Tobias Rau, der Aussteiger Sprung ins Lehramt
Der ehemalige Fußballprofi Tobias Rau tauscht den Sport gegen ein Studium.
© Michael Löwa für DIE ZEIT

Tobias Rau: »Wenn du als Fußballer aufwachst, ist der Leistungsdruck da!«
Tobias Rau ist noch einmal ins Stadion gekommen. Ein paar Tage vor dem Bundesligastart geht er durch die Arena des VfL Wolfsburg. 27 Jahre ist er alt, im besten Fußballeralter, wie es in der Branche heißt. Doch vor ein paar Wochen hat er etwas sehr Ungewöhnliches getan: Er tauschte sein Leben als Profifußballer freiwillig gegen ein Lehramtsstudium. »Ich verspürte große Lust, ein ganz normales Leben zu führen«, sagt er.
Ein wenig ist seine Freundin Elsa schuld. Sie kennen sich seit dem Abitur. Er bestand wegen der Doppelbelastung als Fußballheld und Gymnasiast mit 3,7, sie war eine gute Schülerin. Als er später für Bayern München spielte, studierte sie Erziehungswissenschaften. In den vergangenen vier Jahren trainierte er für Arminia Bielefeld und besuchte Elsa danach in der Uni-Mensa. Durch sie lernte er das Studentenleben kennen.
Elsa beginnt im Frühjahr ihr Referendariat in Bielefeld, Tobias Raus Studium startet am 12. Oktober. »Schaffst du das eigentlich?«, fragt ihn ein ehemaliger Mannschaftskollege, den er bei seinem Besuch in der VfL-Arena trifft. Tobias Rau sagt, dass Elsa sagt, er schaffe das auf jeden Fall, weil er so diszipliniert sei.
Wenn du als Fußballer aufwachst, ist der Leistungsdruck da!
Tobias Rau
Als er noch Profi war, stellte er sich immer einen Wecker und schlief dennoch unruhig. »Wenn du als Fußballer aufwachst, ist der Leistungsdruck da!«, sagt er. Wer nicht pünktlich beim Training erscheint, könne nicht zeigen, dass er besser sei als sein Konkurrent. Sein ehemaliger Mannschaftskollege nickt.
Viele andere ehemalige Mitspieler konnten seinen Entschluss zunächst nicht verstehen. Er sei doch fit, von schlimmen Verletzungen verschont geblieben, habe Angebote aus dem Ausland, von deutschen Vereinen und hätte auch weiter für Bielefeld spielen können, hielten sie ihm vor. Tobias Rau erzählte ihnen dann, wie lange er schon daran denke, ein Studium zu beginnen. Er sprach von den Veränderungen im Fußball, von der Bedeutung des Geldes, den Beratern, der Anspannung, dem öffentlichen Druck und davon, dass jeder Profi sich nebenbei auch noch den Körper ruiniere. Nach diesen Gesprächen verstanden ihn alle.
Wenn in dieser Saison die Bundesligisten spielen, wird Tobias Rau samstags zu Hause oft auf der roten Wildledercouch sitzen. Im Fernsehen sieht er dann die Spieler sprinten; Zehntausende Fans jubeln. Vielleicht denkt er kurz daran, dass nun vollbracht ist, was in den Zeitungen stand: sein Wandel vom »Supertalent« zum »Top-Flop«. Dann trinkt er vielleicht einen Schluck Bier.
Das »Supertalent« war er vor sechs Jahren. Das Wort Bilderbuchkarriere traf zu. Tobias Rau lebte, wovon alle fußballwahnsinnigen Jungs träumen: Im Alter von vier Jahren spielte er für die Sportfreunde Ölper, ab der U15 war er Teil aller Jugendmannschaften des DFB, er brillierte für Eintracht Braunschweig, lockte die Späher der Bundesligisten, wechselte zum VfL Wolfsburg und wurde schließlich von Rudi Völler ins Nationalteam geladen.
Zu einer Zeit, als Deutschlands größte Herausforderung darin bestand, eine Nationalmannschaft mit Perspektive zu formen, beeindruckte er in Wolfsburg auf der linken Abwehrseite. Viele Experten sagten voraus, dass er 2006 auf der Andreas-Brehme-Position zum WM-Team gehören würde. Als dann Uli Hoeneß anrief, legte seine Freundin fast wieder auf. Elsa kannte den Namen Hoeneß nicht, gab den Hörer weiter. Ihr damals 21-jähriger Freund redete mit dem Manager aus München, überlegte danach lange und unterschrieb einen Vertrag beim FC Bayern. Hier endet die Heldengeschichte.
In München lief er in zwei Spielzeiten 13 Mal für die Profis aufs Feld. Mal waren die Muskeln gezerrt, mal die Gelenke verstaucht, mal ein Muskelbündel gerissen oder sein Konkurrent einfach besser. Ein Fußball-Promi war er dennoch. Wenn er eine Bar besuchte, musste er daran denken, wie es in der Öffentlichkeit ankommt, wenn er ein Bier trinkt. Einmal gab er ein langes Interview, es ging um Fußball, Karriere und die WM 2006. Kurz fragte der Reporter noch, ob er gläubig sei. Weil Tobias Rau zu Weihnachten in die Kirche geht, sagte er: Ja. Am nächsten Tag lautete die Überschrift über dem großen Artikel: Jesus ist mein Vorbild.
Irgendwann in dieser Zeit fragte sich Tobias Rau: Soll das alles sein?
Nach dem Wechsel von den Bayern zu Arminia Bielefeld war er wieder kein Stammspieler, verletzte sich leicht, machte ein paar Spiele, saß wieder auf der Bank. In vier Jahren in Bielefeld arbeitete er unter sieben Trainern. Alle erwarteten viel vom einstigen Nationalspieler. Er sollte die Mannschaft führen – und suchte sich einen Mentaltrainer. Von dem erfuhr er, dass viele Fußballer dessen Hilfe brauchten. Der Druck hörte nicht auf. In der Zeitung las er Schlagzeilen wie Rau vorm Karrierestau oder Rau vorm Super-GAU. Jetzt war er der »Top-Flop«.
In der Ersten und Zweiten Liga spielten in der vergangenen Saison etwas mehr als tausend Profis. Für alle ist die Karriere irgendwann beendet, aber auf die wenigsten wartet ein Job als Manager der Nationalelf oder als Trainer eines Bundesligisten. Eine Untersuchung unter 150 Fußballprofis aus dem Jahr 2004 besagt, dass 90 Prozent aller Spieler nach der aktiven Laufbahn einen Job suchen.
In fünf Jahren will Tobias Rau Gymnasiasten unterrichten. Im Bachelorstudiengang hat er Sport und Erziehungswissenschaften gewählt, im Master will er Chemie belegen. Er sagt, er müsse sich bestimmt erst einmal einfinden, üben, lange Texte zu schreiben. Aber Elsa werde ihm helfen.
In Wolfsburg wird er nach seinem Stadionrundgang von einer Frau erkannt. »Mal wieder in der alten Heimat! Sie studieren doch jetzt?«, sagt sie. »Ja«, antwortet er, »in Bielefeld.« Sie wünscht alles Gute und fragt nicht nach einem Autogramm. Tobias Rau freut das. Er vermisst es nicht, seinen Namen zu schreiben.
- Datum 04.09.2009 - 12:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34
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Gratuliere zu dieser mutigen Entscheidung und viel Erfolg!
aus einer ähnlichen Situation grüßt
Hinterfrager
7 länderspiele sind schon mal eine gute vorrausetzung, um im sportunterricht bei den pubertierenden jungs als respektsperson wahrgenommen zu werden ;)
allerdings muss da natürlich noch mehr kommen. wenn jemand aber das rückgrat für solch eine entscheidung hat, mache ich mir ehrlich gesagt wenig sorgen.
gratulation!
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Essentially, all models are wrong, but some are useful. george e.p. box
War ein sympathischer Spieler, der aber rechtzeitig gemerkt hat, dass er nicht mehr weiterkommt. Hatte vorher viel Glück. Das wünsche ich ihm auch für sein weiteren Leben. Er
Ergänzung zu 3,.) Er wird es schon schaffen, wie Millionen andere auch !
3,x
Die Besten, in allen Lebenslagen!
*high five*
gute entscheidung. jetzt bist du einer von uns :)
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