Auf dem Stadtcampingplatz Tentstation in Berlin-Mitte schlafen mittags noch viele Menschen. Zwischen Igluzelten, Pfandbierflaschen und Leinen mit Unterwäsche richten Christian Lohse und Hans-Peter Wodarz ihre Feldküche ein. Sie schnuppern an einem der Instantgerichte, die sie gleich zubereiten sollen, und suchen das passende Wort. »Das riecht nach Stroh, das nass wurde und nun wieder trocken ist«, sagt Lohse und zieht seine Nase aus dem Beutel mit Fertigpulver »Beef Stroganoff«. »Eher Katzenstreu!«, wirft Wodarz ein. Dann hat Lohse den passenden Ausdruck gefunden: »Katzenstreu, einmal benässt!«

So klingt das, wenn man zwei Sterne-Köche auf einen Campingplatz bittet, um Trekkingmahlzeiten zu testen. Beide sind Zeltprofis, wenn man so will. Sie kreieren gemeinsam ein Menü für den Gourmet-Wanderzirkus Palazzo, der im November nicht weit von der Tentstation gastieren wird. Aber mit der Nouvelle Cuisine für unterwegs hatten sie bis jetzt nichts zu tun. Dabei hat sich auch hier einiges getan. Mehrere Hersteller haben Produktreihen für Kunden entwickelt, die auch im Campingurlaub fein essen möchten. Elchfleisch-Gourmettopf zum Beispiel, Paprika-Soja-Ragout mit Nudeln oder Karamell-Amaretto-Creme mit Amarettini.

Damit der Test authentisch ausfällt, arbeiten Wodarz und Lohse mit zwei Gaskochern auf einem Klapptisch, Campingeschirr und einem Fünfliterkanister Wasser. Auf dem Boden liegt ein Stapel Konserven der Marken Globetrotter Lunch und Trek’n Eat, beide vom Marktführer Katadyn. Sie unterscheiden sich von gewöhnlicher Wegzehrung vor allem dadurch, dass sie haltbarer und leichter zu transportieren sind. Außerdem enthalten sie besonders viele Kalorien. »Ursprünglich wurde die Spezialnahrung für Profis entwickelt, die den Mount Everest besteigen«, sagt Steffen Fuchs von der Katadyn-Gruppe. Die Geschmacksrichtung war damals wohl nicht so entscheidend. Mit der Zeit begeisterten sich aber auch Wanderurlauber für die Expeditionsverpflegung. Für sie entwarfen die Hersteller Gerichte, die eher nach Restaurant als nach Campingplatz klingen. Aber schmecken sie auch so?

Zuerst rühren die beiden Köche neugierig den Rotwein an. Wodarz, ein Pionier der deutschen Erlebnisgastronomie, bindet sich seine Schürze um und liest die Zubereitungsanleitung vor: »Inhalt in kaltes Wasser einrühren, fünf Minuten ziehen lassen, fertig.« Lohse, der höchstdekorierte Berliner Küchenchef, schüttet das Wasser in den Topf. Wodarz fügt das weiße Pulver dazu und sucht einen Schneebesen. Den gibt es nicht, nur »Sporks«, eine Löffel-Gabel-Messer-Kombi. Der Wein flockt und schäumt und wird beim Rühren immer roter. Während der Wein zieht, stellen die Köche einhellig fest, dass Camping ihnen nicht liegt. »Ich war nur einmal als Jugendlicher zelten«, sagt Lohse. »Das hat mir gereicht. Und den Kocher hatten wir vergessen.« Fünf Minuten, fertig: zwei Gläser Wein. Sieht gut aus, kirschrot, nur die Schaumkrone irritiert. Die Tester halten ihre Nasen in die Plastikgläser. Wodarz, der Optimist von beiden, stellt enttäuscht fest: »Riecht nach Klebstoff!« Lohse wünscht zynisch einen »schönen Trinktod«. Ein kleiner Schluck, und das Getränk spritzt aus seinem Mund: »Ungenießbar!« Mehr will er dazu nicht sagen. Wodarz schwenkt ungläubig sein Glas. »Vielleicht hat er ja Kork.«

Um den Geschmack von der Zunge zu bekommen, bereiten die Köche das schnellste Schnellgericht zu: Cheeseburger. Einfach die Dose ins Wasserbad werfen, steht in der Anleitung. Ganz so einfach ist das aber nicht. Sie schwimmt zu weit oben, bis Lohse sie mit einem Becher beschwert. Als er den Burger dann herausnimmt, ist er unten kochend heiß und oben nur lauwarm. Der Belag lässt sich nicht eindeutig erkennen, weil das Fleisch mit der Sauce an den Brötchenhälften klebt. Auf der Packung sind mehr als zwanzig Inhaltsstoffe angegeben, von Apfelfaser bis Malzbackmittel. Immerhin: Das Sesambrötchen sieht knusprig aus. »Erstaunlich für eine Dose!«, gibt Lohse zu. Doch nach dem ersten Biss fehlen ihm die Worte, obwohl der Mund schnell wieder leer ist. »Katastrophe!«, sagt er. Wodarz bekommt nach dem Geschmackserlebnis sofort Lust auf eine Zigarette. Cheeseburger und Rotwein seien eher als Gags gedacht, erklärt Steffen Fuchs von Katadyn später. Die beiden Tester können nicht darüber lachen.

Jetzt soll mal jemand probieren, der sich mit Fast Food besser auskennt. Vor einem Zelt nebenan sitzt ein halb wacher junger Mann mit seiner Freundin. Wodarz reicht ihm den Teller, Lohse eilt theatralisch mit einer Serviette zum Reinspucken hinterher. Der Camper kaut, schluckt und stellt nüchtern fest: »Der Burger ist zu hart. Es ist kein Fleisch drin, jedenfalls schmeckt man es nicht. Die Sauce ist okay.« Seine Freundin traut sich nicht mehr zu probieren.

Nun ruht alle Hoffnung auf dem Hauptgericht. Die Wahl fällt auf etwas Nordisches, den Elchfleisch-Gourmettopf. Die braune Mahlzeit köchelt vor sich hin. Die Tester suchen das Fleisch. Lohse findet es zuerst: »Ach, da, die kleinen schwarzen Brocken. Sieht aus wie Kakerlaken ohne Beine.« Ein chemischer Geruch breitet sich über dem Campingplatz aus. Im Nachbarzelt beginnt es zu rascheln, ein blonder Jungskopf schaut heraus. »Willst du probieren?«, fragen die Köche und heben einen Teller mit einer Portion Elchfleisch-Gourmettopf an. »No, I am already fucked up!«, sagt der Camper aus Amsterdam. Später vielleicht? »No, I eat in restaurants. Schnitzel is good!«

Das ist das Problem, wenn man ein Gericht, das auf dem Mount Everest sicher köstlich schmeckt, im urbanen Flachland anbietet. Gleich neben der Tentstation liegt ein Discounter, rund um den Berliner Hauptbahnhof gibt es Pizza, Pommes und Burger. Und in den asiatischen Lokalen von Prenzlauer Berg bekommt man für den Preis einer Trekkingkonserve schon ein Mittagsgericht serviert. Das ist wohl auch der Grund, warum man hier keine Gesinnungscamper findet, sondern junge, internationale Hauptstadttouristen. Für den unschlagbaren Übernachtungspreis von elf Euro finden sie ein alternatives Milieu in zentraler Lage. Die Tentstation nutzt ein stillgelegtes Freibad, das kein Investor pachten möchte. Im ehemaligen Schwimmbecken spielen die Gäste Beachvolleyball.