Das bislang Auffallendste, leider auch Nachhaltigste an diesem Wahlkampf ist der Auftritt zweier Komiker. Der erste, Hape Kerkeling, lässt im Kino eine von ihm verkörperte Kunstfigur namens Horst Schlämmer als Kanzlerkandidaten auf die Wähler los. Eine seiner Forderungen lautet "Sonnenbank für alle", und seinen politischen Standort hat er eindeutig bestimmt: Seine Partei ist "konservativ, liberal, links und alles". Der andere, der frühere Titanic-Chef Martin Sonneborn, nennt nicht nur einen vor Kurzem angelaufenen Film Die Partei – er hat auch eine solche gegründet, die allerdings mit fragwürdiger Begründung von der Bundestagswahl ausgeschlossen worden ist. Sonneborns "Partei" konzentriert sich auf eine gewaltige Aufgabe, den Wiederaufbau der Mauer, ansonsten aber gibt sie sich breit aufgestellt wie eine Volkspartei: "Für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative".

Das Echo in den Medien ist gewaltig, doch wohl kaum allein dafür verantwortlich zu machen, dass die Resonanz der Wähler weit freundlicher ausfällt als ihre Reaktion auf den Wahlkampf der echten Kandidaten: Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa würden 18 Prozent der Deutschen Horst Schlämmer sofort ihre Stimme geben.

Bei aller Liebe zum grandiosen Kerkeling: Hier müsste der Spaß aufhören, vor allem für den politischen Betrieb in der Republik. Schlämmer und Sonneborn sind eine Art Spiegelbild der etablierten Parteien und vermutlich auch eines Teils jener Beobachter, die sich hauptberuflich mit ihnen beschäftigen. Über reale Wahlparolen wie "Anpacken. Für unser Land" (SPD) oder "Wir haben die Kraft" (CDU) sagt sogar Sonneborn im Interview mit dem Tagesspiegel, dass sie von seiner "Partei" auch nicht belangloser hätten erfunden werden können. Und für einige Politiker, die in seinem Film mitmachen, empfindet Sonneborn eine Mischung aus Ekel und Mitleid: "Das ist das Furchtbare. Sie sind jederzeit bereit, sich vor der Kamera demütigen zu lassen."

Dabei kann man Kerkeling und Sonneborn noch zugutehalten, dass sie die Politik mit deren eigenen Kodizes karikieren und kritisieren. Dass sich Politiker zu Deppen machen oder wie Deppen dargestellt werden, wie Finanzminister Peer Steinbrück gerade beklagt hat, ist deshalb vielleicht noch harmlos, gemessen an drei Varianten der Bürgerverweigerung: Der Anteil der Nichtwähler betrug bei den letzten Europawahlen 56,7 Prozent, bei der Landtagswahl in Bayern 41,9 Prozent; es entstehen neue Interessenvertretungen wie zum Beispiel die Piratenpartei, die sich an verärgerte Internetnutzer wendet (Parole: "Sie werden sich wünschen, wir wären politikverdrossen"), und das Vertrauen der Bürger in die Effizienz ihrer Vertreter schwindet – 56 Prozent sagen in einer stern- Umfrage, dass keine Partei mit den Problemen fertig würde.

Aus der Sicht von Politikern, die gerade das Land durch ziemlich schwieriges Fahrwasser steuern, ist das natürlich ungerecht. Und es ist ja auch wahr: Deutschland ist immer noch und gerade im Vergleich mit den meisten anderen Staaten eine mustergültige Demokratie, in der Politiker zwar gelegentlich die Bodenhaftung verlieren – so wie Ulla Schmidt bei der Begründung für ihren Dienstwagengebrauch ("Das steht mir zu") –, für ihre eher kleinen Affären dann aber mit einem Furor verfolgt werden, als hätten sie die Goldreserven der Bundesbank gestohlen.

Und sie selbst würden ihre mangelnde Anziehungskraft womöglich noch zu ihren Gunsten zu deuten wissen, als sei etwa die Stimmenthaltung auch Zeichen einer Grundzufriedenheit der Wähler mit dem System, zumindest aber ein Signal des Vertrauens – fühlten sich die Bürger bedroht, würden sie sich stärker mobilisieren lassen. Das Gegenteil ist leider wahrscheinlicher: Denn eine hohe Wahlbeteiligung, so der Wahlforscher Karl-Rudolf Korte, ist immer auch "Ausdruck der sozialen Integration einer Gesellschaft". Ein Blick auf die unheilvollen Populisten in anderen europäischen Ländern – von Ungarn über die Slowakei und Österreich bis nach Italien – reicht übrigens, um zu ermessen, wer davon profitiert, wenn Vertrauensverlust und Desintegration das Bewusstsein vieler Wähler bestimmen.