AL Kennedy Könnte Luft sein, oder Zeit, Absicht, Glück

AL Kennedy erforscht das Dunkle, das Menschen gerne verbergen. Eine Begegnung am Rande des Edinburgh Festival, ein Gespräch über ihr neues Buch

AL Kennedy, Schottin. Sie gilt als das größte Talent der britischen Literaturwelt

AL Kennedy, Schottin. Sie gilt als das größte Talent der britischen Literaturwelt

Für AL Kennedy bitte dort anstellen, sagt eine junge Frau und verweist auf eine Säule im Foyer der stucküberkrusteten Assembly Rooms in der George Street, die einst die Bühne des Adels von Edinburgh waren und heute jeden Sommer das Herz des Fringe-Spektakels sind. Über hundert Shows. Comedy, Kabarett, Tanz, darunter: Words by AL Kennedy, gespielt von AL Kennedy. Ein Monolog. 4.50 pm.

An der Säule steht keiner. Dann kommt eine alte Dame in Strickjacke und fragt, ob ich die Schlange für AL Kennedy bin. Ich frage die Frau, wie sie Kennedy findet, und sie sagt, sie liebe sie. Was genau? »Ach, sie ist so schottisch.« Wie? »Und die Themen, Liebe und all das, Sie wissen schon.« Aber ja.

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AL Kennedy gilt als das größte Talent der britischen Literaturwelt und ist vermutlich die berühmteste Bürgerin Glasgows, die der Glasgow Herold hätte verärgern können. Der amerikanische Autor Richard Ford hat ALK »eine tiefe Autorin« genannt. Andere rühmen die Intensität der Texte, ihre Strenge, die Macht des Zugriffs. Sie zeigt Frauen und Männer, verstrickt in ihren Emotionen, gefesselt von Begehren. Tapfere Leute, die sich ihren ungnädigen Schicksalen ausliefern. Ein Mann, der als einziger Gast in einem Kino sitzt, und der Film klemmt. Man findet ältere Frauen, deren Piercing im Intimbereich vereitert ist, was einen unangenehmen Geruch verströmt, und das Jahre bevor Feuchtgebiete en vogue waren. Fünf Romane, Short Storys, Bühnenstücke, Filmskripts. Ein Internet-Blog. Politische Zeitungskolumnen. Und jetzt die fünfte Sammlung von Kurzgeschichten, Was wird (aus dem Englischen von Ingo Herzke; Wagenbach Verlag, Berlin 2009; 224 S., 29,90 €). Auf dem Cover der deutschen Ausgabe trägt eine enthauptete Gestalt unter jedem Arm einen Kopf, der linke könnte der eines Mannes sein, der rechte zu einer Frau gehören, keine Frage, es geht mal wieder um Liebe und so.

Sie ist so klein, dass man sprachlos ist. Ihre Gesichtsfarbe ist so bleich, als sei sie einem Roman des 18. Jahrhunderts entstiegen, in dem der Teint von Frauen für seine marmorne Blässe gerühmt wird. Auch die Füße sind weiß, man sieht ihre nackten weißen Füße, so steht sie auf der schwarzen Bühne, eine Frau von Mitte vierzig, in Jeans und einer türkisfarbenen Hemdbluse, eine übrigens sehr wohlproportionierte Gestalt – und lächelt. Sie lächelt in einer sanften, gewinnenden, liebenswürdigen Art. Kennedy erzählt ihr Leben, sie erzählt, wie sie als Kind zu den Wörtern gekommen ist, mit deren Aneinanderreihung sie heute ihr Geld verdient. »Mein erstes Wort war (lächelnde Pause): NO.« Sie wiederholt es: No. Sie lässt es auf der Zunge rollen, Nooooo, sie schiebt es herum, sie spuckt es aus: No! No!!!

Gelächter im Auditorium, immerhin doch fast 50 Leute.

Kennedy sagt: »Sie haben ja keine Vorstellung, was es bedeutete, eine Vierjährige zu sein, die nur Schwarz tragen will.« Kichern in verschiedenen Reihen, Frauen, vermutlich die Mütter. Ach, und da war was mit ihrem Bein. Und es gab Anlass, eine der Schultern hochzuziehen. Kennedy schiebt sich jetzt in einer Diagonalen über die Bühne, den Körper gekrümmt, eine Schulter zu hoch, das Bein zu kurz, das zweite schleift nach, sie kriecht förmlich von vorne links nach hinten rechts, sie sagt, man solle sich ALK als Kind »wie einen winzigen Richard III.« vorstellen. Gefangen in Dundee! Aufloderndes Gelächter, als hätte sie einen Schuss Anzünder in ein schwelendes Grillfeuer gekippt.

DIE ZEIT: AL Kennedy, Sie sind auf der Bühne so komisch, Ihre Bücher sind meistens so ernst. Kostet es Mühe, Ihren Witz zu zügeln?

AL Kennedy: Nö. Das ist so ein Psychiater-Humor, man kann auch nicht zu viel davon haben, man muss ja die Geschichte erzählen.

ZEIT: Es sind überwiegend Geschichten über Menschen, die verstört sind, sich und andere quälen, was fesselt Sie daran so?

Kennedy: Das fesselt doch alle Autoren! Anna Karenina – Leute, die verstört sind und sich verletzen! Dickens – verstörte Menschen, die sich verletzen! Tschechow – sie sind verstört, sie verletzen sich…

Tolstoj, Dickens, Tschechow, keine schlechte Ahnenreihe, in die sie sich stellt. Mit Kennedy zu sprechen ist übrigens nicht ganz einfach. Auf eine kurze Frage kommt oft eine noch kürzere Antwort, s. o. Die Kennedy auf der Theaterbühne ist flippig und manchmal geradezu ausgelassen, die Arme flattern, ihre Hände kreisen, die Finger spreizen sich. Die Kennedy nach der Vorstellung trägt ein graues T-Shirt und darüber irgendeine Jacke, man könnte an ihr vorbeilaufen, ohne sie zu sehen. Sie steuert eine Brasserie an, in der ihre Nös und Ochs, die hingefetzten Sätze sich in den allgemeinen Lärmpegel stürzen, als wollten sie darin untertauchen. Es sei denn, man fragt etwas, was politisch beantwortet werden könnte.

ZEIT: Also warum sind Ihre Texte so dunkel?

Kennedy: Es sind dunkle Zeiten. Jedenfalls für Großbritannien. Es werden schlimme Dinge passieren. Wir sind in einer Rezession. Und wir können damit nicht umgehen. Wir hören nicht auf, Kriegsverbrechen zu begehen. Obwohl wir nicht mehr im Irak sind, sind Leute von uns dort, und wenn sie zurückkommen, sind sie nicht mehr die, die sie einmal waren. Wir sind immer noch in Afghanistan, es ist ein Desaster. Wir verhalten uns nicht zu der Tatsache, dass wir Leute gefoltert haben. Wir haben unseren Kater, den die Ära Blair hinterlassen hat, noch nicht überwunden. Die Bürgerrechte wurden eingeschränkt. Unsere Presse löst sich gerade auf, weshalb es noch weniger Widerstand gegen Politiker gibt. Es gibt keine seriösen Zeitungen mehr. Es sind also dunkle Zeiten. Und deshalb scheint es angemessen, ein Buch zu schreiben über Leute, denen schreckliche Dinge passieren. Und die Entscheidungen treffen, die nicht besonders positiv sind…

Unglückliche Entscheidungen, wohl wahr. Man erinnert sich an Gleißendes Glück (1997), in diesem Roman verlässt eine Frau ihren sanften Liebhaber, übrigens auch ein Liebhaber von Gewaltpornografie, und kehrt zu ihrem gewalttätigen Ehemann zurück, was sie beinahe das Leben kostet. Ein Mann verlässt Frau und Kind, man findet ihn auf einer Insel, auf der die Leute einen Roman lang Suizid üben (Alles was du brauchst, 1999). Die Figuren leben auf einer Welt, deren Schwerkraft kaum ausreicht, ihre Füße auf dem Boden zu halten. Es gibt merkwürdige Lautkulissen, von denen ein Fuchsschrei noch der harmloseste ist. Einmal ist die Rede von den Geräuschen, »mit denen ein kleines Kind bei lebendigem Leib zu Hackfleisch verarbeitet wurde«. In dem Roman Also bin ich froh (1995) liegt einer im Bett und versucht, sich darüber klar zu werden, ob er auch kein Tier ist oder vielleicht doch eine halbe Apfelsine. Wer sich als Mensch erkennt, ist extrem verletzlich. Jemand schiebt den Ärmel hoch, oder ein Rollkragen rutscht, und es kommen unschöne, blaue Male zum Vorschein. Ganze Körperteile können abhandenkommen. Ein Messer rutscht aus, und schon tropft es heraus, besudelt die ganze Wohnung und gleich die schöne Zweierbeziehung, so beginnt die erste Geschichte des neuen Buches.

ZEIT: Sie gehen sehr weit. Ihre Figuren brauchen Mut.

Kennedy: Jau.

ZEIT: Diese Leute geben alles.

Kennedy: Das tun sie.

ZEIT: Es ist berührend. Bis zum Unerträglichen.

Kennedy: Ich sehe sie ja von außen. Ich denke über sie nach, ich habe eine Unterhaltung mit ihnen, dann gehe ich weiter.

ZEIT: Unberührt?

Kennedy: Der Leser soll berührt sein. Sonst wäre es so, wie wenn einer erzählt und dabei so weint, dass man nicht versteht, was er sagt. Meine Aufgabe ist es, den Leser zum Weinen zu bringen, und dafür muss er verstehen, was ich sage. Es ist ein Spiel.

Sie ist erfinderisch, was die Bühnen dieses Spiels angeht. Mal ist es ein Floating Tank, in dem einer in seine Kindheit absinkt und sich verliert, worin eigentlich, »könnte Luft sein, oder Zeit, Absicht, Glück«. Ein Paar, das im Crash alles verloren hat, findet sich in einer geliehenen Wohnung. Ein Hotelzimmer, in dem zwei Leute ausprobieren, wie sich Sex mit Fremden anfühlt. Die Kunst der Inszenierung besteht darin, die Figuren auszusetzen. Es gibt keine Bühnenbeschreibung, und warum auch, der eigentliche Handlungsraum ist jene Handbreit Schädel zwischen Augen und Scheitel. Dann bohrt sich der Scheinwerfer der Erzählung bis in den verborgensten Winkel der Persönlichkeit und leuchtet jene Schwächen aus, die alle auch vor sich selbst verbergen möchten. So fliegt jeder durch sein »Weltall ohne Sterne«, was eine traurige Variante jener Formulierung ist, mit der ein Oscar Wilde sich dem Schrecken entgegenwarf, »Wir liegen alle in der Gosse, aber einige blicken zu den Sternen hoch«, hatte Wilde so melancholisch-heiter formuliert. Kennedys Humor ist härter.

ZEIT: Immerhin drei Geschichten, gegen Ende des Buches, die komisch sind, wenn auch auf eine grimmige Weise – so wie Zahnziehen ohne Narkose.

Kennedy: Ich habe mich entschieden, ein Buch zu schreiben über Menschen, deren Herz gebrochen ist und die sich deshalb in einer schrecklichen Situation befinden. Es sind Kurzgeschichten, und der Radius einer solchen Geschichte ist nicht groß genug, um sie bis zu einem Happy Ending zu führen. Es wäre unangemessen, billig. Unwürdig. Ich sage nicht, dass die Wirklichkeit so ist. Ich glaube auch nicht, dass es für alle Menschen zutrifft. Ich sage nur, es wäre mitleidlos.

Mitleid und Schmerz. Etwas durchstehen. Das ist eine fast altmodisch wirkende Haltung in einer Welt, in der es weniger darum geht, Opfer zu bringen, als Gewinne einzustreichen. Wo Wellness-Studios zuständig sind für die Lösung jener Verspannungen, die Kennedy in jeder Bewegung der Körper diagnostiziert, die flatternden Ängste, die sie im Stakkato der Worte, im Rhythmus der Sätze, im Stocken, Anschwellen, Verebben der Dialoge aufspürt und virtuos verdichtet.

ZEIT: In vielen Geschichten scheint etwas durch, was an das Koordinatensystem der Religionen erinnert. War der schottische Calvinismus die Hausreligion der Kennedys?

Kennedy: Nein! Nein! Meine Eltern waren Methodisten, und das ist eine ganz lebensbejahende Religion. Viel Singen und Spaß.

ZEIT: Ihre Eltern haben sich getrennt, als Sie noch ein Kind waren.

Kennedy: Na ja, sie waren nicht sehr glücklich miteinander. Mein Vater war ein ziemlich aggressiver Typ, meine Mutter schien immer die Unterlegene. Und die Schule war auf gewisse Weise eine Fortsetzung dieser Lage, auch wenn ich damals nicht das Wort calvinistisch dafür gefunden hätte. Alles drehte sich um Kontrolle, Beobachtung, darum, für nicht gut genug befunden zu werden. Zu versagen. Man hatte das Gefühl, dass die Dinge sehr weich sind und sehr verwundbar.

ZEIT: Sie haben als junge Schriftstellerin, um Ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Menschen am Rande der Gesellschaft Schreibkurse gegeben.

Kennedy: Ja. Ich habe viele, viele, viele Jahre mit Obdachlosen, Menschen mit geistigen und körperlichen Handicaps, Psychiatriepatienten, Bewohnern von Altenheimen verbracht.

ZEIT: Was haben Sie von ihnen bekommen?

Kennedy: Eine vollkommen neue Sicht darauf, warum man schreibt. Schreiben ist etwas sehr Machtvolles. Es kann Ihr Leben retten. Bei diesen Leuten war klar, dass sie nicht Leute aus der Mittelklasse sind, die sich gegenseitig ihre Kätzchen beschreiben. Es waren Leute, die von allen anderen Menschen ignoriert wurden. Nicht alle waren verletzlich. Einige waren ärgerlich oder wütend. So gesehen, waren es ganz normale Leute.

ZEIT: Ganz normale Leute streben nach Glück. Erstaunt es Sie, dass so viele von ihnen Geschichten über das Unglücklichsein lesen wollen?

Kennedy: Nein. Es gibt keine kulturelle Möglichkeit für die Menschen, das Gefühl des Versagens auszudrücken. Diese Hollywood-Ideologie vom Gutsein, das belohnt wird, und vom Bösen, das seine Strafe findet, es haut nicht hin, aber es gibt den Leuten das Gefühl, versagt zu haben. Wenn sie dann in den Texten andere finden, denen es auch so geht, fühlen sie sich nicht mehr so allein.

ZEIT: Aber es könnte ihnen auch Angst einjagen. Die Abwesenheit von Glück! Ängstigt es Sie?

Kennedy: Ach was. Meine Geschichten sind nur erfunden.

ZEIT: Aber der Fuchsschrei?! Doch nicht erfunden? Wie klingt ein Fuchsschrei, machen Sie ihn nach!

Kennedy: Ein Fuchsschrei? Es ist ein fremdartiger, hoher Schrei. Man hört ihn nachts, zur Brunftzeit der Füchse, es ist ein lang gezogener, quietschender, sehr merkwürdiger, beunruhigender Ton. Man hört ihn überall in unseren Städten, die Füchse sind heute überall…

Wer nachts in Edinburgh umherläuft, hört keine Füchse. Höchstens den Sound der Dudelsäcke, der von der Festung herunterweht über die Princess Street und bis zur George Street hoch, Amazing Grace, das Herzstück des Military Tattoo, O süßer Klang, der mich Verlorenen gerettet hat, man kann sich vorstellen, wie sie oben vor der Burg auf und ab marschieren, die Kerle in ihren Wollstrümpfen und den wippenden, scharf gebügelten Schottenröcken, während der Regen über sie hinwegnieselt, ich war verloren, aber bin gerettet, war blind und kann jetzt sehen. Sehr schottisch, dieses Lied über Hoffnung und Trost, sehr alt, heute natürlich eine schluchzende Touristenattraktion, darüber hätte man reden müssen…

Will noch einer wissen, wofür AL in ALK steht? Einfach auf ihre Homepage gucken. Man darf wählen zwischen Always Loopy (total bekloppt) oder Aural Lollypop (auratischer Eislutscher) oder Almond Ladybits (Marzipanfräulein).

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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