»Und wenn sie mitten in der Kartoffel kommen?, denkt Ora, starrt auf die große Kartoffel, die halb geschält in ihrer Hand liegt, oder mitten in der Zwiebel? Mit jedem Moment wird es ihr klarer: jede Bewegung, die sie macht, ist vielleicht die letzte vor dem Klopfen an der Tür.«

Eine Mutter fürchtet sich vor der Nachricht, dass ihr Sohn im Krieg gefallen ist. Am Morgen erst hat sie ihn zum Appellplatz gefahren. Nun steht sie in der Küche und kocht. Süße Auberginen mit Knoblauchraspeln und Tomatensaft, persischen Reis mit Rosinen und Pinienkernen, eine Pilzquiche, eine Zwiebelquiche, sie kocht gegen die Angst an, sie könne niemals mehr für ihn kochen, gegen die Ahnung, er könne niemals mehr heimkommen, um seine liebsten Gerichte zu essen. Sie schneidet und rührt, sie würzt gegen eine Welt an, in der Kinder in den Krieg ziehen, und sie kocht an gegen die Ohnmacht der Eltern, die gezwungen sind, darauf zu warten, ob ihr Kind getötet wird oder überlebt. Eine Frau flieht vor einer Nachricht heißt der neue Roman des israelischen Schriftstellers David Grossman. Und in der Tat, Ora, seine Hauptfigur, denkt: Wenn sie nicht zu Hause ist, können die Boten der Armee mit der schrecklichen Nachricht sie nicht antreffen, und wenn sie sie nicht antreffen, können sie es ihr nicht sagen, und wenn sie es nicht sagen, dann… Und so erscheint Ora die Flucht als Mittel, wie sie ihren Sohn Ofer beschützen kann.

»Meine Eltern brachten mir zuallererst Furcht bei, immer auf der Hut zu sein«

Im Mai 2003 hatte Grossman begonnen, diese Geschichte von Ora zu erzählen, ein halbes Jahr bevor sein älterer Sohn Jonathan den Wehrdienst beendete und ein halbes Jahr bevor der jüngere Sohn Uri eingezogen wurde. So wie Ora flieht und auf einer langen Odyssee durch Galiläa ihren Sohn durch das Sprechen über ihn am Leben zu halten versucht, so schrieb Grossman gegen die Angst vor dem Verlust seiner Söhne an. Drei Jahre und drei Monate lang. Und dann, am 12. August 2006, in den letzten Stunden des Libanonkrieges, kreuzten sich Leben und Schreiben auf schmerzlichste Weise, als Uri bei dem Versuch, die Soldaten eines getroffenen Panzers zu retten, starb.

Wie diese Parallelität von Fiktion und Wirklichkeit ansprechen gegenüber dem Autor, ohne in die Tiefen der Trauer hinabzusteigen, in die Fremde nicht geladen werden?

Grossman steht in der Küche seines Hauses, in einer von Oleander und Zedern gesäumten Gasse von Mevasseret, einem Vorort von Jerusalem, und schneidet Obst. Er nimmt eine Gabel und sticht sie in eine gelbe Kaktusfrucht, die übersät ist mit unsichtbaren Dornen, mit einem Messer schneidet er hinein, entfernt eine Scheibe, sodass er von innen an die Hülle kann, und schält dann, behutsam, die weiche Frucht aus ihrer schmerzhaften Haut. Ganz langsam öffnet sich das saftige Innere, Grossman nimmt es heraus, legt den fleischigen Kern auf ein Papiertuch, damit es nicht tropft, und bietet so die kühle Süße an.

»Ich hatte Angst davor, wie sich meine Söhne verändern könnten durch ihre Militärzeit«, sagt Grossman und setzt sich auf einen Stuhl vor dem Bücherregal, in dem zwei Fotos von Uri stehen, einem rotblonden Jungen in Uniform, mit derselben Haarfarbe und demselben weichen Blick wie sein Vater, fast noch ein Kind, der so lächelt, als wollte er schon damals den Betrachter trösten, »und deswegen wollte ich über diese Angst schreiben.«

So wie Grossman eine Frucht freilegt, langsam und behutsam, so wie er das Verletzliche von dem Verletzenden trennt, so nähert er sich Emotionen, so schält er die Angst heraus aus ihrer stacheligen Hülle. So arbeitet er sich in seinen Essays an die Konflikte Israels heran, an die Schalen der Gewalt, die den Kern der schutzlosen Verwundbarkeit ummanteln, und so arbeitet er sich in seinen Romanen an seine Figuren heran, an die Sprachlosigkeit, die die Sehnsucht nach Worten verkleidet, oder an die Sprache, die die Sehnsucht nach sprachloser Gewissheit umklammert.