Die Erfindung der Freundschaft Nenn mich Schwester

Um 1800 wurden die Frauen im Namen der Freiheit endlich beste Freundinnen. Auch von Männern

O es wäre eine Freude, so eines Mannes Freund zu sein«, hat der Dichter im Sehnsuchtston des freundschaftlichen 18. Jahrhunderts über den Bürger gesagt: Friedrich Hölderlin nämlich über Christian Friedrich Daniel Schubart, den deutschen Aufklärer und Revolutionär, der sich, eigenartig, wie er war, in die üblichen bürgerlichen Verhaltensformen nicht fügte. Eigenartig, einzigartig, die Individualität erprobt sich noch, und in der Freundschaft kann sie am besten üben.

So eines Mannes Freund! Das ist die Rhetorik der revolutionären Epoche, doch darin klingt, nach 2000 Jahren, immer noch ein wenig jene dem Aristoteles zugeschriebene Klage nach, die männliche Frage nach der Einzigartigkeit der Begegnung unter Einzigartigen: »Liebe Freunde, es gibt keinen Freund« Weil nur die allerwenigsten als Bürger und Menschen wirklich tugendhaft sind, meinte Aristoteles, ist Freundschaft ein seltenes Gut, und er meinte natürlich: unter Männern, unter tugendhaften Staatsbürgern also.

Anzeige

Wer in diesem Sinne gern ein Freund wäre, ist deshalb meistens allein. Erst der französische Philosoph Jacques Derrida hat vor zehn Jahren in seinem Buch Politik der Freundschaft seine Irritation über die auffallende Männlichkeit der philosophischen Freundschaftsgeschichte festgehalten und dies besonders verärgert an Carl Schmitts Freund-Feind-Denken festgemacht: »Vergeblich würden Sie nach der Gestalt einer Frau, nach einem einzigen weiblichen Umriss, nach der leisesten Anspielung auf die Geschlechterdifferenz Ausschau halten.«

Es gibt aber einen Moment in der Geschichte, wo dies so gar nicht zutrifft, die Jahre in den Salons der deutschen Weltbürger nämlich, denen das irdische Wohlergehen aller Menschen so wichtig ist wie das Ideal, dem sich Geist und Seele verschreiben: Vielleicht ist um 1800 nichts so bleibend verführerisch wie die Idee, dass Männer und Frauen einander als Freunde angstlos nahe sein können, aneinander durch Zuwendung moralisch wachsen, einander ermöglichend und erfindend, einander intellektuell bereichernd, alle Nähe und Distanzvarianten erprobend, jenseits der Pflichten der Ehe, jenseits der Sterbensangst bei Schwangerschaft und Geburt, jenseits der Pflichten von Stand und Familie. Das würde alle Verhältnisse umkehren!

So kann die Berliner Jüdin Henriette Herz, die 1792 einen Freundschaftsbund gründet, sich der Herzensbildung ihres Freundes Wilhelm von Humboldt widmen, und so kann dieser in sein Tagebuch notieren, was eine Freundin kann, weil Seelenforschung und Selbstkultivierung am besten durch das Neuvermessen von Geschlechterdifferenzen glücken: »Weiberfreundschaft, Beschäftigung mit Weibern überhaupt, durch dies alles Studium der Charaktere, Streben, sich in andrer Ideen hineinzudenken, ihre Handlungsweise anzunehmen, mit einem Wort raffinierte Kunst des Umgangs«. Der ganze Zweck des Freundesbunds ist »Beglückung durch Liebe«, das heißt »moralische Bildung«, und dies geht nur, wenn Frauen und Männer miteinander Empfindsamkeit üben. Diese Offenheit kehrt dann tatsächlich bald Verhältnisse um, auch in den Ehen: »Ich wollte Dir nur recht anrathen, mein geliebter Freund, und liebes Kind«, schreibt Rahel Varnhagen ihrem Mann Karl August, »recht Du selbst zu sein.« Freund, Kind, Mann, ein Selbst, alles in einer Person, das wäre vor 1800 kaum denkbar gewesen.

Was für ein Versprechen: einander vertraut sein und doch mit der Befreiung, der Kultivierung des eigenen Selbst befasst, das gäbe eine Liaison der Sicherheit mit der Freiheit, auf Dauer! Für Frauen, ob nun für eine Caroline von Humboldt, eine Dorothea Mendelssohn, eine Therese Forster oder eine Rahel Varnhagen, ist solches Individualitätstraining, die Verfertigung der Autonomie um 1800, von besonders vitalem Interesse gewesen, wie die Übungen in Autorschaft, als Briefschreiberinnen, als Reisende tausendfach belegen – ein Selbst zu werden, eine Freundin zu sein, das ist das Mindeste, wenn schon im öffentlichen Raum kaum Platz für Bürgerinnen war, für Professorinnen, für Ministerinnen.

Im Haus der Henriette Herz wurden Gefühle geprobt, deren Freundin Rahel verschob die Grenzen zwischen Empfindsamkeit und Intellektualität immer weiter. Nicht selten waren unter Freundinnen frustrierte Erwartungen an die Ehe im Spiel, aber auch Gefühle füreinander, die denen zu Männern verblüffend ähneln. »Meine liebe Seele«, schreibt Rahel an Caroline von Humboldt, »Mein würdiges, geliebtes Geschöpf«, und ebenso würde Caroline auch ihrem Mann schreiben. Und schreibt dieserart auch an Rahel: »Ich fühle, daß es Sie freuen muß, wenn ich Sie liebe, denn Sie müssen empfunden haben, daß ich viel zu lieben vermag.«

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service