Preussen Husarenritt in den TodSeite 4/4

Am 31. Mai greifen sie an. Gratien richtet den Hauptstoß gegen den schwächsten Punkt der Festung, das Knieper Tor. Um halb zwei mittags sind die Angreifer in der Stadt. Schill entgleitet die Führung. Planlos sprengt er durch die Gassen und gibt Befehl, Stralsund in Brand zu stecken. Schließlich trifft ihn ein Schuss, leblos stürzt er vom Pferd. In Gegenwart Gratiens wird dem Toten der Kopf abgetrennt und König Jérôme übersandt. 30 Jahre bleibt das Haupt, eingelegt in Spiritus, in einem Leidener Museum, dann wird es in Braunschweig beigesetzt.

300 bis 400 der Schillschen sind gefallen, 569 geraten in Gefangenschaft. Etwa 400 haben sich unter der Führung des Leutnants Hans von Brünnow aus der Stadt gerettet. Die Sieger üben grausame Rache. Unter denjenigen Gefangenen, die aus dem Königreich Westphalen stammen, werden 14 Männer ausgelost und als Deserteure in Braunschweig erschossen. Elf Offiziere des Schillschen Regiments – fünf Bürgerliche und sechs Adelige – bringt man nach Wesel am Niederrhein; Napoleon hat verfügt, sie »comme brigants«, »wie Straßenräuber«, zu behandeln. So sterben sie denn, in einem kurzen Militärprozess zum Tode verurteilt, am 16. September 1809 vor der Stadt im Kugelhagel des Exekutionskommandos. Der Jüngste, Karl von Keffenbrink, ist noch keine 18 Jahre alt. Die übrigen Gefangenen werden als Galeerensklaven nach Frankreich verschleppt und kommen erst 1814 wieder frei.

Für Friedrich Wilhelm III. und seine beiden Nachfolger, Friedrich Wilhelm IV. und dessen Bruder, den späteren Deutschen Kaiser Wilhelm I., blieb Schill wegen seiner »Insubordination« eine Unperson. Doch in den trüben Zeiten des Vormärz verehrten ihn viele Menschen als einen Mann, der gegen den Willen der Herrschenden ganz aus eigenem Antrieb heraus gehandelt hatte. Der demokratisch gesinnte Historiker Wilhelm Zimmermann feierte den Freischarführer, der selbst keinerlei republikanische Ideen verfocht, 1837 als einen »hellen Stern in Deutschlands Nacht«, den »Deutschland nie vergessen« werde. Ein Jahrhundert später beriefen sich dann auch Kräfte auf den preußischen Major, die nicht Deutschlands Freiheit, sondern die Weltherrschaft im Sinn hatten. Sie haben mit ihrer verlogenen Glorifizierung Schills und der Schillschen Offiziere die ehrliche Erinnerung an diese Episode unserer Geschichte auf lange Zeit verdunkelt.

Der Autor ist Historiker und lebt in Apolda bei Weimar. Mehr zum Thema in der Schill-Ausstellung »Für die Freiheit – gegen Napoleon«, die vom 20. September bis zum 31. Januar 2010 im Preußen-Museum Wesel (Tel. 0281/339960) und anschließend in Braunschweig gezeigt wird. Der Begleitband, hrsg. v. Veit Veltzke, ist im Böhlau Verlag, Köln, erschienen (440 S., 29,90 €)

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Schill

    (entfernt. Bitte verzichten Sie auf geschichtsrevisionistische Äußerungen. Die Redaktion/jk)

  2. [...] (Bitte verzichten Sie auf das Posten von Werbung. Die Redaktion /ft)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service