Liebesgeschichten, die sich nach altertümlicher Manier sorgfältig den Verwicklungen und Kollisionen der Herzen widmen, sind kaum noch in Mode. Allenfalls als Nullpunkt, als Leerstelle in den Seelen entnervter Lebensdienstleistender wirft die Liebe ihren Schatten im neuen deutschen Gegenwartsroman. Die ungezügelten Obsessionen und das abgründige Liebesbegehren verwaltet unterdessen die Trivialliteratur. Ausnahmen gibt es, Animal triste von Monika Maron war vor Jahren so eine, und auch der neue Roman des Schweizer Autors Peter Stamm widmet sich ganz unzeitgemäß der Liebe in ihrer Rolle als unbezähmbare Passion.

Stamm, bekanntermaßen ein so erfahrener wie melancholischer Beobachter des menschlichen Paarungsverhaltens, radikalisiert in seinem neuen Buch sein altes Interesse für die Nachtseiten des Gefühlslebens, jenen erdabgewandten Seelenteil in uns, dem durch alle vernünftige Einrede nicht zu helfen ist. Zwei Liebeskonzepte spielt er zu diesem Demonstrationszweck gegeneinander aus. Sein Held, ein wie immer bei Stamm äußerst verträglicher, aber entschlussschwacher junger Mann, verliebt sich gleichzeitig in zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine ist eine ebenso umgängliche wie appetitliche, gebildete Studienkollegin, die der verständige junge Student, wie es sich gehört, bald heiratet. Die andere ist eine dickliche, verquollene, schlecht angezogene und ungesprächige Polin, die sich im Jahr 1989 illegal in München aufhält, noch Jungfrau und überhaupt sehr katholisch, treu und fügsam ist, aber ansonsten dem Liebescode eines ehrgeizigen Jungarchitekten grob widerspricht.

Was Stamm nun am Beispiel dieser Doppelliebe, in die sein Erzähler wider Willen schlittert, über 300 Seiten verhandelt, ist die uralte, unbeantwortbare Frage: Ist Liebe (wie Luhmann behauptet hat) ein System aus sozialen und gesellschaftlichen Bedingnissen und ganz von diesen abhängig, sprich: kann der aufstrebende Gentleman gar nicht anders, als die obligate mehrsprachige und schmalhüftige Blondine zu freien? Oder ist die Liebe (wie die Romantik sie erträumte) eine Passion, eine jenseits von allen gesellschaftlichen Üblichkeiten wirksame Naturkraft, die sich nur widerwillig ins Streckbett der Zivilisation hat zwängen lassen, sprich: könnte derselbe Gentleman sich genauso gut rasend in seine übergewichtige polnische Putzfrau verlieben (von dieser Hoffnung leben ungezählte Heftchenromane), unterdrückt diesen vitalen Impuls nur aus gesellschaftlicher Ruhmsucht und sozialer Konditionierung?

Stamm ist klug genug, diese Frage nicht zu beantworten, sondern nur nachdenklich und unterhaltsam erzählerisch zu entfalten. Der Icherzähler berichtet behutsam aus der Rückschau über sein halb gescheitertes Leben mit der schönen hellen Sonja, deren professionelles Gefühlsmanagement ihn überfordert, und der dunklen hässlichen Iwona, die nichts zu bieten hat außer ihrer unterwürfigen Liebe. Die helle Liebe des sozialen Aufstiegs beschreibt Stamm mit dem elenden Vokabular neubürgerlicher Heiratsvermittler. Sonja sei »schön und gescheit«, verfüge über »Charme und eine natürliche Sicherheit«, sie sei »die perfekte Gesellschafterin« und so weiter. Doch dem Erzähler kommt sie vor wie eine jener »Puppen, deren Kleider festgenäht und Teil ihres Körpers sind«. Schwerverdaulicher Stoff ist das: Auf der einen Seite die unerotische und im gesellschaftlichen Gewand festgenähte Intellektuelle, auf der anderen Seite die dumme Frau als gehorsames Nacktmodell, bei der der gestresste Kleinbürgersohn sich von den Zumutungen seines Karrierestrebens erholen kann.

Die Versuchsanordnung, das wäre der einzige Einwand gegen diesen sympathisch unentschiedenen und elegischen Liebesroman, ist allzu übersichtlich, ein wenig gazettenhaft und männlich konventionell. Die manichäische Zweiteilung des Liebeslebens zerbricht, als aus der leidenschaftlichen Schmuddelliebe ein Kind hervorgeht, das der Held adoptiert und in seine hygienische Kameradenehe integrieren will. Am Ende hat der bemitleidenswerte Mann beide Frauen verloren und ist um eine mit schönem Seufzen und behutsamem literarischen Achselzucken erzählte Erfahrung von dem angeblich unbezähmbaren Tier im Manne reicher geworden.

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