Goethe und Schiller »Die waren schon dicke miteinander«Seite 5/5
ZEIT: Und was haben Sie in praktischer Hinsicht gelernt?
Safranski: Schillers und Goethes Beispiel zeigt, dass Freundschaft starke Punkte der Berührung braucht, es aber klug ist, manches Störende einfach auszuklammern. Zum Beispiel das Thema Frauen.
ZEIT: Neigen Sie eigentlich selbst zu großen Freundschaften?
Safranski: Ich bin, glaube ich, ein ziemlich freundschaftsfähiger Mensch, und vielleicht habe ich auch Talent fürs Männerbündische.
ZEIT: Verraten Sie uns einige Mitglieder Ihres Freundschaftsbundes?
Safranski: Ich habe glücklicherweise ein paar beste Freunde. Cees Nooteboom zum Beispiel. Ich gehöre zu seinen allerersten Lesern, habe den ersten Roman, den es in deutscher Übersetzung von ihm gab, gelesen: Das Paradies ist nebenan. Ein Liebes-, ein Tramperroman. Wir sind ja in den frühen sechziger Jahren alle irgendwie getrampt. Durch Europa, den Mädchen hinterher, und so weiter. Also, immer wenn ich verliebt war, habe ich das Buch der jeweils Angeliebten vorgelesen, wie ein poetisches Manifest.
ZEIT: Und später haben Sie Nooteboom dann kennengelernt.
Safranski: Ja, sehr viel später, 1988. Inzwischen hielt ich ihn für tot, wie alle mythischen Gestalten. Da sagte meine Frau: »Du, der Nooteboom liest in der Wolffschen Buchhandlung in Berlin.« Da sind wir dann hingegangen. Nach der Lesung habe ich ihm mein altes Buch von ihm zum Signieren gereicht. Und da zieht der Nooteboom auf einmal aus seiner Tasche mein kurz davor erschienenes Schopenhauer-Buch heraus. Na, dann haben wir uns wechselseitig verewigt.
ZEIT: Ein Werkanerkennungsprozess wie bei Goethe und Schiller. Leben wir eigentlich noch in einer Zeit der Freundschaft?
Safranski: Ich glaube, uns ist da mittlerweile was verloren gegangen, und zwar dieses sehr kluge Ausbalancieren von Berührung und Distanz. Wir neigen doch eher dazu, ständig authentisch sein zu wollen, vulgär, wir kleben aufeinander. Das Bewusstsein, die Ferne des Gegenübers erst einmal anzuerkennen, sich dann entschließen zur Freundschaft und sich aufeinander einspielen über lange Zeit – ich glaube, leider, das ist seltener geworden. Wir haben entweder Beziehungslosigkeit oder klebrige Nähe. Es fehlt an Form, mit Benn gesagt: Was bist du dann, du Weichgestänge…
Das Gespräch führten Ijoma Mangold und Adam Soboczynski
- Datum 14.08.2009 - 17:18 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren