Bombe«, wie sie es nennt, zu verdanken. Das Geschoss aus russischer Produktion ist im Dach über ihrem Kopf stecken geblieben. Die russischen Truppen haben es später mit dem Kranwagen herausgeholt. Aber wenn Lena, die vor 20 Jahren zu ihrem Mann nach Nikosi zog, von »unseren Jungs« spricht, meint sie die georgischen Soldaten. Loyalitäten und Fronten verliefen im Kaukasus schon immer in komplizierten Linien.
Lenas Felder von 25 Hektar und ihre Weinstöcke für gut zwei Tonnen Trauben sind verloren. Sie liegen im Niemandsland, wo sich die Georgier nicht hintrauen. Es gibt keinen Markt mehr in Zchinwali wie vor dem Krieg, als sie und ihr Mann Walnüsse, Kürbisse und Schmuggelzigaretten verkaufen konnten. Heute verdient sie in einer Geflügelfabrik in der Nähe fünf Euro in der Tagesschicht. Für die Reparatur des Hauses reicht das nicht, und sie wartet auf staatliche Hilfe. Die zerschlagenen Fenster hat sie mit Folie zugeklebt, und wenn es regnet, tropft es durch Löcher im zerschossenen Dach auf die Wohnzimmerdielen. Im Herbst vergangenen Jahres hatte Lena bei der russischen Botschaft in Georgiens Hauptstadt Tbilissi nach humanitärer Hilfe gefragt. Schließlich sei der Krieg doch, wie sie meinte, von dort aus dem Norden gekommen. Doch sie wurde barsch abgewiesen.
Die Sehnsucht nach Normalität ist die engste Verbündete Saakaschwilis
Der Einmarsch der russischen Truppen war für viele Menschen in Georgien eine traumatische Erfahrung. Ein Jahr nach dem Krieg ist das Land, das zwischen Hyperaktivität und bukolischer Lebensfreude schwankt, noch immer auf der Suche nach sich selbst. Georgien ist nicht implodiert oder in einen Guerillakrieg verfallen. Aber der Schock, den Kampf um Südossetien und Abchasien ohne die erträumte Hilfe aus dem Westen verloren zu haben, löst sich nur langsam.
Die Nachkriegssehnsucht nach Ruhe und Normalität ist der engste Verbündete von Präsident Michail Saakaschwili. Nachdem er seine Panzer in der Nacht vom 7. auf den 8. August vergangenen Jahres nach Südossetien ausgesandt und den Krieg verloren hatte, galt er als politischer Leichnam. Die Opposition, schien es, müsste nach einer patriotischen Gedenkpause nur zupacken. Blass und zerzaust trat Saakaschwili auf und knabberte im Dauerstress vor Fernsehkameras an seiner Krawatte. Noch in der ersten Kriegsnacht hatte er nach der Handynummer von Angela Merkel geforscht, da nur die Bundeskanzlerin, wie er dachte, die Russen zurückhalten könnte. Auf die Frage, warum er den aussichtslosen Angriff befohlen habe, versicherte er wie ein zerknirschter Schuljunge: »Ich würde es nicht wieder tun.«
Doch heute hat Saakaschwili sich selbst und das Land im Griff. Er hat geschmeidig aus Fehlern gelernt und die Opposition nicht wie im November 2007 mit Tränengas und Gummigeschossen vom Prachtboulevard Rustaweli in Tbilissi verjagt. Ihre Protestbauten aus mobilen Gefängniszellen blockierten monatelang die Hauptverkehrsader und das Parlament. Vor drei Wochen, als die ausgelaugte Opposition in die Sommerpause ging, verschwanden sie fast unbemerkt. Die Regierung hat die erste Runde des Machtkampfes gewonnen.
Geholfen hat ihr vor allem die Opposition selbst, die auf die Unterstützung durch den Westen hoffte. Doch Europa und die USA hielten sich angesichts des breiten Aufgebots georgischer Politiker, die sich als Saakaschwili-Nachfolger präsentierten, zurück. Die meisten der Oppositionellen sind ehemalige Weggefährten Saakaschwilis, und ihr Widerstand wirkt heute auf viele Georgier wie ein Binnenkampf der Elite um einträgliche Machtpositionen. Parteien gleichen Personenwahlvereinen ohne Programm und Strategie und setzen auf Theatralik. Nach Auseinandersetzungen mit der Polizei trägt manch Oppositioneller seinen Kopfverband wie eine Krone. Gemeinsam fordern sie das Maximum: den Präsidentenrücktritt. Verhandeln gehört nicht zu den ersten Tugenden der Politiker aus Tbilissi. Sie führen lieber ein öffentliches Drama mit Megafon auf. Doch der revolutionäre Protest lief sich tot, und einen Plan B hatte keiner in der Straßenopposition.
Die Mehrheit der Georgier hält lieber, sei es auch widerwillig, zu Saakaschwili. Immerhin hatte der junge, westlich gebildete und ambitionierte Staatschef 2003 mit seiner Rosenrevolution nach zehn Jahren des Stillstands die nachsowjetische Transformation Georgiens begonnen. Er wollte das Land im Zeitraffer in den Westen führen, US-Präsident George Bush erhob ihn daraufhin zum »Leitstern der Demokratie« im Südkaukasus. Die radikale Deregulierung der Wirtschaft, der erfolgreiche Kampf gegen die Alltagskorruption und ein funktionsfähiger Staatsapparat zählen zu Saakaschwilis Verdiensten. Die Demokratie und die Justiz haben dagegen unter seinen halb autoritären Instinkten gelitten. Seine Naivität und Heißblütigkeit führten zum Südossetienkrieg. Den aber verzeiht ihm ein großer Teil der Georgier im Gefühl, man habe sich endlich verteidigen müssen. Abchasien und Südossetien wollen weiterhin nur wenige aufgeben.
Der Wandel, den Georgien nach dem Krieg durchläuft, deutet sich erst an. Die Integration in den Westen bleibt das Hauptziel für die Mehrheit der Bevölkerung, die Europäische Union hat im Gegensatz zur Nato an Anziehungskraft gewonnen. Die Träume, die abtrünnigen Republiken militärisch wiederzugewinnen, sind geplatzt. Die Niederlage der Armee trägt sogar eine Chance in sich: Das Verständnis wächst, dass erst ein demokratisches und erfolgreiches Georgien die abtrünnigen Republiken eines Tages von allein zurückgewinnen könnte. Saakaschwili scheint den Bedarf an einer rationaleren Politik zu spüren und tritt im Vergleich zu früher moderat auf.
Die humanitären Kriegsfolgen werden noch lange eine Bürde für Georgien bleiben. Die Autobahn von Tbilissi nach Gori führt vorbei an Flüchtlingssiedlungen: In den langen Reihen kleiner Häuschen wohnen Familien, die Südossetien fluchtartig verlassen mussten. Sie haben ein Dach über dem Kopf, ein Gärtchen und Bettdecken des UN-Flüchtlingshilfswerks, aber oft keine Arbeit und keine Perspektive auf eine Rückkehr in die Heimat. Auch viele Dorfbewohner in Kerngeorgien leben in Ungewissheit. Russland hält nicht alle Bedingungen des Sarkozy-Medwedjew-Friedensabkommens ein. Die Grenzen bleiben ungesichert. Es fehlt an internationaler Kontrolle, nachdem Russland die Missionen der UN und der OSZE scheitern ließ. Die Beobachter der Europäischen Union haben keinen Zugang zu Südossetien und Abchasien. Sie können nur in den georgischen Grenzdörfern über alle Zwischenfälle Buch führen.
Ergneti ist solch ein Dorf, das der Krieg besonders hart getroffen hat. Die südossetischen Milizen brannten zwei Drittel der 180 Häuser nieder. Die meisten von ihnen stehen heute leer. Nur wenn internationale Organisationen Hilfspakete mit Dünger oder Seife, Zahnbürsten und Waschpulver verteilen, kommen fast alle Bewohner für einen Tag zurück. Viele haben sich mit ihrer staatlichen Entschädigung von 9000 Dollar eine neue Wohnung im nahen Gori gesucht oder ein Auto gekauft.
Tamas Dschochadse aber hält es nicht in der Stadt: Der 53-Jährige kommt täglich herbeigefahren, stapft über seine Felder, die letzten vor der Grenze, und pflegt die übrig gebliebenen Apfelbäume. 60 haben die russischen Truppen für ihre Camouflage abgeholzt. Mit erdverschmierten Stiefeln sitzt er auf seinem Hof und isst die Buletten, die seine Mutter auf dem Feldofen gebraten hat. »Lieber hier sterben als in Gori leben«, sagt er. Sein Haus ist eine Ruine mit einem Kranz von Rußflecken an den oberen Wänden. Als die Südosseten es anzündeten, trat sein Schwiegervater ihnen in den Weg und wurde erschossen. Dschochadse war da bereits mit seiner Familie nach Gori geflohen. »17 Tage lag die Leiche herum, bis wir ihn beerdigen konnten«, erzählt er. Plünderer nahmen alle Wertsachen mit. Seine Hoftore, so wird im Dorf erzählt, verstärken jetzt hinter den Sandsäcken die Stellung der russischen Soldaten auf der anderen Seite.
Der russische Markt erscheint als unerreichbares Glück

Ergnetis Zukunft ist unsicher. Seine Erde ist Dschochadse geblieben, aber sie gibt kaum noch etwas her. Denn mit der neuen Grenze ist der Wasserzufluss aus den Kaukasushängen Südossetiens für seine Felder unterbrochen. Statt 30 Tonnen Kartoffeln wird Dschochadse in diesem Jahr nur fünf Tonnen ernten. Aber wo sollte er die Kartoffeln und Äpfel auch verkaufen? »Der russische Markt, ja, das wäre es«, sagt Dschochadse und lächelt versonnen ob eines unerreichbaren Glücks. Abends fährt er in die Stadt zurück. Nur seine 82-jährige Mutter übernachtet in Ergneti in einem grauen Anbau, den eine westliche Hilfsorganisation im Hof hochgemauert hat. »Ich habe vor nichts mehr Angst«, sagt sie.
Die Russin Lena im benachbarten Nikosi setzt jetzt auf Saakaschwili. Sie und ihre Tochter haben in einer Eingabe an den Präsidenten um die georgische Staatsbürgerschaft gebeten. Lena hat ganz praktische Gründe. Tochter Jana ist hochschwanger und würde als Georgierin Krankenhauskosten sparen. Die Registrierung des Kindes wäre auch einfacher. »Auf dem Passamt hat man mir gesagt, es könnte noch vor der Geburt klappen«, sagt Lena. Sie hofft und wartet und steigt wie früher mit Jana nachts in den Keller hinab, wenn es draußen knallt. In den vergangenen Wochen meldete das georgische Innenministerium wieder: Nikosi wird aus Südossetien beschossen.
- Datum 13.08.2009 - 17:07 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34
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@Russland, die selbst erklärte Schutzmacht Südossetiens, hatte zum massiven Gegenschlag ausgeholt und zeitweise knapp ein Viertel Georgiens besetzt.
Daß es der Angriff Saakaschwilis auf Südossetien war, um die unbotmäßige Provinz wieder unter georgische Kontrolle zu bringen, der zum Kaukasuskonflikt geführt hat, scheint langsam erkannt und akzeptiert worden zu sein. Das Ableugnen und Verdrängen dürfte anhand der offiziellen Untersuchungsberichte auch schwierig sein.
Allerdings sind solche Aussagen, daß die georgische Bevölkerung dem Heißsporn Saakaschwilis (ein Euphemismus für einen unberechenbaren, autoritären Machthaber) dieses Debakel schon verziehen haben, auf reichlich schwankendem Boden gebaut und dürften wohl eher Wunschdenken entspringen. In Wahrheit ist der georgische Regierungschef inzwischen verhaßt, so daß er es sich nicht mehr leisten kann, ohne Personenschutz unter die Menschen zu gehen. Er würde das Land sicher gern verlassen, wird aber noch als Mann der USA benötigt.
[Entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
US-Präsident George Bush erhob ihn daraufhin zum »Leitstern der Demokratie« im Südkaukasus. Die radikale Deregulierung der Wirtschaft, der erfolgreiche Kampf gegen die Alltagskorruption und ein funktionsfähiger Staatsapparat zählen zu Saakaschwilis Verdiensten. Die Demokratie und die Justiz haben dagegen unter seinen halb autoritären Instinkten gelitten.
So stell ich mir den Demokratiexport des Westens im Allgemeinen vor. Die Demokratie, unabhängige Justiz und die Alltagskorruption sind beseitigt, der Bakschisch fließt jetzt in die "richtigen" Taschen.
Ich zitiere mal aus der Zeit 2009/33:
"Russland hat seit dem vergangenen August gegen
so gut wie jeden Punkt des Friedensabkommens
verstoßen, das die Europäische Union ausgehandelt
hatte. Es hat die georgischen Republiken Abchasien
und Südossetien als eigenständige Staaten
anerkannt. 7500 russische Soldaten »sichern« dort
noch immer die Grenzen. Es hat die OSZE Mission
beendet und führt die EU-Beobachter
vor, die ausgerechnet nicht in die umkämpften
Gebiete dürfen, um zu berichten, was dort geschieht.
Und noch immer betreibt Russland die
pasportizacija, die Ausgabe russischer Pässe im
Ausland, um im Ernstfall seine frisch gewonnenen
Staatsbürger auch zu verteidigen. Die EU und die
USA sehen darüber hinweg – zum Entsetzen vieler
mittelosteuropäischer Staaten."
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Tu fui, ego eris.
Es ist natürlich ein grandioser Erfolg für Russland, dass Nicaragua Südossetien anerkannt hat. Denn nicht mal die üblichen Verdächtigen - darunter China - hatten Lust dieses Anhängsel mit einem ehemaligen Rausschmeißer als Präsident anzuerkennen. Jetzt versickern russische Hilfszahlungen in deren Taschen, aber der russische Verfolgungswahn und die Großmannsucht ist besänftigt da Russland jetzt einen Stachel im Fleisch der EU bzw. der Nato hat.
Nein, Russland hat sich mit diesen zwei Problemfällen keine Freu(n)de gemacht und laut Völkerrecht gehören Südossetien und Abchasien immer noch zu Georgien.
Tu fui, ego eris.
Da muss ich Ihnen in allen Punkten widersprechen, [...].
Südossetien und Abchasien haben sich wie jedes Mitglied der Sovjet-Union für unabhängig erklärt, sind daher Völkerrechtlich eigenständige Staaten, ansonsten wäre ihr geliebtes Georgien ebenfalls kein Staat gemäß dem Völkerrecht.
[Gekürzt. Bitte unterlassen Sie persönliche Angriffe. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
sollte sich für unabhängig erklären dürfen. Aber wenn Süd- und Nordossetien gemeinsam ihre Unabhängigkeit erklären, wird ja vielleicht noch ein richtiger Staat daraus.
sollte sich für unabhängig erklären dürfen. Aber wenn Süd- und Nordossetien gemeinsam ihre Unabhängigkeit erklären, wird ja vielleicht noch ein richtiger Staat daraus.
Nö. Tut mir wirklich sehr leid, aber das ist nicht richtig. Kein Staat der Welt, eben abgesehen von Russland und - herrlich - Nicaragua, haben den Staat als unabhängig anerkannt. Georgien dagegen sehr wohl und da sowohl Südossetien als auch in geringerem Ausmaß Abchasien fast vollständig an der Brust von Mütterchen Russland saugen ist von echter Unabhängigkeit wohl kaum zu reden.
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Tu fui, ego eris.
sollte sich für unabhängig erklären dürfen. Aber wenn Süd- und Nordossetien gemeinsam ihre Unabhängigkeit erklären, wird ja vielleicht noch ein richtiger Staat daraus.
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