Die Frau weiß nicht, wohin. Sie kommt aus der Gegend um Leipzig, ist zuletzt auf einer Burg im Taunus interniert gewesen und sucht nun dringend ein neues Zuhause. Gotha bietet sich an, da hat sie Freunde. Aber die Gastgeber geraten ihretwegen gleich in Schwierigkeiten, sie muss wieder abfahren. Wohin bloß? Nach Amerika? Das erwägt sie ernsthaft. Entscheidet sich dann aber für Dresden. Die Stadt indes weist ihren Antrag auf Niederlassung ab. Jetzt bleibt nur noch ihre Geburtsstadt Göttingen . Doch von der Landesregierung in Hannover kommt die Verfügung, sie sei Persona non grata und dürfe Göttingen nicht betreten. »Meine Existenz in Deutschland ist hin«, klagt sie bitter.

Was um Himmels willen hatte sie verbrochen, die schöne junge Witwe von gerade mal dreißig Jahren, Mutter eines kleinen Mädchens und aus honettester Familie stammend? Caroline Michaelis, am 2. September 1763 geboren, war die Tochter des Professors Johann David Michaelis, namhafter Orientalist und Theologe, Stolz der Universität Göttingen. Er bewohnte ein großes Haus, in dem sich neben seinen vielen Kindern Studenten und illustre Gäste tummelten, unter ihnen Lessing und Goethe. Caroline wuchs in diesem anregenden Gewimmel auf, sie liebte ihren großen (Halb-)Bruder Fritz und die Bücher, sie war ein Mädchen mit Geist, und sie wollte leben wie ein Geistesmensch. Der Vater überließ seine kluge Tochter guten Privatlehrern, die sie in Sprachen ebenso wie in Geschichte, Arithmetik und Philosophie unterrichteten. Die Heranwachsende las Hume, Pope und Shakespeare im Original, übersetzte Goldonis Komödien und zweifelte an der Alleinzuständigkeit der Religion für die Wahrheit. Als junges Ding gehörte sie mit ihren Schwestern und der Freundin Therese Heyne, Tochter eines Altertumsforschers, zu den »Universitätsmamsellen«, einer Clique belesener Teenies, über die man sprach und lächelte. Die Mamsellen aber waren frech und klatschten zurück.

Carolines damalige »Existenz in Deutschland« blieb – Belesenheit hin oder her – die eines Mädchens aus besseren Kreisen, und da gab es nur diese eine Zukunftsaussicht: eine möglichst gute Partie. Gleichermaßen ausschweifend in ihren Gedanken wie entschieden in ihren Taten, widersetzte sie sich nicht, als Bruder Fritz ihr seinen Kandidaten vorstellte: den Nachbarssohn Wilhelm Böhmer, zehn Jahre älter als sie und Arzt im Harzstädtchen Clausthal. Mit sich selbst hatte Caroline vereinbart, sich niemals zu verlieben. »Fern von mir sei jede romanhafte Idee.« Und das Geistesleben? Ach. Sie wusste ja: »Man schätzt ein Frauenzimmer doch immer nur nach dem, was es als Frauenzimmer ist«, sprich als Gattin, Hausfrau, Mutter. Und so eine Frauenzimmer-Existenz konnte sie mit dem netten Medikus ebenso gut führen wie mit irgendwem sonst. So reicht die 21-Jährige dem Doktor Böhmer die Hand zum Ehebund und geht mit ihm nach Clausthal.

Aber die frühe Resignation will ihr nicht gelingen. Sie langweilt sich, wie so viele unterforderte Frauen damals. Sie empfindet sich als »elendes Geschöpf, das mit Gleichgültigkeit das Morgenlicht durch die Vorhänge schimmern sieht und ohne Satisfaction sich niederlegt«. Immerhin darf Böhmer als ein liebevoller Gemahl gelten, und die kleine Auguste, die Frau Böhmer nach dem ersten Ehejahr zur Welt bringt, beglückt sie sehr. Dennoch, sie muss daran zurückdenken, was sie einst erwogen hat: »Ich würde, wenn ich ganz mein eigener Herr wäre, weit lieber gar nicht heiraten und auf andere Art der Welt zu nutzen suchen.«

Eine zweite Tochter, Therese, wird geboren. Und Caroline ist zum dritten Mal schwanger, als ihr Mann sich bei einer Wundbehandlung eine Sepsis zuzieht und kurz darauf stirbt. Es ist ein Schock für sie, ein heilsamer. Sie begreift, dass sie frei ist, und sie macht erst mal das, was junge Witwen damals oft machten: Sie kehrt zurück ins Vaterhaus.

Die Französische Revolution fasziniert sie, endlich darf sie Geistesmensch sein

Ihr drittes Kind stirbt bald nach der Geburt, auch Therese überlebt die Kleinkinderzeit nicht. Der armen Frau Doktor ist nur Auguste geblieben. Und die freie Luft der Universitätsstadt, in der so mancherlei Debatten widerhallen. Tapfer widersetzt sich Caroline den Versuchen der Mutter, sie möglichst bald erneut zu verheiraten. Auch der in sie verliebte August Wilhelm Schlegel, brillanter Student bei Heyne und von den Damen umschwärmt, blitzt ab. Caroline horcht in die Welt hinaus. In Frankreich ist Revolution! Die Menschen dort handeln, statt bloß zu palavern. An einen Freund schreibt sie 1789: »Lassen Sie uns lieber mal eine Bande zusammen machen, einen geheimen Orden, der die Ordnung der Dinge umkehrt. [] So möchten denn die Reichen abtreten und die Armen die Welt regieren.« Und sie macht praktische Pläne. Hat doch ihre Freundin Therese den Naturforscher Georg Forster geheiratet, der mit Kapitän Cook um die Welt gesegelt war. Jetzt ist er, begeistert von den Ereignissen in Paris , Demokrat geworden. 1792 geht Caroline mit Auguste nach Mainz, wo Forster die Universitätsbibliothek leitet. Und als die Franzosen im selben Jahr, im Oktober, die Hauptstadt des Kurfürstentums erobern und die deutschen Freiheitsfreunde das Land »zwischen Landau und Bingen« zur Republik erklären, ist die Witwe Böhmer mittendrin.

Forster wird zum führenden Mann der demokratischen Kräfte in Mainz. Gleich im Herbst 1792 tritt er in den Freiheitsclub ein. Frauen haben Zutritt, dürfen aber nicht Mitglied werden. Caroline ist dabei, mit Kopf – und Herz. Sie verliebt sich in den jungen französischen Offizier Jean-Baptiste de Crancé, der »schön wie ein Götterbild« ist.

Im Übrigen hält sie zu Forster, sie denkt und fühlt wie er. Umso mehr, als sie inzwischen mit Auguste in seinem Hause lebt, unbekümmert um das Gerede der Leute. Therese Forster hat sich von ihrem Mann getrennt und Mainz verlassen. Da kann er Trost und Fürsorge einer Freundin gebrauchen.

 

Sie liest Mirabeau und Condorcet, das Geschehen um sie herum gibt ihr »gewaltig viel zu denken«. Endlich darf sie Geistesmensch sein, »sind wir doch in einem höchst interessanten politischen Zeitpunkt«. Freiheit und Gleichheit waren zuvor nur Schlagworte für sie. Jetzt erhalten sie Farbe und Leben. Sie fühlt mit »dem armen Bauern, der drei Tage von vieren für seine Herrschaft den Schweiß seines Angesichts vergießt«. Tatsächlich engagieren sich die Landleute besonders eifrig für die Mainzer Revolution.

Doch die Tage der ersten deutschen Republik sind gezählt, das Ancien Régime schlägt zurück. Im Sommer 1793 wird Mainz bombardiert und zurückerobert; die Sieger gehen auf »Clubbistenfang«. Forster, inzwischen in Paris, kehrt nicht mehr zurück; er hat noch ein halbes Jahr zu leben. Caroline will sich über Mannheim nach Gotha durchschlagen. Doch sie wird verhaftet und im Keller der Taunus-Burg Königstein interniert, »in einem Zimmer mit sieben anderen Menschen«. Zwei Monate bleibt sie dort, ohne Beistand, in schrecklicher Ungewissheit. Und die kleine Auguste, gerade acht Jahre alt, ist immer dabei.

Mutter und Tochter werden schließlich ins nahe Kronberg verlegt, wo sie unter Hausarrest stehen. Eine Verbesserung der Lage, aber für Caroline noch keine Erlösung. Sie denkt an Selbstmord. »Ich hatte mir eine bestimmte Zeit gesetzt; würde ich innerhalb dieser Zeit nicht gerettet, so hätte ich zu leben aufgehört.« Der Grund: Sie ist schwanger – von jenem schönen Leutnant Crancé. Sie weiß, dass, wenn ihre Schwangerschaft entdeckt wird, es mit allem ein Ende hat: mit ihrer Würde als Witwe, mit ihrer (schmalen) Pension, mit ihrem Ansehen unter den Menschen; auch wird man ihr Auguste wegnehmen. In der Frist, die sich die Verzweifelte gesetzt hat, schreibt sie einen Brief nach dem anderen, um ihre Freilassung zu erwirken. Doch ist ihr Casus heikel. Wer will schon einer Frau beistehen, die des »Jakobinertums« und der Leichtlebigkeit verdächtig ist? Wilhelm von Humboldt schüttelt den Kopf, ebenso Goethe. Schließlich schafft es Philipp Michaelis, ihr jüngerer Bruder, den richtigen Weg zu den richtigen Autoritäten zu finden. Mutter und Tochter kommen frei.

»Wie quälend muß es sein, einen solchen Schmerz verbergen zu müssen«

Und noch jemand erscheint als Retter in der Not: August Wilhelm Schlegel, inzwischen kein Student mehr, sondern wohlbestallter Hauslehrer in Amsterdam. Auch mit ihm hatte Caroline korrespondiert und ihm alles gebeichtet; er eilt herzu und hat sogar das erbetene Gift dabei, das sie jetzt nicht mehr braucht. Dieser Mann, immerhin ein abgewiesener Bewerber um ihre Hand, bringt die stille Größe auf, ihr die Hilfe anzubieten, die sie jetzt am dringendsten benötigt: Er geleitet sie an einen Ort, wo sie insgeheim entbinden kann, nach Lucka bei Leipzig, zu einem verschwiegenen »Accoucheur«. August Wilhelm selbst kann nicht bleiben, er wird in Amsterdam erwartet, und so übergibt er die Sorge um Caroline seinem Bruder Friedrich.

Über den Wochen, die diese beiden 1793 in Lucka verbringen, liegt ein eigentümlicher Zauber. Der 21-jährige Friedrich verliebt sich in die neun Jahre ältere hochschwangere Frau, die er bislang nur aus Briefen kannte. Später feiert er Caroline in seinem Roman Lucinde als »Frau, die einzig war und die meinen Geist zum ersten Mal ganz und in der Mitte traf«. Für Caroline, die nach ihrer Befreiung das Leben wieder willkommen heißt, ist es eine wunderbare Bestätigung, dass dieser ambitionierte, geistreiche junge Schriftsteller kein Ende finden kann beim Reden mit ihr über Gott, die Welt, Shakespeare und die Liebe.

Carolines Niederkunft verläuft schmerzensreich, aber glücklich. Söhnchen Julius – Friedrich, der jetzt abreist, nennt ihn den »kleinen Citoyen« – wird in Pflege gegeben, damals ein durchaus üblicher Umgang mit Neugeborenen. Die Mutter hat »dieses Kind der Glut und Nacht« ins Herz geschlossen, aber sie kann es fürs Erste nicht behalten, es darf ja niemand von seiner Existenz wissen. Fest entschlossen, mit Auguste ein neues Leben zu beginnen und den Kleinen, wenn dieses Leben Gestalt angenommen habe, zu sich zu holen, reist sie zu Freunden nach Gotha. Dort gilt sie als Unperson. Dresden? Göttingen? Verschlossene Stadttore. Die Frau ist, wie sie selber sagt, »ausgestoßen«.

Ihr Mainzer Abenteuer, ihr Flirt mit der Republik, ihr Eintreten für die Armen, ihr ganzes selbstbestimmtes Leben und Lieben haben sie verdächtig gemacht. Caroline gilt als »pflichtvergessene Mutter«, als »Franzosenliebchen«, als »Kebsweib« Forsters. Wer auf sich hält, muss diese Frau schneiden. Die Rettung kommt noch einmal durch die Brüder Schlegel. Friedrich weiß: Ohne den Schutz eines Mannes, der ihr seinen Namen gibt, wird Caroline im bürgerlichen Leben nicht wieder Fuß fassen. Er selber kann eine vierköpfige Familie nicht ernähren. So drängt er kurzerhand den Bruder, »die erhabene Freundin« zu heiraten.

August Wilhelm verehrt die um einige Jahre Ältere immer noch. Außerdem hat er festgestellt, dass ihm Wissen und Sprachgefühl der Böhmerin bei seiner eigenen philologischen Arbeit, wie zum Beispiel seiner großen Shakespeare-Übersetzung, eine rechte Hilfe sein können. Caroline ihrerseits hat kaum eine Wahl. Sie geht ihre zweite Vernunftehe ein. Sie liebt August Wilhelm nicht, aber sie schätzt ihn hoch und ist ihm dankbar. Eine derart kompromittierte Frau zu heiraten setzt in jener Zeit Mannesmut voraus. Unterdessen macht sich der »kleine Citoyen« davon. Julius stirbt bei seinen Pflegeeltern an einer Infektion; auch dies ist ein nicht eben seltenes Schicksal von kleinen Kindern damals. »Wie quälend muß es sein«, schreibt Friedrich einfühlsam, »einen solchen Schmerz verbergen zu müssen.«

 

Das neue Zuhause des Ehepaars Schlegel heißt Jena. August Wilhelm hat von Schiller, der dort Professor ist, das Angebot erhalten, an der Zeitschrift Die Horen und an der Allgemeinen Literatur-Zeitung mitzuarbeiten. Das reizt ihn. Auch lehren in Jena noch andere interessante Zeitgenossen – was hat es wohl mit diesem Fichte auf sich? Caroline ist gleichfalls angetan. Zumal Friedrich sein Kommen in Aussicht stellt. Es entwickelt sich in der gemeinsamen Wohnung am Löbdergraben eine Art Salon. Allerlei schreibendes Volk schaut vorbei, man will die Brüder Schlegel kennenlernen und natürlich auch die berühmt-berüchtigte Madame Schlegel.

Zum »Jenaer Kreis«, Urzelle der Frühromantik, gehören in den späten neunziger Jahren neben den Brüdern Schlegel Ludwig Tieck, Sophie Mereau, Friedrich von Hardenberg (Novalis), Dorothea Veit, der Student Clemens Brentano, Friedrich Schelling und die reizende, etwas frühreife, etwas altkluge Auguste Böhmer. Mittelpunkt ist Caroline, die als Anregerin, Kritikerin, Moderatorin und Rezitatorin (schöne Altstimme!) eine bedeutende Rolle spielt. Jetzt zählen ihre Gedanken so viel wie ihre Blicke, ihre Formulierungen so viel wie ihre Frisur und ihr Witz so viel wie die festliche Tafel. Es ist Carolines goldene Zeit. Sie dauert nur kurz.

Worüber man redet? Über die Freiheit, wie die Franzosen sie verstehen und die Deutschen sie fürchten. Über die Gleichheit, auch zwischen den Geschlechtern: Kann es sie geben? Über die Freundschaft, über Shakespeare, die Elektrizität, die Antike, die Philosophie, den Kosmopolitismus und den Katholizismus… Man lässt nichts aus, getrieben von der Lust, alle Fragen zu vertiefen, die die Aufklärung offengelassen hat.

Caroline Schlegel wird in Lexika als Schriftstellerin geführt. Die glänzende Briefschreiberin war ihrem Temperament nach eher eine Kritikerin, hat auch nur Kritiken veröffentlicht, meist unter Kürzel oder dem Namen ihres Mannes. Das Fabulieren lag ihr nicht, das Rezensieren sehr. Und sie war eine arge Spottdrossel. So ist sie mit ihrer Familie »fast von den Stühlen gefallen vor Lachen«, als Schillers dröhnend reaktionäres Lied von der Glocke zum Vortrag kam. Der Dichter war beleidigt. Er nannte Caroline »Dame Luzifer«, was er abschätzig meinte.

Mit vierzig heiratet sie erstmals aus Liebe: Den zwölf Jahre jüngeren Schelling

Die aufregende Zeit frühromantischer Geselligkeit in Jena war, kaum dass sie um 1799 ihren Höhepunkt erreicht hatte, 1801 schon wieder zu Ende. Zu den Ursachen zählen weniger ideologische Differenzen als der Streit der Herzen und Gemüter, etwa in der Wohngemeinschaft am Löbdergraben, der legendären Kommune I der deutschen Kulturgeschichte, wo zu Caroline und den Schlegel-Brüdern inzwischen auch noch Friedrich Schlegels Geliebte Dorothea Veit aus Berlin gezogen war. Außerdem lockte manchen der jungen Männer ein Stellenangebot andernorts. Was aber wohl den Kreis schließlich sprengte, war Carolines leidenschaftliche Liebe zu Friedrich Wilhelm Schelling. Das war keine »romanhafte Idee« mehr, sondern romanhafte Wirklichkeit.

Der Württemberger, Jugendgefährte Hegels und Hölderlins, ist 25, zwölf Jahre jünger als sie. Er steht am Beginn seiner Laufbahn als Philosoph, wurde von Goethe nach Jena geholt und begeistert dort die Szene. Und Caroline. Sie erschrickt über ihr Gefühl, unterdrückt es aber nicht, zumal Schelling es erwidert. Der Skandal ist da. Schiller und besonders seine Lotte lassen an der Schlegelin kein gutes Haar, auch Therese Forster, die selbst einst für eine neue Liebe ihren Georg verlassen hat, stänkert mit. Interessanterweise ist es nicht Carolines Mann August Wilhelm, der auf diese Wendung der Dinge mit flammender Empörung reagiert, sondern sein Bruder Friedrich. Dass »seine« Caroline wirklich so souverän ist, wie er es ihrem emanzipierten Porträt in der Lucinde zugetraut hat, mag er nicht akzeptieren. Dorothea sekundiert ihm bei seinen Schmähungen, obschon auch sie – um Friedrichs willen – ihren Ehemann aufgegeben hat.

Es geschieht auf einer Reise mit der 15-jährigen Tochter und mit Schelling, dass Caroline vom Schicksalsschlag ihres Lebens getroffen wird. Die Ruhr grassiert, Auguste infiziert sich und erliegt dem Leiden, es geht alles furchtbar schnell. Caroline erstarrt vor Trauer. Sie und ihr Geliebter versteigen sich in die Vorstellung, dass Gott der Herr sie so für ihre illegitime Liebe bestrafe. Caroline will hinfort in Schelling nur noch einen »Sohn« sehen, keinen Liebhaber mehr. Irgendwann finden die beiden aus diesem Wahn wieder heraus, aber besonders Schelling leidet noch lange unter Depressionen.

An ihrer Ehe mit August Wilhelm, der nach Berlin geht, hält Caroline zunächst noch fest, aber dann finden beide: Eine Scheidung ist ehrlicher. Zeit ihres Lebens haben diese Vernunftehepartner einander Respekt erwiesen. Einmal wird August Wilhelm sogar mit seiner neuen Gefährtin zu Besuch kommen, der berühmten französischen Schriftstellerin Madame de Staël, mit der er im Schloss Coppet am Genfer See lebt.

 

Caroline schließt, vierzigjährig, ihre dritte Ehe – es ist ihre erste Liebesheirat. Sie folgt Schelling nach Würzburg, wo er eine Professur erhält, dann nach München, wo er die Akademie der Künste leiten wird. Ihr Leben an seiner Seite stellt sie ganz in den Dienst an seinem Werk. Sie vergöttert ihn so sehr, dass man fürchten könnte, ihre kritische Ader sei versiegt. Aber so wird es nicht gewesen sein, denn ihr Einfluss auf ihn bleibt offenbar stark. »Unter den großen Philosophen«, urteilte später der Kollege Karl Jaspers, »ist es nur Schelling, für den eine Frau durch ihre Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung wurde […], durch ihr geistiges Wesen.«

Caroline Schelling fiel aus dem Leben wie ihre Tochter – plötzlich und viel zu früh. Es soll wieder die Ruhr gewesen sein, vielleicht war’s auch der Typhus. Ein Fieber erfasst sie. Eine knappe Woche nach ihrem 46. Geburtstag, am 7. September 1809, stirbt sie in Maulbronn bei Pforzheim, wo sie mit ihrem Mann auf Besuch bei dessen Eltern weilt. »Daß dieses Meisterstück der Geister nicht mehr ist…«, klagt der fassungslose Schelling. »O, etwas in der Art kommt nie wieder.«

Die Autorin ist Publizistin und lebt in Berlin

Mehr zum Thema in den Caroline-Biografien von Eckart Kleßmann (»›Ich war kühn, aber nicht frevelhaft‹ – das Leben der Caroline Schlegel-Schelling«; List-TB; 319 S., 9,95 €) und Brigitte Roßbeck (»Zum Trotz glücklich – Caroline Schlegel-Schelling und die romantische Lebenskunst«; Pantheon-TB; 388 S., 14,95 €). Eine Auswahl ihrer Briefe findet sich in dem Insel-TB »Die Kunst zu leben«, hrsg. von Sigrid Damm (it 3160; 516 S., 15,– €)