Einen Augenblick lang steht er verloren auf dem Zürcher Bürkliplatz. Seine Augen wandern unruhig umher. Leise summt Mohamed Ali Farag einen Koranvers, als ob ihm dieser Halt geben würde im Gewusel des Marktes. Wie jeden Samstag bieten Trödler ihre Waren feil. Der Ägypter hat seine Übersetzerin Samah aus den Augen verloren. Unvermittelt fallen einem wieder seine knabenhaften Gesichtszüge auf. Ein Junge, verborgen in einem mächtigen, beleibten Körper.

Es ist eine Szene, die nicht recht ins Drehbuch des erfolgreichen Koranrezitators passen will. In der muslimischen Welt ist der 31-Jährige ein Popstar. Sorgsam hegt er sein Selbstbild als selbstsicherer und weltgewandter Mann. In seinem Haus in Kairo hängt ein lebensgroßes Bild, auf dem er sich in Pose wirft. Als König. Farag posiert gerne. Der König von Malaysia, der iranische Premierminister und der Vizepräsident der Malediven, alle haben seiner samtenen, honigsüßen Stimme gelauscht. Eingerahmte Bilder zeugen davon.

In Zürich ist er aber für einmal nicht der unangefochtene Star. Die Aufmerksamkeit muss Farag sich mit drei anderen Muezzins teilen. Sie erzählen im Stück Radio Muezzin der Theatergruppe Rimini Protokoll aus ihrem Alltag als Gebetsrufer. Neben seiner Arbeit als Koranrezitator ruft Mohamed Ali Farag auch zum Gebet. Der Ruf des Muezzins gehört in Kairo, der Stadt der tausend Moscheen, zum täglichen Klangbild.

Er arbeitet nicht gerne im Team. Schon in der Jugend hat ihn sein Fußballtrainer deswegen kritisiert. »Ich habe immer aufs Tor geschossen, anstatt einem Mitspieler den Ball zu überlassen«, sagt Farag. »Aber Picasso hat seine Bilder auch allein gemalt.«

Der junge Superstar sorgte in der Theatergruppe immer wieder für Konflikte. Er forderte einen Sondervertrag zu besseren Konditionen, schmiedete Intrigen gegen andere Muezzins. Der Höhepunkt der Streitigkeiten ereignete sich am Theaterfestival in Avignon: Während der Vorstellung lachte Farag minutenlang seinen Kollegen Abdelmoty Ali Hindawy aus, der in Hocharabisch seinen Alltag schilderte. Hocharabisch verrät die Schicht, welcher man angehört.

Es ist eine merkwürdige Welt, in die Mohamed Ali Farag am 24. Februar 1978 hineingeboren wird. Sein Vater, ein berühmter Koranrezitator mit Verbindungen in die höchsten Etagen der Politik, bewohnt mit der Familie ein prunkvolles Haus in der 6.-Oktober-Stadt unweit von Kairo. Der Ort ist nach dem Tag benannt, als Ägypten und Syrien 1973 Israel angriffen und den Jom-Kippur-Krieg auslösten. Heute ist der reiche Vorort eine Parallelwelt, in der die Besserverdienenden abgeschottet von den sozialen Problemen Ägyptens leben. »Ich bin mit einem goldenen Löffel im Mund geboren«, rezitiert der studierte Jurist ein populäres arabisches Sprichwort. Er hat eine Privatschule besucht, später ein Gymnasium, in dem die zukünftige Elite des Landes gedrillt wird.

Wer Farag eine Weile zuhört, den beschleicht das Gefühl, einem opportunistischen Menschen gegenüberzusitzen. Alles ist ein Geschäft. So glatt wie seine rasierte Gesichtshaut ist auch seine Einstellung zur Welt: keine Zweifel, kein Hadern. Nach biografischen Brüchen sucht man vergeblich. Stattdessen überwindet er scheinbar leichthin Widersprüche, vermeintliche wie echte. Tradition und Moderne fügen sich nahtlos ineinander.