Anna und Felix sehen sich jeden Tag. Oft schon morgens, am Frühstückstisch, spätestens in der Mittagspause und meist auch am Nachmittag, wenn ihnen die Zeit im Büro zu lang wird. Am häufigsten aber sehen sie sich nachts, wenn niemand sie stört. Dann blickt Anna in Felix’ strahlendes Gesicht, betrachtet seine Grübchen, in die sie sich sofort verliebt hat.

Anna und Felix sind kein Paar mehr, sie haben sich vor einigen Wochen getrennt. Sie sehen sich dennoch dauernd, weil es Facebook gibt, das soziale Netzwerk im Internet.

Seit Jahren tröste ich Anna, wenn sie Liebeskummer hat. Ich lege dann den Arm um sie und sage, was beste Freundinnen nach Trennungen so sagen. Wenn ich ihr in der Vergangenheit den Rat gab, den Kontakt zu ihren Verflossenen einzustellen, hielt sie sich daran. Die folgenden Wochen der Trauer stand sie durch, bis der Schmerz irgendwann nachließ. Diesmal ist es anders. Facebook kann man nicht einfach ignorieren wie ein Telefon, das klingelt. Besucht Anna die Seite, um ihren Freundeskreis zu sehen, begegnet sie Felix – ob sie will oder nicht.

Sich zu trennen war noch nie ein Spaß, aber in Zeiten von Facebook ist die Trennung zu einer noch unschöneren Angelegenheit geworden. Man ist stets in der Versuchung nachzuschauen, was der Ex gerade so tut. Und natürlich widerstehen die meisten dieser Versuchung nicht – zu eingespielt ist die ständige Beobachtung der alltäglich ausgesandten Nachrichten und Fotos der Netzwerk-Freunde – und so registrieren die frisch Getrennten voller Argwohn jede kleinste Veränderung des anderen. Sie analysieren die neuen Fotos des Ehemaligen: Was verrät sein Gesichtsausdruck? Geht er viel aus? Trinkt er mehr Alkohol als sonst? Und akribisch wird in selbstquälerischer Manie nach Nachrichten gesucht, die verraten könnten, dass sich der Expartner einem neuen Partner annähert.

Ein entdeckter Eintrag wie "Es war wunderschön auf dem Dachgarten…" kann dazu führen, dass alle gewonnen geglaubte Selbstsicherheit rasch wieder verloren ist. Ähnlich grausam können neu gewonnene "Freunde" des Expartners sein, die man nicht kennt und die den Anschein erwecken, nicht wenig attraktiv zu sein. Oftmals ist auch ein echtes Wettrüsten der Pseudofröhlichkeit zu erkennen, um sich gegenseitig zu beweisen, wie gut es einem ohne den anderen doch geht. Oder aber einer der beiden Leidenden nutzt das Netzwerk als Bühne, um jedermann an seinem Schmerz teilhaben zu lassen – nicht selten in der Hoffnung, dem Expartner ein schlechtes Gewissen zu machen. Und gäbe es eine wirksamere Weise, schmutzige Wäsche zu waschen, als Netz-öffentlich?

Da auf Facebook alles, was innerhalb des Freundeskreises geschrieben wird, gelesen werden kann, wird selbst die trivialste Nachricht zu einem Problem. Denn man ist sich bewusst: Der Ex liest mit. Kein Satz ist mehr harmlos.