Terrorprozess Hauptsache Dschihad

Im Sauerland-Prozess zeigen sich deutsche Islamisten als unscheinbare Jungs. Aber es gibt keinen Grund zur Entwarnung

Zwei Jahre lang, seit der Festnahme im September 2007, wurde über sie geredet, spekuliert, wurden sie zu den sichtbaren Köpfen einer unheimlichen Bedrohung erhoben – jetzt reden die Angeklagten der sogenannten Sauerland-Gruppe selbst. Ihre Geständnisse vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf erlauben tiefe Einblicke in die Motivation der Islamisten und in ihre Netzwerke. Und sie werden unser Bild vom Dschihad in Deutschland verändern.

Fanatiker in blauen Overalls, die Hände in Handschellen, eskortiert von Polizisten mit Maschinenpistolen – die ersten Fotos der »Sauerländer«, aufgenommen, als sie kurz nach ihrer Verhaftung im September 2007 in Karlsruhe aus einem Polizeihubschrauber stiegen, prägten bislang unseren Eindruck von den deutschen Islamisten.

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Spätestens seit Prozessbeginn Ende April begann sich jedoch ein anderes Bild darüberzuschieben: Abgesehen vielleicht von dem aufmüpfigen Angeklagten Adem Yilmaz wirkten die Männer hinter dem Panzerglas allesamt unscheinbar, beinahe harmlos, geradezu deplatziert im Hochsicherheitstrakt. Diese Jungspunde sollten wirklich »Anschläge von unvorstellbarem Ausmaß« geplant haben, wie die Bundesanwaltschaft ihnen vorwirft?

Auf in den Kampf – »um das Leid der Muslime zu lindern«

Die Anklage, sie scheint sich dank der Geständnisse in beinah allen Punkten zu bestätigen – aber anders als gedacht. Nüchtern berichtete der mutmaßliche Anführer der Gruppe, Fritz Gelowicz, an den ersten beiden Verhandlungstagen über seinen Weg bis in jenes Ferienhaus im sauerländischen Oberschledorn, wo die Zelle bei dem Versuch, Bomben zu basteln, verhaftet wurde. Kurz vor der Festnahme spielten die »Sauerländer« noch mit der Idee, einen Lkw-Fahrer zu überfallen, um seinen Laster als rollende Bombe einzusetzen – angeblich überwogen aber die Skrupel, einen Unschuldigen zu töten.

Dass bei den geplanten Anschlägen in amerikanischen Soldatendiscos aber auch nicht nur GIs sterben würden, hätten sie hingegen in Kauf genommen, sagte Gelowicz: Wer sich dort aufhalte, werde »der amerikanischen Sache nicht abgeneigt sein«. Es ist diese lapidare, ja zynische Differenzierung, die seine Ausführungen so unheimlich machen – dschihadistischer Abenteuertourismus eines Sinnsuchers, der am Ende den gewaltsamen Tod für unzählige Menschen bedeutet hätte.

Gleich mehrfach schilderte Gelowicz ein diffus bleibendes Gefühl, das ihn trieb, von seiner Heimatstadt Ulm aus in den bewaffneten Kampf zu ziehen. Russische Soldaten in Tschetschenien töten? Amerikaner im Irak? Oder doch Anschläge in Deutschland verüben? »Egal, Hauptsache, Dschihad« – um »das Leid der Muslime zu lindern«.

Massenmord als eine Terror-Option unter vielen? Natürlich waren die Erklärungen der Angeklagten, wie bei jedem Geständigen, auch von dem Bemühen geprägt, beim Gericht einen hohen Bonus für die eigene Offenheit zu erzielen. Doch selbst die Bundesanwälte zeigten sich »beeindruckt« und nahmen die Ausführungen weitgehend ernst: Das sei »kein taktisches Spiel mit der Wahrheit«, hieß es von den Anklägern. Und zu dem neuen Bild der »Sauerländer« passt eben auch, dass sie jetzt so ungewöhnlich offen aussagen, sogar ohne sich gegenseitig zu schonen.

Leser-Kommentare
  1. ...jedenfalls nicht vorrangig.

    Soweit den Geständnissen eine Motivation zu entnehmen war, richtete diese sich gegen die Amerikaner. Deutsche Opfer wären eher Kollateralschäden gewesen. Interessant.

    Da verstehe ich auch das Motiv Abstrakte Gefährdungssituation in den Aussagen unserer Sicherheitspolitiker.

    Das passt genau zu der zutage getretenen Motivation der Angeklagten.

    Desweiteren hatten sie zweifelslos die "Libido" zu Anschlägen, ganz sicher aber nicht die "Potenz".

    Bleibt die Frage:
    Rechtfertigen wenige derartige Verbrecher die einschneidenden und gummiartigen Gesetze, die angeblich zum Schutz vor solchen Typen eingebracht wurden ?

    Braucht man die Bundeswehr im Inneren um sich vor denen zu schützen ?

    Muss die Adresse jeder eMail die wir verschicken und Zeit und Ort jedes Telefonates das wir führen wirklich 1/2 Jahr gespeichert werden um uns vor denen zu schützen ?

  2. ...wirken Aussagen wie: "An der Kalaschnikow waren wir richtig gut." Da stellt sich natürlich sofort die Frage, wer diese Leute lenkt. Und da ist es gut zu wissen, dass es ein Ulmer "Hassprediger" war, der auf der Gehaltsliste des Verfassungsschutzes stand, jetzt aber leider nicht mehr befragt werden kann, da er in Saudi-Arabien untergetaucht ist...

  3. Was passiert denn wenn die Täter wieder draussen sind? Es wird sich schon mit anschliessender Re- Integration in die Gesellschaft beschäftigt. Ich bin mir jetzt gar nicht so sicher, ob diese Männer nur temporär fanatisch waren und sich mit ihrer offenen Aussage vor Gericht quasi selbst therapiert haben sollen. Ich gehe mal davon aus, dass sie richtig unbeobachtet nie sein werden. Es scheint in den verschiedenen Artikeln eine Färbung von Sympathie und Rehabilitierung seitens der Täter zu geben.

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