Literaturbetrieb Unsere besten Verrückten

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann erklärt, warum sein Land nicht auf den Ammann-Verlag verzichten kann

Wenn ein alter Verlag stirbt, geht immer ein Stück Literaturgeschichte zu Ende. Es gibt aber auch junge Verlage, von denen man sich schwer vorstellen kann, dass sie wieder verschwinden. 1981 gründeten Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld in Zürich ein Unternehmen, das bald für sein eigenwilliges Sortiment von Debütanten und klassisch modernen Autoren berühmt werden sollte. Navid Kermani und Fernando Pessoa, Julia Franck und Wole Soyinka gehörten dazu. Jetzt hat der Verleger verkündet, wegen der »immer schwieriger werdenden Marktsituation« in Jahresfrist den Laden zu schließen. Wir sprachen mit dem Schriftsteller, auf den Ammann seinen Erfolg gründete: Von Thomas Hürlimann stammten die ersten drei Titel des Verlagsprogramms. Derzeit arbeitet er auf einem Bergbauernhof in den Schweizer Alpen an seinem neuen Roman.

DIE ZEIT: Herr Hürlimann, Sie haben einmal einen Band mit Theaterstücken Das Lied der Heimat genannt, und als die Nachricht vom Aus Ihres Verlages kam, klagten Sie, Sie verlören ein Stück Heimat. Was heißt Heimat?

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Thomas Hürlimann: Ganz einfach. Das Vertraute und Verlässliche. Wenn ich nach Zürich kam, fuhr ich immer zuerst ans Bellevue, um eine Bratwurst zu essen, und dann zu meinen Freunden Egon und Marie-Luise Ammann, um die neuesten Geschichten zu hören. Dieser Verleger nahm seinen Standort ernst, indem er sich mühte, Schweizer Autoren zu fördern und zu entdecken, auch wenn es risikoreich war – zum Beispiel machte er eine Gesamtausgabe des 1893 geborenen Meinrad Inglin, eines vergessenen zivilisationskritischen Heimatdichters aus der Innerschweiz. Aber Ammans Heimatliebe verband sich mit einer Neugier auf die Welt, auf Autoren wie Pessoa, Mandelstam, Dostojewskij. In seinem Büro türmten sich Welten, und als Weltzentrum war der Verlag für mich Heimat.

ZEIT: Sie selber haben die Schweiz in Ihren Büchern oft attackiert und sind dafür als Nestbeschmutzer beschimpft worden. Was ist das Schweizerische, das Sie an Ammann schätzen?

Hürlimann: Heiner Müller hat nach einem Besuch des Musee de l’art brut in Lausanne, also des Museums, das die Kunst der Verrückten ausstellt, einmal gesagt: Die Schweiz hat die besten Verrückten! Das liegt an der oft diagnostizierten Enge des Landes. Sie zwingt einen, mit dem Luftballon in andere Welten zu fliegen. Ammann war zuerst Buchhändler in Istanbul, dann reiste er durch den Vorderen Orient, um Goethe-Ausgaben zu verkaufen, dann wurde er Sekretär eines Stierkämpfers in Spanien. Er ist ein typisch schweizerischer Verrückter, ein weltläufiger Patriot.

ZEIT: Sie selber erzählen in einem Ihrer erfolgreichsten Romane, Der große Kater, die Staatsintrige um einen Schweizer Bundespräsidenten auf nicht gerade patriotische Art.

Hürlimann: Es gibt einen billigen Patriotismus, eine dumme Vaterlandsliebe, die die Landesgrenzen nur von einer Seite betrachtet. Ich halte es mit Hegel, der lehrt, man könne nur dann von einer Grenze reden, wenn man sie von beiden Seiten kennt. Der Ammann-Verlag saß in Zürich, aber vermochte es, das Weltganze mitzudenken.

Leser-Kommentare
  1. Ich weiss zwar nichts über Geschäftszahlen, aber dass die Überproduktion auf dem Buchmarkt zu Lasten der Verlage geht, die Literatur vermarkten, das kann man sich gut vorstellen. Sieht man sich die Auslagen der Vertriebsketten an, sind die ausliegenden Bücher eher Schmöker zum Zeitvertreib als den Leser fordernde und bereichernde Literatur.
    Zu befürchten ist auch, dass der Amman - Verlag nur den Auftakt für geschmälerte Programme anderer Literaturverlage abgibt. Über den hoch gelobten jungen Verlag kookbooks konnte man das bereits lesen.
    Das wäre doch mal ein Thema für "Die Zeit", die Situation auf dem Buchmarkt zu analysieren, denn das frage ich mich ja schon lange, woher die Muße kommen soll, den saisonalen Büchermassen in irgendeiner Weise gerecht werden zu können.

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