Es ist ein schwüler, feuchter Morgen, Tau perlt von den Blättern, erste Jogger traben über die Kieswege, als Erkan Yilmaz, der dicke Piechotta und ein großer Mann mit tätowierten Händen ein blutiges Hammelbein aus dem Gebüsch im Tiergarten zerren. Ein Hammelbein. Die drei Müllsammler haben zwar schon einiges gesehen, aber das hier ist selbst für sie neu. »Ekelhaft, einfach nur ekelhaft«, sagt der Tätowierte und zündet sich eine Zigarette an. Seit ein paar Jahren schickt das Berliner Arbeitsamt die arbeitslosen Männer zu Sonderschichten in den Tiergarten, wo sie wortkarg den Müll des Wochenendes auflesen: Gemüsereste, Colaflaschen, Fahrradreifen. Yilmaz, Piechotta und der Tätowierte stapfen in ihren grauen Arbeitsjacken über die Wiese vor dem Schloss Bellevue, in den Büschen hängen kaputte Plastiksessel, neben einem Mülleimer liegen drei durchgeschmorte Einweggrills. »Ist halt Montag«, sagt der dicke Piechotta. Montags herrscht im Tiergarten Ausnahmezustand.

Vor dem Schloss Bellevue sieht es aus wie in Neapel während des Müllkriegs mit der Camorra. Würde der Bundespräsident jetzt aus dem Fenster schauen, sähe er einen dichten Teppich aus Pappbechern, Papptellern und abgenagten Knochen. 15 bis 20 Tonnen Abfall bleiben hier nach einem schönen Wochenende zurück. Das sind 25 Lkw-Ladungen, dafür brauchte ein Mehrfamilienhaus mit 30 Bewohnern ein ganzes Jahr. Viel mehr, als die Stadtreinigung bewältigen kann.

Seit der Sache mit dem Hammelbein fährt der Tätowierte lieber den Müllwagen, statt selbst Müll aufzulesen. Piechotta, der ein bisschen steif im Rücken ist, sammelt bloß noch da, wo man sich nicht bücken muss. Allein Yilmaz schlägt sich gleich ins Unterholz. Er weiß, was die Kollegen denken, auch wenn sie es nicht mehr laut sagen. Es sind vor allem Migranten wie er, denen sie die ungeliebte Sonderschicht verdanken: Türken, Kurden, Araber. Zuwanderer der ersten, zweiten und dritten Generation. Sunniten, Schiiten, Aleviten. Illegale, Asylanten, Arbeiter, Arbeitslose und Studenten.

Seit über 20 Jahren versammeln sie sich jedes Wochenende, an richtig heißen Tagen auch unter der Woche zu Tausenden im Tiergarten ums gemeinsame Feuer. Vor elf Jahren hat die Stadt die Wiesen zwischen Spree und Straße des 17. Juni zum Grillgebiet erklärt, und genauso lange wird in Berlin nun schon darüber gestritten, ob das eine gute Idee war. Es ist ein Ritual: Nach dem ersten warmen Wochenende im Frühjahr, wenn in den Behörden noch keiner daran gedacht hat, Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber und jugendliche Straftäter zu Sonderschichten einzuteilen, empören sich die Boulevardblätter über die »große Sauerei«, dann ergreifen die Politiker das Wort, bis zum Ende des Sommers eskaliert der Streit.

Es war ein CDU-Mann, der sich in diesem Jahr als Erster Gehör verschaffte. Nachdem seine Partei mehrere Jahre vergeblich dafür gekämpft hatte, das Grillen im Tiergarten zu verbieten, schlug er nun vor, zum Schutz des Parks private Sicherheitsleute als »Grillsheriffs« zu engagieren: »richtige Kraftpakete, die Deutsch und Türkisch sprechen und den Leuten deutlich machen, wie man sich in öffentlichen Anlagen benimmt«. Einige Grüne fragten während einer Sitzung im Berliner Abgeordnetenhaus, ob es nicht besser wäre, statt der Kraftpakete noch ein paar Müllmänner zu engagieren, worauf ein SPD-Mann ungehalten dazwischenrief, der Tiergarten sei doch sowieso längst verloren. Und um nicht tatenlos dazustehen, schaltete die Bezirksverwaltung ganzseitige Anzeigen mit der Grillordnung in verschiedenen Migrantenzeitungen.

»Ich hoffe auf einen Lerneffekt«, sagt Ephraim Gothe, der zuständige Baustadtrat im Bezirk Berlin-Mitte, ein Sozialdemokrat. An der Stirnseite seines weißen Büros hängt ein wandfüllender Plan, auf dem der Tiergarten aussieht wie eine riesige grüne Niere, die zwischen Brandenburger Tor, Reichstag, Zoologischem Garten und Potsdamer Platz mit der Stadt verwachsen ist. Gothe deutet auf das rot schraffierte Grillgebiet. Für ihn ein »Symbol gelebter Integration«. Hier gebe die Stadt Menschen, die bekanntlich nicht zu den Großverdienern gehörten, die Gelegenheit, ihre Freizeit an einem sehr schönen Ort zu verbringen. »Das dürfen wir nicht wegen ein paar Provinzlern aufs Spiel setzen«, sagt er und holt kurz Luft, bevor er den Gedanken zu Ende bringt. »Denn Sie glauben doch nicht im Ernst, denen ginge es um Müll.«

Das Stück des Sommertheaters müsste heißen: Wie geht Integration?

Um Müll ging es in diesem Streit noch nie. Es geht aber auch nicht um den Tiergarten. Er ist bloß die 220 Hektar große Bühne, auf der die Berliner Republik eine ganz besondere Art von Sommertheater inszeniert. Und in den ersten Jahren, als die Republikaner und auch Teile der CDU noch ganz offen gegen »die völkerwanderungsähnliche Invasion« im Tiergarten polemisierten, waren die Rollen ziemlich klar verteilt.

Auf der einen Seite standen Leute, die ihren lang gehegten Ressentiments endlich Luft machen konnten. Auf der anderen Leute wie Baustadtrat Gothe. Es war die Zeit, als in Deutschland erbittert über die doppelte Staatsangehörigkeit gestritten wurde und große Teile der Bevölkerung sich partout nicht damit abfinden wollten, in einem Einwanderungsland zu leben. Mittlerweile scheint es im Tiergartentheater eher darum zu gehen, wie die einzelnen Gruppen in diesem Einwanderungsland miteinander klarkommen, was sie einander geben und was sie voneinander verlangen. Weil in dem neuen Stück aber noch keiner so richtig seinen Text kennt, wird auf der Bühne improvisiert.

So spricht Baustadtrat Gothes Gegenspieler, der CDU-Mann Uwe Götze, oft wie ein Grüner, während die Grüne Claudia Hämmerling sich manchmal wie eine CDU-Frau anhört. Der Rentner Heiner Steffenhagen gibt den enttäuschten Liebhaber, der Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky den Poltergeist. Und dann ist da noch der Ethnologe Werner Schiffauer, der die Szenerie mit wissenschaftlicher Distanz betrachtet, und eine riesige Schar von Komparsen, die oft gar nicht merken, dass sie alle an dieser Inszenierung mitwirken.

Die Geschäftsleute vom Potsdamer Platz zum Beispiel, die im Tiergarten ihren Coffee to go schlürfen, die Diplomaten, deren Länder nach der Wende ihre alten Botschaftshäuser am Rand des Tiergartens wieder bezogen haben, die Jogger, die jungen Frauen mit den Kinderwagen, die alten Leute mit den Hunden. Die Insassen der dunklen Limousinen, die am späten Vormittag über die Straße des 17. Juni in Richtung Kanzleramt brausen. Oder der splitternackte Mann, der mittags auf einer Wiese unweit der Siegessäule unter der Dusche steht, die ein Schwulenverein hier errichten ließ. Anschließend streicht er sich behutsam das Wasser aus den Haaren und lässt den Blick über die Wiese wandern, auf der andere nackte Männer liegen. Die Berliner nennen diesen Teil des Tiergartens den »Tuntengrill«. Frauen sehe man hier nie, sagt der Nackte. »Weiß doch jeder, was wir suchen.« Schnellen anonymen Sex.