Von einer "Riesenenttäuschung" sprachen die Aktienanalysten, von einem "Schock" und einem "Desaster". Sie ließen kein gutes Haar an Q-Cells, dem Vorzeigeunternehmen der deutschen Solarbranche. Der weltweit größte Hersteller von Solarzellen mit Sitz in Thalheim bei Bitterfeld musste kürzlich für das zweite Quartal ein Minus von 62 Millionen Euro bekannt geben – im Vorjahreszeitraum lag der Gewinn noch bei 60 Millionen Euro. Die Umsatzprognose für 2009 kassierte das Unternehmen lieber, stattdessen verkündete es die Ausweitung der Kurzarbeit. Dabei hatte Firmenchef Anton Milner wenige Tage zuvor noch ganz zuversichtlich geklungen: Er rechne im zweiten Halbjahr mit einer Erholung der Märkte. An diesem Donnerstag nun will er weitere Details zur Geschäftsentwicklung und einen Krisenplan des Managements vorstellen.

Die Lage ist nicht mehr zu beschönigen. Ob Conergy, das an diesem Donnerstag seine Halbjahreszahlen vorlegt und wohl einen Umsatzeinbruch melden wird, ob kleine Unternehmen wie die Fürther Sunline AG, die vor Kurzem Insolvenz anmelden musste, oder Branchenriesen wie Q-Cells: Die deutsche Solarbranche ist in einer Krise. "Der Solarmarkt hat sich seit Ende 2008 enorm gewandelt", sagt Matthias Fawer von der Schweizer Bank Sarasin. "Der fallende Ölpreis, Probleme bei der Finanzierung und Veränderungen bei den Förderprogrammen haben die Nachfrage enorm einbrechen lassen." Über das Geschäft mit der Sonne legt sich ein Schatten.

Überleben werden die Firmen, die alle Produktionsstufen vereinen

Vor allem Spanien ist für die Misere verantwortlich. Überraschend deckelte Madrid im vergangenen September den Fördertopf. Damit brach der global wichtigste Solarmarkt – der zuletzt mit einer jährlichen Wachstumsrate von 200 Prozent gelockt hatte – ein. Weltweit sieht es nicht besser aus. Die Schweizer Bank Sarasin rechnet für dieses Jahr erstmals mit einem globalen "Wachstum" von null Prozent. Und das nach dem Boomjahr 2008, in dem die Leistung der installierten Photovoltaikanlagen weltweit noch um 126 Prozent gewachsen war.

Diese Entwicklung trifft insbesondere auch die deutschen Hersteller, deren Exportquote mehr als 40 Prozent beträgt. Bei Q-Cells warteten im Frühjahr Zellen mit einer Leistung von 60 Megawatt auf Käufer, eine ungewohnte Situation für Firmenchef Anton Milner: "Früher haben wir nie ein Lager gebraucht." Um bis zu 30 Prozent sind die Preise für Solarmodule in den vergangenen Monaten gefallen – und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Erstmals seit Jahren müssen die Hersteller ihr Marketing bemühen, um die Produktion loszuwerden. Im Namen des Bonner Konzerns Solarworld wirbt inzwischen Fußballstar Lukas Podolski für die "Dachsparkasse".

Größte Verkaufshilfe in der Heimat ist nach wie vor die lukrative Förderung im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Jede eingespeiste Kilowattstunde Solarstrom wird per Umlage mit mehr als 40 Cent vergütet. Für die üppige Förderung hatte die Branche jahrelang Lobbyarbeit betrieben und mit kleingerechneten Zubauraten dafür gestritten. Mithilfe des EEGs wurden aus kleinen Klitschen börsennotierte Konzerne, darunter international agierende Firmen wie Q-Cells und Solarworld. Rund 10.000 Unternehmen mit knapp 50.000 Mitarbeitern verdienen inzwischen nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft in der Photovoltaikbranche ihr Geld, rund sieben Milliarden Euro betrug der Gesamtumsatz 2008.

Allein vergangenes Jahr schlossen die Deutschen Anlagen mit einer Kapazität von 1500 Megawatt ans Netz. Allerdings produzieren Solarzellen nur bei Sonnenschein Strom, ihr Wirkungsgrad ist im Durchschnitt gering. Und so lag der Anteil des Solarstroms am Bruttostromverbrauch in Deutschland im Jahr 2008 bei gerade einmal 0,7 Prozent – der letzte Platz unter den erneuerbaren Energien, die es insgesamt auf immerhin 15,1 Prozent schaffen. Nur knapp drei Millionen Tonnen Kohlendioxid wurden dem Klima durch Solarstrom erspart.

Gemessen an der verbauten Stromleistung, kann der deutsche Markt auch dieses Jahr weiter wachsen. Der europäische Branchenverband EPIA schätzt, dass die zusätzlich verbaute Leistung in Deutschland 2009 um 50 Prozent über der des vergangenen Jahres liegt. Selbst das unabhängige Fachmagazin Photon hält 2009 für Deutschland einen Zubau von mehr als 3000 Megawatt für möglich. Die ersten offiziellen Zahlen geben diesen Prognosen recht: Nach Angaben der Bundesnetzagentur hat sich die Zahl der neuen Solarstromanlagen allein von Januar bis April Monat für Monat verdoppelt. Insgesamt 15.000 Anlagen gingen bis Ende April ans Netz. "Die Deutschen nutzen die Chance: Sie kaufen sich qualitativ hochwertige Solarstromanlagen zu Preisen von teils nur noch 3200 Euro pro Kilowatt – als Endpreis inklusive Montage und Netzanschluss. Letztes Jahr zahlten sie noch weit über 4000 Euro", sagt Photon - Experte Bernd Schüßler.