H1N1-Virus Ein Land im GrippeschockSeite 2/2
Einen Tag später tritt die Gesundheitsministerin zurück. Am 2. Juli schließen landesweit Schulen und Universitäten. Schwangere, Diabetiker und Herzkranke dürfen zu Hause bleiben, etwa 20 Prozent der Angestellten der öffentlichen Verwaltung. Gibt die Regierung vor den Wahlen die Zahl der Infizierten noch mit 1587 an, spricht der neue Gesundheitsminister wenige Tage später von über 100000 möglichen Ansteckungen. Ein Anwalt zeigt die Regierung an, weil sie mit Durchführung der Wahlen 25 Millionen Argentinier in Ansteckungsgefahr gebracht habe. Es heißt, die Regierung habe die Zahlen vor den Wahlen geschönt.
Seit dem 2. Juli sind Desinfektionsmittel in den Apotheken ausverkauft. Ein Mundschutz kostet plötzlich bis zu 20 Pesos (circa 3,80 Euro) statt 35 Centavos. 16000 Stück werden pro Tag verkauft. An den Bahnhöfen bieten fliegende Händler desinfizierende Gels und Mundschutze feil, bis die Gewerkschaft der Pharmazeuten vor deren Kauf warnt. »Im Internet gab es eine Anleitung, wie man Desinfizierungsgels herstellt«, sagt Marcelo Peretta, Sprecher des Pharmazeutenverbands, »von da an wurde gepanscht, zum Teil mit Industriealkohol. Und jeder, der eine Schere und Stoff zu Hause hatte, stellte plötzlich seinen eigenen Mundschutz her. Aber nicht jeder Stoff filtert das Grippevirus!«
Den ganzen Juli über machen die Ärzte und Krankenschwestern im Hospital Posadas Nachtschichten. Die Straßen in Buenos Aires sind wie leer gefegt, freie Bahn für die Motorräder der Pizzaservices, die Bestellungen steigen um 20 Prozent. Der Film Ice Age 3 ist in den Videotheken dauerverliehen. Der Infektiologe Alejandro Macías, der zu Beginn der Epidemie in Mexiko im Krisenstab war, bezeichnet Argentinien als das »Epizentrum« des Virus. Erst Ende Juli lässt die Panik langsam nach, in der ersten Augustwoche öffnen die Schulen und Universitäten. Ice Age 3 steht nun wieder in der Videothek im Regal.
Die Ärzte sind zuversichtlich, auch wenn sie keine Entwarnung geben können. Die Schweinegrippe könne noch mehrere Jahre im Land bleiben. »Doch immerhin wissen wir inzwischen, dass das Genom des Virus mit dem in Europa vergleichbar ist«, sagt Farias vom Hospital Posadas. »Wir können also Impfstoffe, die dort entwickelt werden, bei uns verwenden.«
Für Farias und sein Team ist das Abebben der Schweinegrippe nur eine Verschnaufpause. Denn Argentinien steht bereits die nächste Seuche bevor, sobald es Frühling wird: das Denguefieber, das über die Stechmücke Aedes aegypti übertragen wird. Zurzeit hält die Kältewelle im Land zumindest die Mücken im Zaum.
- Datum 12.08.2009 - 13:24 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






(Verbot grenzüberschreitender Tiertransporte und der entsetzlichen Massentierhaltungen, wo sich durch den permanten Streß, die hochbelastete Stall-"Luft" sowie die Massierung zigtausender armer Tiere auf engstem Raum Seuchen aller Art in Windeseile verbreiten können), sucht die Pharmaindustrie, unterstützt von hörigen Politikern und Medien, wiederum nach milliardenschweren neuen Profitquellen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren