Im Frühling und Sommer des Jahres 1809 gibt es für die Berliner nur ein Thema, und das heißt: Schill. Ferdinand von Schill ist mit seinem Regiment in das Königreich Westphalen eingedrungen, jenen Staat, den Napoleon zwei Jahre zuvor in Mittel- und Norddeutschland geschaffen hat und den sein Bruder Jérôme regiert. Eigenmächtig, ohne den Befehl seines Königs, Preußens Friedrich Wilhelm III., ist Schill losgezogen und hat begonnen, gegen Napoleon Krieg zu führen – angesichts der strikten Disziplin, die im preußischen Heer herrscht, für die Zeitgenossen ein schier ungeheuerlicher Vorgang! Was nur hat ihn zu seiner spektakulären Aktion bewogen?

Dass er ein begeisterter Soldat ist, steht außer Frage. Dennoch hat der Erfolg in seinem Leben lange auf sich warten lassen. Geboren am 6. Januar 1776 in Wilmsdorf bei Dresden als Sohn eines Offiziers, trat er mit 14 Jahren in das Dragonerregiment Ansbach-Bayreuth ein. 1793 wurde Schill zum Leutnant (Seconde-Lieutenant) befördert. Diesen Rang behielt er 13 Jahre lang: Noch 1806 nannte man ihn spöttisch den ältesten Leutnant der Armee.

Doch dann wendet sich das Blatt. Während der Schlacht bei Auerstedt 1806, da Preußen im Kampf gegen Napoleons Heer untergeht, wird Schill verwundet – er erhält einen Säbelhieb über den Kopf. Er schlägt sich nach Kolberg an der Ostseeküste durch, wo er Ende Oktober 1806 eintrifft. Hier, in der Festung, die nicht vor den Franzosen kapitulieren will, beginnt für ihn ein kometenhafter Aufstieg. Am 26. Dezember 1806 wird er zum Premierleutnant befördert, am 13. Februar 1807 zum Rittmeister, am 30. Juni zum Major.

Der Lorbeer ist allerdings nicht auf dem Schlachtfeld errungen. Bereits im Dezember 1806 hat Schill rund um Kolberg damit begonnen, Freiwillige zu sammeln – versprengte Soldaten, kampfesmutige Bauern und Bürger. Am 12. Januar 1807 erhält er den offiziellen Auftrag, eine Freischar zu bilden. Drei Wochen später umfasst seine Truppe 1300 Mann. Sie operiert im Hinterland der französischen Armee. Schills Kämpfer fangen Nachschubkolonnen und Kuriere ab, greifen kleinere Truppenteile an oder locken sie in Hinterhalte. Die Spanier machen es wenig später im Kampf gegen Napoleon genauso. Auch sie nennen es den »Kleinen Krieg« – guerrilla.

Die Kunde von Schills Taten verbreitet sich in Windeseile. In Wachstuben, Kneipen und Salons werden ihm bald wundersame Taten zugeschrieben. So erzählt man sich, er sei mit sechs Franzosen zugleich aneinandergeraten und habe sie alle niedergehauen. Auch habe er vier ungewöhnlich schöne Pferde Napoleons erbeutet und dem Kaiser geschrieben, wenn er sie wiederhaben wolle, dann müsse er seinerseits die bronzene Quadriga mit den vier Rössern herausrücken, die er nach seinem Einmarsch in Berlin vom Brandenburger Tor gestohlen habe.

Am 21. Mai 1808 überreicht Friedrich Wilhelms Gemahlin, die beliebte Königin Luise, Schill eine Brieftasche aus rotem Saffian mit der Widmung »Dem braven Herrn von Schill«. Sein Freikorps wird in die reguläre Armee übernommen, die Kavallerie zum »2. Brandenburgischen Husaren-Regiment von Schill« erhoben, die Infanterie als »Leichtes Bataillon von Schill« in das Leib-Infanterie-Regiment eingereiht. Am 10. Dezember 1808 dürfen preußische Truppen nach Berlin zurückkehren, das bis dahin von den Franzosen besetzt gewesen ist: An der Spitze marschieren Schills Husaren. Eine dicht gedrängte Menschenmenge säumt die Straßen, und dieselben Berliner, die zwei Jahre zuvor noch Napoleon zugejubelt haben, rufen jetzt: »Es lebe Schill!«

Mittlerweile gibt es einen regelrechten Kult um ihn. Sein Porträt prangt auf Tassen, Schüsseln, Dosen und Pfeifenköpfen. Die Schulbuben tragen das Haar à la Schill und setzen sich papierene Husarenmützen auf. Als liebenswürdig und mitfühlend beschreiben ihn glaubwürdige Zeitgenossen, »seelenvoll« sei sein Blick gewesen. Vor allem, und das ist wichtig so kurz nach der Französischen Revolution: Standesdünkel sei Schill stets fremd gewesen.

Die Zeiten sind hart. Bis zum Dezember 1808 war das Königreich mit Ausnahme der Provinz Ostpreußen besetzt. Die Kosten für die Versorgung der 150.000 Mann starken französischen Besatzungsarmee hatte das Land selbst zu tragen. Obendrein musste Preußen sich verpflichten, 120 Millionen Franc Kriegskontribution zu zahlen. Napoleon rühmte sich später, er habe aus dem Land eine Milliarde Franc herausgepresst.