Italien Silvio Bonaparte

Warum die Italiener trotz allem Berlusconi wählen

Ein Phänomen: Italiens Premier Silvio Berlusconi

Ein Phänomen: Italiens Premier Silvio Berlusconi

Todi, Italien - Natürlich landen alle Gespräche bei Silvio Berlusconi, der Italien nun zum dritten Mal regiert. Eine Erklärung kann aber weder die Marchesa noch der Senatore liefern, weder der Öl-Bauer noch der Amateur-Jäger (der selbstverständlich außerhalb der Saison auf Wildschweinjagd geht).

Nur richtig unglücklich über den »Kavalier« gibt sich keiner. Faschismus? »Unsinn«, antwortet der römische Politiker, »der Mann hat doch keine Bewegung hinter sich, allenfalls ist er selber eine.« Außerdem: Was nütze es, in diesem Land die Hebel der Macht zu packen, wenn die sich nicht bewegen lassen?

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Ja, aber, wendet der Gast ein, Berlusconi formt die Gesetze zum eigenen Nutzen und terrorisiert die unabhängigen Medien. Richtig, antwortet der Senator, aber die Leute bewundern ihn. Wie das? »Dieser Sohn eines Bankbeamten hat es bis ganz nach oben geschafft, und er macht mit dem Staat, was die Leute selber gern täten – ihn austricksen und ausnützen.«

Die Bewunderung des furbo, des gerissenen Hundes, der den eigenen Vorteil durchzusetzen weiß, ist ein italienisches Klischee. Nur trifft es die Sache nicht. »Wen sollen wir denn wählen?«, fragt der Stararchitekt. »Die Linke? Die ist diskreditiert und zumindest scheintot.« Und die Democrazia Cristiana, diese Volkspartei, die das Land fast ein halbes Jahrhundert lang regiert hat? »Die ist seit 1994 tot, implodiert.«

Die Dauerkrise der demokratischen Linken richtet den Blick auf die Nachbarn. In Frankreich herrscht eine Figur, die den Vergleich mit Berlusconi provoziert. Auch Sarkozy verkörpert einen postmodernen Bonapartismus, und dies, weil die Sozialisten kein Gegengewicht mehr sind. In Deutschland steckt die SPD im Ghetto der paarundzwanzig Prozent. Labour in Britannien ist on the way out. In Italien aber gibt es keine Tories, die nach langer Opposition kurz vor dem Wahlsieg stehen, auch keine Christdemokraten, die in Deutschland ein zweites Mal die Kanzlerin stellen werden.

Hinter der Krise der Linken lauert die Krise der Institutionen, und wenn die versagen, triumphieren die kleinen Napoleons. Wo sonst kann ein Zivilprozess 30 Jahre dauern? Früher hieß es: Die Italiener können sehr gut ohne Regierung leben, heute schaffen sie es auch ohne Parteien, die bezeichnenderweise ständig ihre Namen ändern.

Ist Buffo Berlusconi vielleicht die Avantgarde der Postdemokratie? Man darf es verneinen. In den Anglo-Ländern klappt der friedliche Machtwechsel. In Kontinentaleuropa macht sich ein anderes Phänomen breit, das der neuen Konservativen, die zugleich »links« und »rechts« sind und so die Linke marginalisieren oder radikalisieren. Das ist auch »postdemokratisch« und nicht gut für die Demokratie, die von der Alternative lebt. Aber nördlich der Alpen funktionieren die Institutionen des Staates wie auch der Zivilgesellschaft als mächtiges Bollwerk gegen den mediengetriebenen Populismus.

Und in Italien? Die frisch geteerten Provinzstraßen Umbriens, die DSL-Anschlüsse im Hinterwald flüstern: Das Land als solches funktioniert doch, irgendwie – mit oder ohne Berlusconi.

Josef Joffe

Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier (Archiv)

 
Leser-Kommentare
  1. zb. den senatore, den star-architekten und die marchesa (die dann allerdings doch nicht zu worte kommt, aber das macht nichts, es geht herrn joffe ja nur um des lesers einfuehrung in die kreise, in denen er verkehrt). diese experten fuer die befindlichkeiten des typischen italieners erklaeren uns dann mit ueberlegenem gestus, aeh, ja was eigentlich? eigentlich gar nichts.

    »Dieser Sohn eines Bankbeamten hat es bis ganz nach oben geschafft, und er macht mit dem Staat, was die Leute selber gern täten – ihn austricksen und ausnützen.«

    die worte eines italienischen senators ueber die menschen, die er angeblich vertritt. man muss nur die richtigen leute fragen. dann demaskieren sie sich in ihrer arroganten eitelkeit ganz von alleine.

    • HBogon
    • 15.08.2009 um 20:19 Uhr

    Joffe erklärt uns die Welt und bereitet uns schon einmal darauf vor, dass man auch ohne Demokratie irgendwie leben, na ja, zumindest überleben kann. Alles halb so wild also ...

    Immerhin vielen Dank, Herr Joffe, für diese klaren Worte, die Ihr Denken doch erstaunlich unmissverständlich preisgeben.

    Mit Rücksicht auf die Zensurbehörde der ZEIT kann ich leider hier nicht deutlicher werden.

  2. Da die Amerikaner GW Bush wiedergewählt haben, sollte man sich über die Wiederwahl Berlusconis' nun wirklich nicht mehr aufregen.
    Es soll ja auch Menschen in Deutschland geben die tatsächlich eine der beiden großen Parteien wählen werden, und das nach dem was sie die letzten vier Jahre (nicht) gemacht haben.
    Erstaunlich was man alles machen kann und den Wähler scheints nicht mal zu interessieren...

  3. Bin mir zwar bewusst, dass ich jetzt die andere Wange hinhalten darf, aber ich muss gestehen, ich fand den Artikel in seiner Kürze unterhaltsam und nicht uninteressant.
    Im Grunde wird ja nur ein Trend beschrieben, dass die romanischen Länder Europas derzeit ihr politisches Herz den Napoleoniden schenken. Das kann man wohl so stehen lassen.
    Die Demokratie wird hier nicht gleich zu Grabe getragen, wie mir scheint. Ist halt doch die schlechteste Staatsform, abgesehen von allen anderen.

  4. Um ein vollständigeres Meinungsbild zu der politischen und sozialen Situation in Italien zu bekommen, sollte man außerdem einen jungen Familienvater, eine Universitätsabsolventin, einen afrikanischen Immigranten, einen Rentner und einen Arbeitssuchenden befragen.

  5. Aber ich glaube, um das Phänomen Berlusconi zu verstehen, braucht es die italienische Mentalität, die wir hier zum Teil belächeln, sie manchmal um sie beneiden, aber ganz sicher nicht wirklich vestehen. Das ist halt Italien. Und ich wünschte, wir hätten von dieser Leichtigkeit etwas abbekommen. Aber Gott meinte wohl, wir wären dafür zu pingelig, obwohl wir doch gerade unter Beweis stellen, daß wir auch mit oder ohne Merkel ganz ordentlich zurecht kommen. Denn spüren tut man diese Dame ohnehin nur bei Spitzentreffen, Talkshows oder sonstigen Veranstaltungen, bei denen man sich in Szene setzen kann. Ist wie Italien, nur daß Berlusconi sicherlich mehr Spass mit seinen Mädels hat. Ich gönn's ihm, aber auch danach dann wieder die Schelte, die er sich dann wieder einfangen muss. Aber zumindest lebt er.

    • PeKara
    • 16.08.2009 um 14:17 Uhr

    ... dass der Wähler den jenigen sich aussucht, der subjektiv am ehesten seine Interessen vermeindlich verteidigen will. Deshalb versuchen die modernen Parteien alle Schichten der Wähler mit stinkenden Versprechungen für sich zu gewinnen. Und teilweise haben sogar Erfolg. Berlusconi, Obama, Angela, Sarkozi, Sapatero... sind lediglich Strategen der Lüge und Verteidiger der eigenen Macht: Man wählt sie, wenn keine bessere Alternative zu existieren scheint; in vielen Fällen sind wirklich keine vernünftigen Alternativen vorhanden: Beispiel Italien.
    Einziger Ausweg für den aufgeklärten Wähler ist "Blanko" wählen: kein Kreuz, niemand wählen... aber das ist auch nicht der Sinn der Demokratie. Also Berlusconi wieder Wählen, auch wenn man weiss, dass er ein Schurke ist.

    • Gast09
    • 16.08.2009 um 19:28 Uhr

    Die politischen Verschiebungen in Italien und Frankreich, zu Führerfiguren mit Charisma statt mächtiger Parteien, sind auch eine Folge des Wahlmodus in diesen Ländern. Die direkten Demokratien, erlauben den Wählern ja gerade diese Mehrheitsentscheidungen, stellen die Direktkandidaten in Wettbewerb um das Mehrheitsvertrauen und Mehrheitsinteresse der Wähler. Unser Demokratiemodell, in dem die unterlegenen Direktkandidaten sich über ihre parteiintern ausgekegelten sicheren Listenplätze, per Zweitstimmen dennoch als demokratisch legitimiert nennen dürfen, ist ja auch ein seltenes Kuriosum. Unser Wahlrecht schützt doch definitiv die Hälfte aller Mandatsträger vor der direkten Abwahl, stärkt mit den Zweit- oder Parteistimmen die Macht der Parteien und eröffnet spendablen Lobbyisten Wahlkampfkassen zu füllen, um anschließend begünstigende Gesetzgebung zu erhalten. Berlusconi oder Sarkozy sind immerhin mit Mehrheit der Erststimmen gewählt und bleiben ihren Wählern, wie die übrigen Mandatsträger auch direkt abwählbar, wenn sie das Mehrheitsinteresse der Wähler nicht respektieren.

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    Bei der letzten italienischen Parlamentswahl 2008 war es gar nicht möglich einen Kanditaten direkt zu wählen. Sämtliche Abgeordneten und Senatoren sind über die starren Listen ihrer Parteien ins Parlament eingezogen. Widerborstige Parlamentarier sind so nicht zu erwarten, ganz im Gegenteil! Wie man der Presse der letzten Wochen entnehmen durfte, ist der ein oder andere nicht nur durch sprichwörtliche A.schleckerei zu Amt und Würden gekommen.

    Bei der letzten italienischen Parlamentswahl 2008 war es gar nicht möglich einen Kanditaten direkt zu wählen. Sämtliche Abgeordneten und Senatoren sind über die starren Listen ihrer Parteien ins Parlament eingezogen. Widerborstige Parlamentarier sind so nicht zu erwarten, ganz im Gegenteil! Wie man der Presse der letzten Wochen entnehmen durfte, ist der ein oder andere nicht nur durch sprichwörtliche A.schleckerei zu Amt und Würden gekommen.

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