China Die Spucke des Vorsitzenden MaoSeite 2/2

Ich frage Yu Hua, ob er keine Angst hat vor der in China allmächtigen Zensur – in einem Interview der New York Times zum Jahrestag des Tiananmen-Massakers erklärte er sich solidarisch mit den Studenten, deren Protest die Regierung im Blut ersticken ließ. Oder ist er durch seinen Prominentenstatus geschützt aufgrund des Verkaufserfolgs seiner Bücher? »Die Frage nach den politisch Verantwortlichen für die Verbrechen der Kulturrevolution ist noch immer tabu«, sagt Yu Hua und gießt heißes Wasser in seinen Tee. Angeblich sei die Linie des Vorsitzenden Mao zu 70 Prozent richtig gewesen und nur zu 30 Prozent falsch. Aber da er Einzelschicksale schildere, müsse er nichts beschönigen und könne schreiben, wie und was er wolle. »Die literarische Darstellung von Sexualität unterliegt nicht der Zensur. Von dieser Freiheit mache ich Gebrauch.« Er lacht und zündet sich eine Zigarette an.

Yu Huas Roman ist ein gezielter Angriff auf die guten Sitten und den guten Geschmack. Ich kenne keinen zeitgenössischen Text, in dem so viel gerülpst und gefurzt, gepisst und gevögelt wird, ohne dass dies peinlich oder aufgesetzt wirkt – im Gegenteil. Der Autor nimmt Chinas Volksmund beim Wort, und die Fäkalsprache hat nichts Anstößiges, weil sie der Wahrheitsfindung über ein verdrängtes Kapitel der jüngsten Geschichte dient: »So leer waren ihre Mägen, dass sogar ihre Fürze hohl klangen. Dennoch beklagten sie sich nicht, sondern schauten bewundernd auf ihren Vater. Song Fangpins Sprechwerkzeuge, das waren für sie die Kehle und die Zunge des Vorsitzenden Mao; die Spucketröpfchen, die er beim Reden verspritzte, das war die Spucke des Vorsitzenden Mao!«

 
Leser-Kommentare
    • Csab
    • 03.10.2009 um 15:53 Uhr

    Ich weiss nicht wie es den anderen beim Lesen dieses Artikels so ergangen ist, ich - fuer meinen Teil gesprochen - habe ihn auf jeden Fall sehr genossen!

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