Frankreich Alles so Nouvel hier

Le Havre in der Normandie hat schon viele berühmte Architekten beschäftigt. Jetzt krempelt Jean Nouvel das alte Hafenviertel um. Seine neue Badelandschaft aus Quadern, Würfeln und Kuben begeistert nicht nur Schwimmer

Das Kulturzentrum Le Volcan in Le Havre

Das Kulturzentrum Le Volcan in Le Havre

Es ist still geworden in den Docks von Le Havre, seitdem die großen Schiffe weiter südlich im modernen Tiefseehafen anlegen. Die Speicherhallen stehen leer. Über dem alten Hafenbecken veranstalten Möwen ein Wettfliegen. Außer ihrem heiseren Gekreisch ist nichts zu hören. Und wüsste man nicht, dass hier ganz in der Nähe das berühmteste Schwimmbad der ganzen Normandie stehen muss, könnte man denken, hier sei seit Jahren kein Mensch mehr gewesen.

Ein paar Gehminuten vom alten Hafenbecken entdeckt man dann diesen eckigen Klotz aus dunkel lasiertem Beton, dort, wo die Sonne drauf scheint, glänzt die Fassade wie ein nasser Taucheranzug. »Les bains des docks« steht über dem Eingang. Drinnen dann die Überraschung: Alles ist weiß, die Wände, der Fußboden, die Treppenstufen, die hinauf zur Kasse führen. Auch wer gar nicht ins Wasser, sondern nur gucken will, muss einen »Besichtigungseintritt« entrichten.

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»Willkommen im Paradies«, sagt Ludovic Thepin, der schon gewartet hat. Der drahtige junge Mann mit den stoppeligen Haaren ist der Bademeister der Bains des Docks. Als Erstes führt er in den Außenbereich. In dem beheizten 50-Meter-Becken sind schon alle Bahnen belegt. Weiße Mauern schützen es vor dem Wind, der Le Havre so oft zaust. Würde man sich hier auf den Rücken legen, könnte man sich fühlen wie in einem riesigen Schuhkarton ohne Deckel. Wolkenfetzen jagen über den Himmel, von fern ist das Tuten der Schiffssirenen zu hören.

Drinnen schlucken die mit einem Spezialstoff beschichteten Decken dann fast jedes Geräusch. Tageslicht fällt durch schmale Fensterbänder aufs Wasser, die mit winzigen weißen Fliesen getäfelten Wände glitzern wie ein weißer Sandstrand in der Sonne. »Erhaben« findet Bademeister Thepin den Anblick. Dann grüßt er die Damen, die auf Unterwasserfahrrädern gegen den Widerstand des Wassers antreten. Nebenan lässt sich ein Grüppchen auf Unterwasserliegen Rücken, Nacken und Beine massieren.

Der Architekt Jean Nouvel hat diese Badelandschaft nach dem Vorbild der römischen Thermen entworfen, mit Wandelgängen, warmen und kalten Becken, sprudelnden Quellen, Ruhezonen. Auch einen grellbunten Kinderbereich gibt es. Das hervorstechendste Merkmal dieser verschachtelten Badelandschaft aber sind die vielen Quader, Würfel und Kuben, die einem die ganze Zeit das Gefühl geben, durch ein expressionistisches Bild im 3-D-Format zu laufen. Sie unterteilen die einzelnen Bereiche, dämpfen das Licht, dienen als Liegefläche oder Sichtschutz. »Für einen Bademeister, der immer alle Leute im Blick haben soll, nicht eben praktisch«, sagt Thepin. »Doch es ist wohl das Privileg eines berühmten Architekten, der Ästhetik den Vorrang zu geben.«

Vermutlich war das sogar sein Auftrag. Als die Stadt Le Havre mit Jean Nouvel einen der berühmtesten Architekten der Gegenwart engagierte, wollte sie nicht irgendein schickes Schwimmbad. Nouvel, der die Galeries Lafayette in Berlin und das Institut du Monde Arabe in Paris entworfen hat und vergangenes Jahr für sein Lebenswerk den Pritzker-Preis erhielt, sollte der Gegend um die verödeten Docklands ein neues Wahrzeichen verleihen.

Wie in vielen alten Hafenvierteln soll auch hier bald ein modernes Quartier entstehen, mit Restaurants, Cafés und Galerien, Wohnungen und Geschäften für zahlungskräftige Kunden: Nouvel Le Havre. Direkt gegenüber dem Schwimmbad, wo derzeit ein Bauzaun eine grüne Wiese umspannt, plant Nouvel einen 120 Meter hohen Museumsturm, der von Ferne an die Kräne des nahe gelegenen Containerhafens erinnern soll.

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