Manchmal überlegt Günther Jauch, wie es wäre, wenn er verschwände. "Was wäre, wenn ich kein Fernsehen mehr machen würde?", fragt er sich dann. "Die Leute würden mich immer mehr vergessen, das geht schnell." Er hat sich ziemlich genau ausgerechnet, wie schnell. "Ich behaupte, die Halbwertzeit für Fernsehleute liegt bei sechs bis neun Monaten. Nach neun Monaten hat einen die Hälfte der Zuschauer vergessen. Noch mal neun, und eine weitere Hälfte der Verbleibenden fällt weg, dann noch einmal neun Monate, insgesamt etwas mehr als zwei Jahre – dann erinnert sich niemand mehr, bis auf ein paar Ältere."

Als vor Kurzem seine Kollegin Ilona Christen starb, gerade einmal fünf Jahre älter als er, ging ihm der Gedanke vom Verschwinden wieder durch den Kopf. "Die hat sich nach dem Ende ihrer Talkshow dem Medium konsequent entzogen. Man hat sie nie mehr gesehen. Das ist doch ’ne Leistung!" Jauch jubelt fast, als er das sagt. "Das schaffen die wenigsten. Ich weiß nicht, ob sie glücklich war. Aber diese Konsequenz hat mich beeindruckt."

Warum? "Sie macht mir Hoffnung, dass es nicht zwangsläufig zu Entzugserscheinungen führen muss, wenn man diesen Job nicht mehr macht. Ich bilde mir ja ein, dass ich ein anderes Leben jenseits des Fernsehens führen könnte. Aber ich wähle bewusst den Konjunktiv, weil ich es nicht weiß."

Wie könnte dieses Leben aussehen? "Das ist schwer zu sagen. Ich habe von der Welt ja nix gesehen. Ich habe immer nur gearbeitet." Auf Reisen zu gehen, dazu habe er Lust, sagt er. "Ich bin neugierig darauf, mal ein halbes oder ein ganzes Jahr auszusteigen. Ich habe keine Ahnung, wie das ist. Aber eines weiß ich: Es wird weniger werden mit mir im Fernsehen."

Günther Jauch im August 2009, in Potsdam, wo er seit fast 20 Jahren mit seiner Familie lebt, mit Frau Thea und vier Töchtern auf einem Anwesen am See. Er ist unrasiert, wie immer, wenn er nicht vor die Kamera muss, trägt ein Shirt und helle Hosen, Turnschuhe. Grauer ist er geworden, die Haare und der Bart sind halb dunkel, halb hell.

Günther Jauch will reden, Bilanz ziehen nach über dreißig Jahren im Fernsehen, das Treffen findet am See statt. Wo genau, soll nicht erwähnt werden. Er möchte seine Privatsphäre schützen. Er geht, notfalls auch gerichtlich, gegen Boulevardmedien vor, die über sein Privatleben berichten.

Im September wird er mit seinem Quiz Wer wird Millionär? zehn Jahre auf Sendung sein, im Privatfernsehen eine unendlich lange Zeit. Stern TV macht er sogar schon seit 1990, noch länger moderiert er den Jahresrückblick. "Ich habe mal gesagt, zum Bednarz von RTL möchte ich nicht werden." Klaus Bednarz moderierte das Politikmagazin Monitor 18 Jahre lang, mit betroffenem Blick und im Pullover. "Jetzt habe ich mal nachgeschaut: Ich mache Stern TV im 20. Jahr. Ich bin der Bednarz von RTL – nur ohne Pullover."

Seit Wochen schon macht er Ferien, die ersten seit zwei Jahren. Die meiste Zeit hat er hier am See verbracht. Ruhig ist es, ab und zu zieht ein Boot vorbei, Jugendliche springen ins Wasser, ein Rentner zieht seine Kreise. Man merkt, dass Günther Jauch viel Zeit hatte zum Grübeln. Braun gebrannt ist er, und doch ist oft ein unentspanntes Runzeln auf seiner Stirn zu sehen, wenn er über sich und seine Zukunft nachdenkt und über das, was von ihm bleiben wird. Helmut Schmidt kommt ihm da in den Sinn, wie unbeliebt der früher gewesen sei.

"Als er im Amt war, hatte er mit seinen Positionen oft keine Mehrheit hinter sich, heute lieben ihn die Leute. Beim Fernsehen ist es umgekehrt: Wenn ich mir alte Sendungen angucke, die damals erfolgreich waren, denke ich fast immer: Damit gewinnst du heute keinen Blumentopf mehr. Es gibt kein flüchtigeres Medium."

Manchmal guckt er nachts in den Dritten Programmen Wiederholungen aus den sechziger, siebziger Jahren, Shows von Moderatoren wie Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff, den Günther Jauchs ihrer Zeit. "Der Frankenfeld hat kleine Plastikhubschrauber durch den Saal fliegen lassen, und unten liefen Kandidaten um einen Käse-Igel herum. Das wirkt heute nur noch aus der Zeit gefallen." Er ist sicher, dass es ihm genauso ergehen wird. Dass er, der laut mehreren Umfragen "beliebteste Moderator", ja "beliebteste Deutsche", eines Tages genauso aus der Zeit fallen wird.

"Ach, diese Umfragen. Ich bin nun mal der Onkel, der mehrmals in der Woche in den Wohnzimmern der Menschen auftaucht und Beträge von 500 Euro bis zu einer Million verschenkt. So einer ist nun mal beliebter als der Bundesfinanzminister."