Müll Die Affäre Hammelbein

Jeden Montag sieht die Grillwiese im Berliner Tiergarten aus wie ein Schlachtfeld. Die Stadt räumt den Müll der Migranten weg. Aber der Konflikt schwelt immer weiter

Es ist ein schwüler, feuchter Morgen, Tau perlt von den Blättern, erste Jogger traben über die Kieswege, als Erkan Yilmaz, der dicke Piechotta und ein großer Mann mit tätowierten Händen ein blutiges Hammelbein aus dem Gebüsch im Tiergarten zerren. Ein Hammelbein. Die drei Müllsammler haben zwar schon einiges gesehen, aber das hier ist selbst für sie neu. »Ekelhaft, einfach nur ekelhaft«, sagt der Tätowierte und zündet sich eine Zigarette an. Seit ein paar Jahren schickt das Berliner Arbeitsamt die arbeitslosen Männer zu Sonderschichten in den Tiergarten, wo sie wortkarg den Müll des Wochenendes auflesen: Gemüsereste, Colaflaschen, Fahrradreifen. Yilmaz, Piechotta und der Tätowierte stapfen in ihren grauen Arbeitsjacken über die Wiese vor dem Schloss Bellevue, in den Büschen hängen kaputte Plastiksessel, neben einem Mülleimer liegen drei durchgeschmorte Einweggrills. »Ist halt Montag«, sagt der dicke Piechotta. Montags herrscht im Tiergarten Ausnahmezustand.

Vor dem Schloss Bellevue sieht es aus wie in Neapel während des Müllkriegs mit der Camorra. Würde der Bundespräsident jetzt aus dem Fenster schauen, sähe er einen dichten Teppich aus Pappbechern, Papptellern und abgenagten Knochen. 15 bis 20 Tonnen Abfall bleiben hier nach einem schönen Wochenende zurück. Das sind 25 Lkw-Ladungen, dafür brauchte ein Mehrfamilienhaus mit 30 Bewohnern ein ganzes Jahr. Viel mehr, als die Stadtreinigung bewältigen kann.

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Seit der Sache mit dem Hammelbein fährt der Tätowierte lieber den Müllwagen, statt selbst Müll aufzulesen. Piechotta, der ein bisschen steif im Rücken ist, sammelt bloß noch da, wo man sich nicht bücken muss. Allein Yilmaz schlägt sich gleich ins Unterholz. Er weiß, was die Kollegen denken, auch wenn sie es nicht mehr laut sagen. Es sind vor allem Migranten wie er, denen sie die ungeliebte Sonderschicht verdanken: Türken, Kurden, Araber. Zuwanderer der ersten, zweiten und dritten Generation. Sunniten, Schiiten, Aleviten. Illegale, Asylanten, Arbeiter, Arbeitslose und Studenten.

Seit über 20 Jahren versammeln sie sich jedes Wochenende, an richtig heißen Tagen auch unter der Woche zu Tausenden im Tiergarten ums gemeinsame Feuer. Vor elf Jahren hat die Stadt die Wiesen zwischen Spree und Straße des 17. Juni zum Grillgebiet erklärt, und genauso lange wird in Berlin nun schon darüber gestritten, ob das eine gute Idee war. Es ist ein Ritual: Nach dem ersten warmen Wochenende im Frühjahr, wenn in den Behörden noch keiner daran gedacht hat, Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber und jugendliche Straftäter zu Sonderschichten einzuteilen, empören sich die Boulevardblätter über die »große Sauerei«, dann ergreifen die Politiker das Wort, bis zum Ende des Sommers eskaliert der Streit.

Es war ein CDU-Mann, der sich in diesem Jahr als Erster Gehör verschaffte. Nachdem seine Partei mehrere Jahre vergeblich dafür gekämpft hatte, das Grillen im Tiergarten zu verbieten, schlug er nun vor, zum Schutz des Parks private Sicherheitsleute als »Grillsheriffs« zu engagieren: »richtige Kraftpakete, die Deutsch und Türkisch sprechen und den Leuten deutlich machen, wie man sich in öffentlichen Anlagen benimmt«. Einige Grüne fragten während einer Sitzung im Berliner Abgeordnetenhaus, ob es nicht besser wäre, statt der Kraftpakete noch ein paar Müllmänner zu engagieren, worauf ein SPD-Mann ungehalten dazwischenrief, der Tiergarten sei doch sowieso längst verloren. Und um nicht tatenlos dazustehen, schaltete die Bezirksverwaltung ganzseitige Anzeigen mit der Grillordnung in verschiedenen Migrantenzeitungen.

»Ich hoffe auf einen Lerneffekt«, sagt Ephraim Gothe, der zuständige Baustadtrat im Bezirk Berlin-Mitte, ein Sozialdemokrat. An der Stirnseite seines weißen Büros hängt ein wandfüllender Plan, auf dem der Tiergarten aussieht wie eine riesige grüne Niere, die zwischen Brandenburger Tor, Reichstag, Zoologischem Garten und Potsdamer Platz mit der Stadt verwachsen ist. Gothe deutet auf das rot schraffierte Grillgebiet. Für ihn ein »Symbol gelebter Integration«. Hier gebe die Stadt Menschen, die bekanntlich nicht zu den Großverdienern gehörten, die Gelegenheit, ihre Freizeit an einem sehr schönen Ort zu verbringen. »Das dürfen wir nicht wegen ein paar Provinzlern aufs Spiel setzen«, sagt er und holt kurz Luft, bevor er den Gedanken zu Ende bringt. »Denn Sie glauben doch nicht im Ernst, denen ginge es um Müll.«

Das Stück des Sommertheaters müsste heißen: Wie geht Integration?

Um Müll ging es in diesem Streit noch nie. Es geht aber auch nicht um den Tiergarten. Er ist bloß die 220 Hektar große Bühne, auf der die Berliner Republik eine ganz besondere Art von Sommertheater inszeniert. Und in den ersten Jahren, als die Republikaner und auch Teile der CDU noch ganz offen gegen »die völkerwanderungsähnliche Invasion« im Tiergarten polemisierten, waren die Rollen ziemlich klar verteilt.

Auf der einen Seite standen Leute, die ihren lang gehegten Ressentiments endlich Luft machen konnten. Auf der anderen Leute wie Baustadtrat Gothe. Es war die Zeit, als in Deutschland erbittert über die doppelte Staatsangehörigkeit gestritten wurde und große Teile der Bevölkerung sich partout nicht damit abfinden wollten, in einem Einwanderungsland zu leben. Mittlerweile scheint es im Tiergartentheater eher darum zu gehen, wie die einzelnen Gruppen in diesem Einwanderungsland miteinander klarkommen, was sie einander geben und was sie voneinander verlangen. Weil in dem neuen Stück aber noch keiner so richtig seinen Text kennt, wird auf der Bühne improvisiert.

So spricht Baustadtrat Gothes Gegenspieler, der CDU-Mann Uwe Götze, oft wie ein Grüner, während die Grüne Claudia Hämmerling sich manchmal wie eine CDU-Frau anhört. Der Rentner Heiner Steffenhagen gibt den enttäuschten Liebhaber, der Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky den Poltergeist. Und dann ist da noch der Ethnologe Werner Schiffauer, der die Szenerie mit wissenschaftlicher Distanz betrachtet, und eine riesige Schar von Komparsen, die oft gar nicht merken, dass sie alle an dieser Inszenierung mitwirken.

Die Geschäftsleute vom Potsdamer Platz zum Beispiel, die im Tiergarten ihren Coffee to go schlürfen, die Diplomaten, deren Länder nach der Wende ihre alten Botschaftshäuser am Rand des Tiergartens wieder bezogen haben, die Jogger, die jungen Frauen mit den Kinderwagen, die alten Leute mit den Hunden. Die Insassen der dunklen Limousinen, die am späten Vormittag über die Straße des 17. Juni in Richtung Kanzleramt brausen. Oder der splitternackte Mann, der mittags auf einer Wiese unweit der Siegessäule unter der Dusche steht, die ein Schwulenverein hier errichten ließ. Anschließend streicht er sich behutsam das Wasser aus den Haaren und lässt den Blick über die Wiese wandern, auf der andere nackte Männer liegen. Die Berliner nennen diesen Teil des Tiergartens den »Tuntengrill«. Frauen sehe man hier nie, sagt der Nackte. »Weiß doch jeder, was wir suchen.« Schnellen anonymen Sex.

Ein paar Hundert Meter entfernt, auf der Wiese vor dem Schloss Bellevue, bestreicht jetzt eine junge Palästinenserin, das schwarze Kopftuch tief ins Gesicht gezogen, Fladenbrote mit Kichererbsenmus. Hinter ihrem Rücken wuchten Männer in dunklen Anzughosen Grillroste und Kohlensäcke in den Park, Frauen in langen Kleidern laufen mit Plastikdosen und Kühltaschen hinter ihnen her. Wenig später schmoren Hunderte von Hühnerflügeln, Hammelschenkeln, Lammfrikadellen, Paprika, Tomaten und Knoblauch auf glühenden Kohlen. Rauchschwaden ziehen durch den Park. Es riecht nach Picknick, aber auch ein wenig verbrannt.

»Nehmen Sie«, sagt eine Frau und zeigt auf ihren Rost voller Hühnerherzen. »Wir haben mehr als genug.« Die Kinder seien heute wieder nicht mit zum Grillen gekommen. Der Älteste ist unterwegs, die Eltern wissen nie genau, was er treibt. Der Jüngere sitzt zu Hause am Computer. »Er will mal studieren«, sagt die Frau. Es klingt, als fürchte sie, ihren Jüngsten auch noch zu verlieren. Aysie Henki (Namen aller Migranten geändert) heißt sie, 41 Jahre ist sie alt, und bis auf die auffallend grünen Augen scheint alles an ihr grau zu sein. Die Haare, der Kittel, die ausgetretenen Badelatschen. Aysie arbeitet in einer Putzkolonne. »Sie wollte das selbst«, sagt ihr Mann Mehmet.

Er ist Aysies Cousin und schien damals, Anfang der achtziger Jahre, in dem kleinen Dorf im Südosten der Türkei eine gute Partie zu sein. Mehmets Vater hatte viele Jahre in Deutschland gearbeitet und von dem Geld, das er dort verdiente, einen Traktor und noch ein paar Hektar Land gekauft. Doch nach ein paar Jahren musste er feststellen, dass der Hof noch immer nicht genug abwarf, um die ganze Familie zu ernähren. Also wurde Mehmet, der älteste Sohn, nach Berlin geschickt, wo er eine Anstellung in einer Autowerkstatt fand. Ein Jahr nach der Hochzeit zog seine Frau zu ihm.

Aysie Henki weiß nicht mehr, was das für ein Tag war, als sie ankam, was sie dabeihatte, wie sie einander begrüßt haben. Sie weiß nur noch, dass sich alles in ihr verkrampfte, als ihr klar wurde, dass sie von nun an in einem Land leben würde, in dem ihr alles kalt vorkam, nicht nur der Winter. Aysie Henki hatte keine Verwandten in Deutschland, keinen Garten, nur eine winzige Wohnung und Nachbarn, die den ganzen Tag mit ihren Bierflaschen auf dem Balkon saßen und bei jeder türkischen Hochzeitsfeier in ihrem Viertel mit schwerer Zunge die Polizei riefen. Als ihr erster Sohn laufen konnte, entdeckte die Familie am Bellevue den Platz unter der Buche, auf dem sie bis heute jede freie Minute verbringt. Hier, sagt Aysie Henki, ist Deutschland schön. Bevor das Schloss Bellevue 1994 wieder zum Sitz des Bundespräsidenten wurde und am nordöstlichen Rand das neue Regierungsviertel in die Höhe wuchs, trafen sich hier vor allem Menschen, denen Deutschland fremd war.

Mit dem Grillen, sagt der Ethnologe Werner Schiffauer, fanden sie dann eine Möglichkeit, die dörfliche Tradition des gemeinsamen Festmahls in der Fremde fortzusetzen. Das sei aber von Anfang an mehr gewesen als eine Flucht aus den für große Familien oft viel zu engen Wohnungen. »Es war der Versuch, in der neuen Umgebung heimisch zu werden.« Schiffauer nennt das »Akkulturation«. Man könnte auch sagen: der Übergang vom Nomadentum zur neuen Sesshaftigkeit, von der Unbehaustheit zum öffentlichen Wohnzimmer.

Im Tiergarten sieht man die Unterschiede genau. Wer erst seit Kurzem dabei ist, hockt noch auf dem Boden. Wer richtig angekommen ist in der deutschen Gesellschaft, kommt nicht mehr her. »Glauben Sie, ich hätte Zeit, das ganze Wochenende an der frischen Luft zu verbringen?«, fragt der Dönerfabrikant Remzi Kaplan. Auch der türkische Kfz-Meister in der Autowerkstatt, in der Mehmet Henki sauber macht, lässt sich unter den Buchen nicht mehr blicken. Er soll einen eigenen Garten besitzen. Aysie und Mehmet, die es in Deutschland wohl nie zu einem Garten bringen werden, haben in den Tiergarten investiert. Wie die meisten, die schon lange hierherkommen, haben sie Tische, Bänke und Stühle gekauft, richtige Kohlewannen angeschafft und bequeme Sessel. Bei vielen gibt es auch draußen wieder einen Bereich für die Männer, eine Ecke für die Frauen und einen Salon, in dem die Damen bedienen und die Herren Wasserpfeifen schmauchen. Denn Akkulturation bedeutet offenbar nicht, dass Migranten im Tiergarten die Alltagskultur ihrer neuen Umgebung irgendwann übernehmen.

Am Nachmittag, wenn alle gegessen haben, nimmt ein kräftiger Palästinenser mit schwarzen Locken mit einer Zange die letzte Glut vom Grill und legt sie auf den Kohleteller der prunkvollen Shisha. Das Mundstück reicht er einem älteren Herrn in weißem Hemd. Die junge Palästinenserin, die eben noch Brot mit Kichererbsenmus bestrichen hatte, bringt den Männern ein Tablett mit Teegläsern. Sie hat gehört, dass deutsche Männer nicht viel von ihren Frauen verlangen. »So einen könnte ich nicht ernst nehmen.« Rayan heißt sie, ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Sie war ein Jahr alt, als ihre Familie vor 20 Jahren aus dem Libanon nach Berlin floh. »Wir haben einen Verein gegründet, damit unsere Kultur in der Fremde nicht verloren geht«, sagt sie.

Der ältere Herr mit dem weißen Hemd ist der Vorsitzende dieses Vereins und neben Rayan der Einzige der ganzen Gruppe, der konversationsfähiges Deutsch spricht. Ali Hajjaj. Er hatte bis vor ein paar Jahren in Berlin-Charlottenburg eine Pizzeria. Nun schlägt er sich wie der Müllsammler Erkan Yilmaz mit einem Ein-Euro-Job durch. Das gehe ganz gut, sagt er. »Ich habe viele Kinder, da sind die Ämter mit den Zulagen großzügig.« Rayan hat ein paar Jahre als Sekretärin gearbeitet. Das schwarze Kopftuch trägt sie, seit sie zwölf Jahre alt ist. Seit ihrer Hochzeit bindet sie es so, dass ein dickes Stück Stoff ihren Busen bedeckt. »Mein Mann will das so«, sagt sie stolz. Der Mann, ein junger Kerl in Jeans und T-Shirt, sitzt rauchend neben ihr und hat Mühe, dem Gespräch zu folgen. Er ist erst seit Kurzem in Deutschland, ein Palästinenser wie sie, ebenfalls aus Beirut. Er hat keine Mitgift bezahlt, sagt Rayan. »Eigentlich eine Unmöglichkeit.« Aber Rayans Vater fand, er sei ein guter Junge, und verzichtete auf das Geld. Seine einzige Bedingung: Rayan habe einen Wunsch frei, bevor er sie ziehen lasse. Rayan, die mit ihrem Sekretärinnengehalt ihre Familie bis dahin mit ernährt hatte, wollte weiter arbeiten gehen. Doch nach der Geburt ihrer Tochter hat sie das gelassen.

Als Heiner Steffenhagen Anfang der sechziger Jahre mit seiner Familie in die helle Maisonettewohnung am westlichen Rand des Tiergartens zog, war er nicht viel älter, als Rayan und ihr Mann es jetzt sind. Damals fand noch niemand etwas dabei, wenn Paare um die 20 sich fürs gemeinsame Leben einrichteten. Es war auch eine Selbstverständlichkeit, dass die Frau sich um den Haushalt kümmerte und dass die Wertvorstellungen der Eltern im Leben der erwachsenen Kinder nach wie vor eine dominante Rolle spielten. Die lockeren Sitten, die Rayan an Deutschland heute irritieren, bereiten auch Heiner Steffenhagen Kummer.

Ein Bürgerverein ließ heimlich alle Bänke abschrauben

Er verstand die Welt nicht mehr, als Mitte der neunziger Jahre die Love-Parade durch den Tiergarten zog. Halb nackte Menschen saßen auf den Laternen, tagelang wummerte dieser schreckliche Krach durch den Park, den Musik zu nennen Steffenhagen bis heute Überwindung kostet. Doch der Senat vermarktete dieses ungeheuerliche Spektakel als »Signal positiver Lebensfreude aus Berlin«. Steffenhagen gründete den Verein »Rettet den Tiergarten!«. Er setzte Unterschriftenlisten auf, verfasste Petitionen, bestellte Gutachten, ließ ausrechnen, wie viel Urin die Tänzer an einem Tag im Park hinterließen. Dass sich die Raver vor fünf Jahren aus Berlin verabschiedeten, betrachtet er als sein persönliches Verdienst.

Sein Kampf gegen die Griller gestaltet sich schwieriger. Jedes Mal, wenn Steffenhagen – nun als Vertreter des kämpferischen Bürgervereins Hansaviertel – bei Baustadtrat Gothe vorspricht, erzählt der ihm was von »gelebter Integration« und er, Steffenhagen, steht da wie einer, der etwas gegen Ausländer hat. »Dabei habe ich doch nur etwas gegen Großveranstaltungen im Park«, sagt er in einem Café an der Altonaer Straße. Bis zur Siegessäule und zum »Tuntengrill« sind es von hier nur ein paar Minuten mit dem Rad, bis zum Grillgebiet fährt man eine Viertelstunde. Vor Steffenhagen stehen ein Milchkaffee und ein Sträußchen Plastikblumen. Am Nebentisch schimpft eine Frau: »Vater, wenn du deinen Toast nicht isst, bring ich dich ins Heim.«

Steffenhagen denkt oft daran, wie er kurz nach dem Krieg, an einem kalten Oktobertag, mit seinem Vater, einem Bollerwagen und einer Axt aus Berlin-Charlottenburg bis zu der heutigen Straße des 17. Juni zog. Im alten Hansaviertel war kein Stein auf dem anderen geblieben, auch im Rest der Stadt hatten die wenigsten Wohnungen Glas in den Fenstern. Weil auch Brennmaterial knapp war, hatte die Militäradministration den Tiergarten zum Abholzen freigegeben. 1949 standen im ganzen Tiergarten nur noch 800 Bäume. »Und wenn man gesehen hat, wie der langsam wieder wurde, bricht einem diese Zerstörung das Herz«, sagt er mit jener merkwürdigen Mischung aus Pathos und Grusel, die viele ältere Menschen in der Stimme haben, wenn sie über die Jahre des Wiederaufbaus sprechen.

Auf den Trümmern des alten Hansaviertels, in dem viele vermögende jüdische Familien gelebt hatten, errichteten berühmte Architekten wie Walter Gropius, Oscar Niemeyer und Arne Jacobsen Hochhäuser für den Mittelstand, die neue herrschende Klasse der Bundesrepublik. Die Wohnungen waren nicht besonders groß, aber gut geschnitten und komfortabel. In einem Dokumentarfilm über das neue Hansaviertel erzählen Steffenhagens Nachbarn, wie sie beim Anblick der Zentralheizung vor Glück in Tränen ausbrachen.

Fortan ging es viele Jahre nur noch bergauf, die Arbeitsplätze waren sicher, die Renten auch. Die Mauer, die seit 1961 am östlichen Ende des Tiergartens stand, empfand man bald nicht mehr als Bedrohung. Sie machte den Park zu einem gut gepflegten Zonenrandgebiet.

Wenn Steffenhagen und seine Nachbarn heute aus den Fenstern ihrer hellen Wohnungen blicken, sehen sie ein Stück Deutschland, das viel bunter und toleranter ist, als sie es in Erinnerung haben, aber auch viel unordentlicher und schmutziger. Und es kann gut sein, dass sie diese Aussicht viel mehr schmerzt als das Wissen um den Müll. Als sich vor ein paar Jahren immer mehr Arbeits- und Obdachlose im Hansaviertel breitmachten, hat der Bürgerverein in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alle Bänke abschrauben lassen. Steffenhagen ist diese Aktion mittlerweile peinlich. Es gebe doch längst wieder Bänke, sagt er.

Über dem Tiergarten wölbt sich ein schwarzer Gewitterhimmel. Auf der Tuntenwiese liegen so viele nackte Männer, dass man sich fragt, wie das mit dem anonymen Sex hier noch funktionieren soll. Auf der Grillwiese vor dem Bellevue deutet sich an, dass die Müllsammler morgen früh wieder keinen leichten Tag haben werden. Rayan, die junge Palästinenserin mit dem schwarzen Kopftuch, versucht, ihrer Tochter ein Stück Fleisch in den Mund zu schieben. Die Männer aus ihrer Familie haben sich unter die Kastanien zum Gebet zurückgezogen. Hunderte Gläubige verneigen sich dort in Richtung Mekka. Als eine heftige Windbö sämtliches Geschirr von den Tischen fegt, sehen auch die anderen Griller zu, dass sie unter die Bäume kommen. Einer kippt im Vorübergehen glühende Kohlen neben einen Mülleimer.

Dann beginnt es zu regnen, und Uwe Götze bekommt im Tiergartentheater seinen Auftritt. Der Fraktionsvorsitzende der Berliner CDU hat die Szenerie schon eine ganze Weile aus dem Bushäuschen vor dem Schloss Bellevue beobachtet. Es scheint in sein Weltbild zu passen, was er da sieht. »Da wird wohl so schnell kein Gras mehr wachsen«, sagt er mit Blick auf die verbrannte Stelle neben dem Mülleimer. Götze, Jeans, weißes Hemd, Schnurrbart, ist der Gegenspieler von Baustadtrat Gothe, denn er weiß, dass viele seiner Wähler so denken wie Heiner Steffenhagen und die Leute im Hansaviertel. Sein Vorschlag, den Tiergarten durch einen privaten Sicherheitsdienst bewachen zu lassen, hat ihn zu einem Helden der Boulevardpresse gemacht. In einer Umfrage der B.Z. hatten sich viele Prominente erfreut über seinen Vorschlag geäußert, unter ihnen auch Tim Raue, der Chefkoch der Adlon-Restaurants. Götze lächelt.

Die Idee war ihm kurz nach Ostern gekommen, als er mit einem Parteifreund beim Bier saß. Seit dem Bankenskandal vor acht Jahren kommt die CDU in der Stadt nicht mehr so recht auf die Füße. Und gibt es ein besseres Thema als den Tiergartenmüll, um einer angeschlagenen Partei wieder ein schärferes Profil zu verleihen? Jeder in der Stadt kennt das Problem, aber keiner wagt mehr als halbherzige Lösungen. Die Bezirksverwaltung hat im Grillgebiet Müllbehälter für mehr als 100 Kubikmeter Abfall aufgestellt. »Aber die werden ja nicht benutzt«, sagt Götze. Auch das Berliner Ordnungsamt sei überfordert. »An einem schönen Sonntag verteilen die mehr Knöllchen wegen Beleidigung als wegen Verstoßes gegen die Grillordnung.« Warum also keinen Sicherheitsdienst engagieren? Götze und sein Parteifreund haben damals beim Bier überschlagen, dass es reichen würde, fünf Euro pro Feuerstelle zu verlangen. So käme man pro Wochenende auf ein paar Tausend Euro.

Im Mai machte die CDU eine entsprechende Eingabe beim Senat, die bisher auf keiner Tagesordnung gestanden hat. »Doch ich sag’s Ihnen: Wenn uns der Tiergarten irgendwann in Flammen aufgeht, ist das Geschrei groß.« Götze spricht dann lange übers »ökologische Gleichgewicht« und die dramatischen Folgen des Grillens für das »Biosystem Berlin«, über die Singvögel, die hier nicht mehr brüten, die Buchen, die seit Jahren keine Blätter mehr austreiben. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass sich da einer schon mal warmläuft für ganz andere Gefechte.

Manchmal könne man aus »falsch verstandener politischer Correctness« die Zeichen der Zeit auch übersehen, sagt er. Ihn jedenfalls erinnere die Lage im Tiergarten verdächtig an die Zeit nach der Wende, als große Teile Berlins wirkten wie Außenposten der auseinanderbrechenden Sowjetunion. Am Kurfürstendamm, der schicken Einkaufsmeile des alten Westens, handelten zwielichtige Gestalten mit gefälschter Markenkleidung, geklauten Uhren und Waffen. Die Geschäftsleute klagten über Umsatzeinbußen. Die CDU, auch damals glücklos in der Opposition, verlangte ein »hartes Durchgreifen«. Doch die rot-grüne Landesregierung »hatte mehr Mitgefühl mit den armen Wendeverlierern aus Osteuropa«. Götze schüttelt den Kopf über so viel politische Instinktlosigkeit. Im Dezember 1990 kam mit Eberhard Diepgen wieder ein CDU-Mann an die Macht.

Rayan schenkt schweigend ein Glas Tee ein. Der alte Ali Hajjaj, der kürzlich noch so freimütig über seine Hartz-V-Karriere gesprochen hatte, beißt sich auf die Unterlippe. Ist etwas passiert? »Lesen Sie keine Zeitung?«, fragt Rayan zurück. Es passierte, als es im Tiergarten plötzlich anfing zu regnen. Sie waren zeitiger aufgebrochen als sonst und fanden einen Parkplatz direkt vor ihrer Kreuzberger Haustür. Als Rayans Vater den Kofferraum öffnete, hörten sie einen lauten Knall. Ein paar Minuten später wurde Rayans jüngster Bruder mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht. Seither sitzt der Fünfjährige im Rollstuhl. Rayans Mutter zerkleinert ihm das Essen wie einem Baby. Er hat bei dem Unfall fast alle Zähne verloren.

Die Polizei sagte zu Rayan: Fahrerflucht. Da könne man nichts machen. Ein paar Tage später stand in einer Lokalzeitung, eine 35 Jahre alte Frau habe einen kleinen Palästinenser angefahren. Rayan fragt sich, ob es eine Täterin gibt, die man ihnen nicht nennen will. Sie fragt sich, »ob die Polizei einer deutschen Familie auch so schamlos ins Gesicht lügen würde. »Die Deutschen messen mit zweierlei Maß«, sagt der alte Ali Hajjaj. Da brennt der Container hinter seinem Rücken schon eine ganze Weile. Brauner Rauch steigt auf, die Luft ist zum Schneiden. Würde der Bundespräsident jetzt aus dem Fenster schauen, könnte er denken, sein Amtssitz liege in einem Katastrophengebiet.

»Hören Sie mir damit auf!« Heinz Buschkowsky kann es nicht mehr hören. Er ist der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln und ein Sozialdemokrat, der die eigene Partei viele Nerven gekostet hat. Im Frühjahr hat er Baustadtrat Gothe empört, indem er ungefragt verkündete: »Meiner Meinung nach ist der Tiergarten verloren.« Buschkowskys klassenzimmergroßes, mit schweren Holzmöbeln eingerichtetes Büro liegt viele U-Bahn-Stationen vom Zentrum entfernt zwischen Ramschläden, Dönerbuden und Resterampen in einem pompösen Sandsteinrathaus. Mit Uhrenturm und Kupferdach zeugt es noch vom Stolz des ehemaligen Arbeiterviertels, das längst ein Armenviertel geworden ist.

Hier bekommt fast jeder zweite Einwohner sein Geld vom Staat, weit mehr als die Hälfte davon sind Migranten. Am Besuchertresen im Vorzimmer berichtet ein Polizist der Vorzimmerdame von der Nachtschicht. 14 Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz in einer einzigen Kneipe. Der Laden gehört einer arabischen Großfamilie, nach jeder Razzia werden die Geschäfte einem anderen Cousin übertragen. »Wir kriegen die Brüder einfach nicht zu fassen«, sagt Buschkowsky. Sie landen nicht zwangsläufig in der Kriminalität, aber kaum einer lande auf dem ersten Arbeitsmarkt. Der Bürgermeister trifft Schüler, die denken, Hartz IV sei ein ehrenwerter Beruf, und Mütter, die sich aufs sechste Kind freuen, weil sie dann eine größere Wohnung zugewiesen bekommen. Seine türkische Friseurmeisterin ist vor ein paar Monaten mit ihrem Geschäft an den Kurfürstendamm umgezogen, weil sie im armen Neukölln fast niemanden mehr fand, der für den Tariflohn arbeiten wollte.

Buschkowsky wundert sich nicht, wenn er im Integrationsbericht der Bundesregierung liest, dass Zuwanderer deutlich schwerer einen Ausbildungsplatz finden, dass die Arbeitslosenquote unter ihnen doppelt so hoch ist wie in der Gesamtbevölkerung und dass sie ständig der Gefahr ausgesetzt sind zu verarmen. Er beugt sich nach vorn, als verrate er ein Geheimnis. »Das ist aber nicht von mir, sondern von Leon de Winter: Ein Sozialstaat ist ein schlechter Integrationsstaat.« Weil er keine Anreize schaffe, die Menschen nicht zwinge, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. »Wir subventionieren den Rückzug in die ethnische Gemeinschaft«, sagt er und genießt die Stille, die jetzt eintritt.

»So benehmen sich Leute, die nie richtig angekommen sind«

Buschkowsky ist ein begnadeter Provokateur, aber kein herzloser Liberaler. Er versteht sich eher als Patriarch im alten Sinne, streng und fürsorglich. Er will Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, das Kindergeld streichen. Er lässt Schulschwänzer von der Polizei zu Hause abholen. Ginge es nach ihm, würde Rayans Tochter in eine deutsche Kinderkrippe gehen und der Rest der Familie in einen Sprachkurs. Von der Viertelmillion Euro, die der Bezirk Mitte jeden Sommer für die Beseitigung des Grillmülls im Tiergarten ausgibt, könnte er in Neukölln über ein halbes Jahr lang den Sicherheitsdienst an den 13 Schulen bezahlen, es reichte für drei Sozialstationen.

Wer so rechnet, und ein Neuköllner Bürgermeister muss wohl so rechnen, kann gar nicht anders, als im Tiergartentheater eine kostspielige Folkloreveranstaltung zu sehen, die vor allem denen etwas bringt, die sich auf der Bühne profilieren. Doch man muss nicht unbedingt aus dem armen Neukölln kommen, um irritiert zu sein, wenn abends im Tiergarten ein Müllcontainer in Flammen aufgeht und die Allgemeinheit dafür aufkommen soll. Die Kinder spielen, die Männer lassen ihre Wasserpfeife kreisen, Rayan schält Obst. Als endlich die Feuerwehr kommt, schaut sie genervt, als hätte nicht der Brand, sondern die Feuerwehr ihre Sonntagsruhe gestört.

»So benehmen sich Leute, die hier nie richtig angekommen sind«, sagt Claudia Hämmerling von den Bündnisgrünen.

Haben wir da ein Problem, dem man mit Grillsheriffs allein nicht beikommt?

Und kann es sein, dass der Tiergarten gar kein öffentliches Migrantenwohnzimmer ist, sondern bloß der Raum, den die Stadt ihnen gibt, damit jeder sieht, dass sie sich kümmert? Und schickt die Stadt vielleicht deshalb so geduldig jeden Morgen Putzkolonnen vorbei, damit niemand merkt, dass mit der gelebten Integration, die hier ausgestellt wird, einiges nicht stimmt?

Es sind beunruhigende Fragen, die der Müll nebenbei stellt: Wie kann es sein, dass Mehmet und Aysie Henki nach mehr als 20 Jahren in Deutschland außer der Buche im Tiergarten keinen Ort kennen, der ihnen gefällt? Dass niemand in Rayans Familie einer regulären Arbeit nachgeht? Dass Rayan mit einem Mann verheiratet wird, der ihr sagen soll, wo es lang geht, obwohl er nicht einmal einen Stadtplan lesen kann? Haben wir da ein Problem, dem man mit Grillsheriffs allein nicht beikommt?

»Das haben wir wohl«, sagt Claudia Hämmerling, die im Berliner Abgeordnetenhaus zwei Stockwerke unter dem CDU-Mann Götze sitzt. Sie trägt ein langes schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt und spielt im Tiergartentheater die Rolle der aufmüpfigen Regieassistentin, die den Komparsen endlich mehr Verantwortung fürs Stück geben will. Hämmerling, die ursprünglich aus der DDR kommt, fehlt die multikulturelle Prägung ihrer westdeutschen Parteigenossen und die damit verbundene Haltung, Migranten wie kleine Kinder zu behandeln, die es nicht besser wissen. Sie sagt: »Ich finde, dass eine Gesellschaft den Mut haben muss zu sagen: Wenn ihr hier lebt, dann haltet euch bitte auch an unsere Regeln.« Das habe auch mit Respekt zu tun. Hämmerling, muss man wissen, ist in ihrer Fraktion für Verkehrspolitik zuständig. Respekt ist für sie etwas Überlebenswichtiges.

»Warten Sie«, sagt sie und ruft an ihrem Computer die Homepage ihres Lieblingsprojektes auf: Shared Space, geteilter Raum, ein Pilotversuch aus den Niederlanden. Dort wurden in den Gemeinden Haren, Emmen und Fryslan an besonders gefährlichen Kreuzungen alle Ampeln und Vorfahrtsschilder abgeschraubt. Die Idee: In einer unregulierten Welt muss im eigenen Interesse jeder auf andere Rücksicht nehmen. Weil sich in diesem Chaos alle gleich stark oder gleich schwach fühlten, gebe es fast keine Unfälle mehr, sagt Hämmerling. Keine Sheriffs im Tiergarten, keine Müllmänner? »Genau. Der Müll bleibt einfach liegen.« Und dann? »Wir müssen klarmachen: Das ist eure Stadt, und so sieht es da aus, wenn ihr euch nicht um euren Müll kümmert.«

Doch das wäre dann wohl ein anderes Tiergartenstück, eines, das kein Problem damit hätte, die Zuschauer am Ende ratlos in die Nacht zu schicken. Der Dreck auf der Bühne würde Multikultiromantiker sprachlos machen und Ordnungsfanatiker zwingen, ihre Worte genau zu wählen. Denn es ist nicht auszuschließen, dass sich in einem solchen Stück auch die ganz Rechten wieder zu Wort melden würden. Und weil das keiner will, wird das Skript für dieses Stück noch Jahre bei Claudia Hämmerling in der Schublade liegen. So lange kommen montags, wenn der Tau von den Blättern perlt und erste Jogger über die Kieswege traben, Erkan Yilmaz, der dicke Piechotta und der Tätowierte. Sie kümmern sich darum, dass man mittags nicht mehr sieht, was im Argen liegt.

 
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