David Grossman »Ich möchte nicht wütend sein«Seite 3/3

Später, als die Hitze des Tages sich gesenkt hat, bricht Grossman zu einem Spaziergang in dem rosigen Licht der Dämmerung auf. Normalerweise geht er morgens spazieren, gemeinsam mit seiner Frau. Seit dem Tod ihres Sohnes Uri haben sie dieses Ritual, mit einem Spaziergang in den Wäldern von Mevasseret den Tag zu beginnen. Sieben bis acht verschiedene Routen haben sie inzwischen erkundet, die sie wiederholen. Als reinigte sie die Wanderung von den Schatten der Nacht. Heute Abend geht es durch einen Mischwald aus riesigen Kiefern, Olivenbäumen und Zedern, die zwischendurch den Blick auf Jerusalem freigeben.

»Ich bin hier allein. Alle anderen haben sich schon gestern umgebracht«

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David Grossman ist ein aufmerksamer Spaziergänger, er beugt sich hinab zu dem frischen Abdruck eines Paarhufers im lehmigen Boden, er kommt ab vom Weg, nur um die kleinen, grünen Früchte eines Feigenbaums zu berühren, sie sind noch nicht reif, er begibt sich wieder zurück auf den sandigen Weg, er weist einer Gruppe von orthodoxen Jugendlichen aus einem Kibbuz den Weg, auch wenn er kurz darüber nachdenkt, wie ungerecht es ist, dass die Orthodoxen die Kriege unterstützen, ihre Kinder aber vom Wehrdienst befreien können und sie nicht verlieren, wohingegen er… Er entdeckt fröhlich den kugeligen Kot, den vermutlich ein Siebenschläfer bei seinen nächtlichen Ausflügen hinterlassen hat, und wie er da so im Gehen erzählt, mit einer ungeheuren Genauigkeit hinhört und -sieht, wie er die Spuren des Waldes entschlüsselt, da wird auf einmal deutlich, dass dies die Form ist, in der David Grossman trauert. »Krieg ist anonym«, hat er vorher noch in seinem Wohnzimmer gesagt, »so viel von unserer Realität ist beschlagnahmt durch eine hohle und erstarrte Sprache, die uns voneinander trennen soll.« Und wie seine Romanfigur Avram setzt David Grossman dieser anonymen Macht aus Tod und Zerstörung die Kreativität und Genauigkeit der Sprache entgegen.

In einer der großartigsten Szenen des Buches liegt der verwundete Avram in einem verlassenen israelischen Posten mitten im Sinai zwischen ägyptischen Einheiten. Er hat einen Granatsplitter in der Schulter, die verkohlten Leichen von drei Kameraden liegen um ihn herum, die eigenen Einheiten haben sich bereits zurückgezogen, und er kann an den Geräuschen der Mörsergranaten um sich herum hören, wann die feindlichen Truppen der Ägypter ihn wohl erreichen. Und in dieser aussichtslosen Lage beginnt Avram in ein Funkgerät zu sprechen: »Hallo, hallo, hört mich jemand? Ich bin hier allein. Alle anderen haben sich schon gestern oder vorgestern umgebracht.« Als niemand antwortet, gibt Avram nicht auf, am ersten Tag nicht, am zweiten Tag nicht, niemand antwortet, niemand scheint ihn zu hören, aber Avram spricht weiter: Er flucht, er singt, er erzählt, von seiner Liebe zu Ora, von seiner Freundschaft zu Ilan, er entwickelt Theorien und Pläne, er redet in die Welt hinein, grundlos hoffnungsvoll, als könnte sie ihn verstehen. So erzählt David Grossman, mit einer angstfreien Verletzbarkeit, er schreibt sich um Kopf und Kragen, spricht in die Welt hinein, poetisch und wuchtig, sinnlich und wütend, leidenschaftlich und sanft, und so schreibt er nicht allein um sein Überleben, sondern um unseres.

 
Leser-Kommentare
  1. meinen ganz herzlichen Dank für diesen wunderbaren Artikel!

    Freundliche Grüße,
    Ruth

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