Kunst Zum Verlieben
ZEIT-Museumsführer (15): Das Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus
Der grüne Kleinwagen parkt zwischen skelettartigen Strommasten, im Hintergrund eine schier endlose Reihe von Hochhäusern und Plattenbauten. Und in die äußerste Bildecke gezwängt ein Paar, das aus dem realsozialistischen Paradies zu fliehen scheint. Oder wurde es daraus vertrieben? Hier jedenfalls, im Schutz einer Hecke, erleben die beiden, verfangen zwischen Begehren und Einsamkeit, einen brüchigen Moment der Intimität. Station Shernowka heißt das Bild von Volker Stelzmann. Es ist realistisch gemalt und 1973 in der DDR entstanden. Ist es deswegen staatskonforme Kunst?

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Die umstrittene Schau 60 Jahre – 60 Werke, die kürzlich in Berlin zu sehen war, hatte auch ihr Gutes: Sie hat unfreiwillig den Blick auf jene DDR-Künstler gelenkt, die sie glaubte beiseiteschieben zu können. Es gibt kaum einen besseren Ort, um die erwachte Neugier zu befriedigen, als die letzte Museumsneugründung der DDR: das heutige Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, wo auch Stelzmanns Gemälde hängt.
Ein Hauch von Station Shernowka weht einen zunächst auch in Cottbus selbst an, wo moderne Utopien sichtbarer als anderswo erodiert sind und der Tagebau, nur wenige Kilometer vom Stadtrand entfernt, von gewaltigen Schneisen durchfurchte Mondlandschaften zurücklässt. Cottbus ist eine der östlichsten und eine der am schnellsten schrumpfenden Städte Deutschlands, und war schon zu DDR-Zeiten abgelegen.
Für die seit 1977 aufgebaute Kunstsammlung war das ein Glück: Abseits der Blicke der Zentralregierung fanden gerade hier experimentellere Positionen Eingang in die Sammlung. Sie umfasst heute rund 23.000 Kunstwerke und hat mit dem ehemaligen Dieselkraftwerk seit einem Jahr ein standesgemäßes Domizil erhalten: einen wohlproportionierten, spätexpressionistischen Backsteinbau aus den zwanziger Jahren, eingebettet zwischen jahrhundertealten Bäumen auf einer Spreeinsel im Zentrum der Stadt. Im Sommer dringt das Plätschern eines großen Springbrunnens in die lichtvollen, klaren Räume. Keine dunklen Videokabinen, kein Flimmern, Piepsen und Schallen. Man wird ruhig in diesen Räumen – und aufmerksam für die Exponate.
- Datum 04.09.2009 - 12:18 Uhr
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- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34
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