Ausrottung der Kinderlähmung Billigmedizin

Warum die Ausrottung der Kinderlähmung in Afrika scheitert

Der globale Kampf gegen Infektionskrankheiten ist keineswegs nur die Domäne von Mikrobiologen und Pharmakologen. Wichtiger als potente Impfstoffe und Antibiotika sind mitunter diplomatisches Feingefühl und der Wille, ein Projekt optimal anzugehen. In dieser Hinsicht hapert es bei einem der weltweit größten Impfprogramme – dem Versuch, die Kinderlähmung (Polio) endlich auszurotten.

Die Vereinten Nationen hatten sich einst vorgenommen, die gefährliche Viruserkrankung bis zum Jahr 2000 aus der Welt zu schaffen. Allerdings hatten sie ihre Rechnung ohne die kulturellen Vorbehalte und das Misstrauen großer Bevölkerungsgruppen gemacht, insbesondere der Bewohner im Norden Nigerias. Die Muslime dort, aber auch ihre Glaubensgenossen in Indien und Pakistan lehnten die Impfung strikt ab und behaupteten, in Wirklichkeit solle der Impfstoff Mädchen unfruchtbar machen und so das Wachstum der muslimischen Gemeinden ausbremsen.

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Impfungen wurden boykottiert, was 2004 zu einem globalen Erstarken der schon fast besiegt geglaubten Seuche führte. Die Verantwortlichen hatten lokale Widerstände einfach nicht ins Kalkül gezogen. Dieses diplomatische Versagen hat 500 Millionen Dollar und viele Menschenleben gekostet.

Gerade hatte sich die Lage in Nigeria ein wenig entspannt, da folgt nun die nächste Hiobsbotschaft. Diesmal verbirgt sich das Unheil hinter einer kryptischen Meldung aus dem Fachblatt Science: »Typ-2-Poliovirus in Nigeria von den Toten zurückgekehrt«. In dem afrikanischen Land war diese bereits als ausgestorben geltende Poliovariante wieder aufgetaucht und hatte über 120 Nigerianer gelähmt. Der Ausbruch geht ausgerechnet auf den Impfstoff zurück, der die Kinder eigentlich vor der Krankheit schützen sollte! Wie konnte das geschehen?

In Nigeria wird die klassische Schluckimpfung eingesetzt, mit abgeschwächten, lebenden Viren. Das hat den Vorteil, dass sich die Viren verbreiten können und so auch ungeimpfte Kinder schützen. Allerdings können die Impfviren auch in eine gefährliche Form zurückmutieren – genau das ist in Nigeria geschehen. Der Fall lenkt nun Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker, das Polioprogramm sei ein abgekartetes Spiel des Westens und man sollte deshalb lieber die Finger von dem Teufelszeug lassen. Wieder einmal ist das Polioprogramm in Gefahr.

Solange Lebendimpfstoff eingesetzt wird, kann das Virus wieder zurückkehren. Dabei gibt es schon seit Jahrzehnten eine Alternative, einen Impfstoff, basierend auf abgetöteten Viren (IPV). Doch der kostet zwei bis drei Dollar pro Dosis statt drei Cent, und er muss gespritzt werden. Im reichen Europa sind solche Hürden ohne Belang. Bis auf Bulgarien, Estland, Rumänien und die Slowakei haben alle Staaten ihre Programme auf IPV umgestellt. Für Afrika aber soll das Billige gut genug sein.

Das hat sich nun als falsche Sparsamkeit entpuppt. Mit ihr setzt die internationale Gebergemeinschaft den Erfolg der milliardenteuren Impfkampagne aufs Spiel. Ohne entschlossenes Investment wird Polio noch lange Menschen in Entwicklungsländern plagen.

 
Leser-Kommentare
  1. das ist das problem bei der polio impfung...erinnert an die kirche und ihr kondomverbot. motto: mach den menschen das leben zur hölle und lass als einzigen ausweg den dogmatischen, unbedingten glauben ans jenseits. funktioniert immer und überall wo es schlimm genug zugeht...verbesserungen sind da nicht erwünscht.
    das ist aber nicht der fehler der impfkampagne, sondern der fanaten in würden

    • Euwie
    • 16.08.2009 um 4:03 Uhr

    gibt es auch in Deutschland. Viele Eltern lassen ihre Kinder zum Beispiel auch nicht gegen Masern impfen. Es wird behauptet, dass diese Kinderkrankheit das Immunsystem trainiert. Mit fatalen Folgen: Masern sind oft tödlich. Andererseits führen auch die Impfungen manchmal zum Ausbruch.

    Das führt dazu, dass Deutschland international mittlerweile auch ziemlich blamiert dasteht. Dabei kommen wir uns so fortschrittlich vor.

    Ich frage mich wie das sein wird, wenn es irgendwann mal AIDS-Impfungen geben wird. Ich höre jetzt schon die Moralapostel, namentlich aus der Kirche: Die Impfungen werden doch nur von Schwulen, Fixern und Prostituierten benötigt. Und Kinder unter 18 (!) Jahren brauchen die auch nicht, weil die ja noch keinen Geschlechtsverkehr haben.

    • marxo
    • 19.10.2009 um 20:51 Uhr

    Impfgegner gibt es auch in der wohlhabenden Schweiz zuhauf. Bisweilen sehen sich diese Leute wie Homöopathie-Praktiker dazu berufen, in Afrika "wirken" zu müssen - gegen diese zynische Form der "Entwicklungshilfe", den Export kruder Ideen ist leider noch keine NGO oder Forschungsgruppe gegründet worden.
    In Ghana traf ich einen jungen Versicherungsvertreter, der 100 Euro im Monat verdiente. Für 300 Euro hatte er einen Magnetstift gekauft, der ihn laut Aussage eines Bauernfängers vor schädlichen Umwelteinflüssen bewahre. Er war auch als Wiederverkäufer tätig und hatte einige nette "Experimente" drauf, wie etwa magnetisiertes Wasser wirke.
    Es ist Unfug, dass Afrika sich keine 3 Euro-Dosen für IPV leisten könne. Nigeria ist ein sehr reiches Land. Ghana hat die größte Goldmine der Welt.
    Es wird dort nur nicht von einer Regierung erwartet, dass sie ihren Aufgaben nachkommt. Von allen Seiten, dem Westen eingeschlossen, wird akzeptiert, dass Gewinne an die fließen, die an den jeweiligen Stellen des Machgefüges sitzen - im Idealfall am Ölschmuggel.
    Man muss aufhören, zu denken, man müsste allen Afrikanern einen Impfstoff zahlen, dessen Kosten deren Ökonomien ohne weiteres verkraften würden. Wenn überhaupt sollten solche Güter gegen Öl getauscht werden und die Distribution garantiert werden.
    Abseits davon - würde man einen echten freien Handel mit Afrika zulassen, könnten private Unternehmer hier auch iher Produkte verkaufen - und ohne einen reichen Onkel bei der Regierung.

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