Günther Jauch Gibt es ein Leben nach dem Fernsehen?
30 Jahre Fernsehen. Quotenkönig. Beliebtester Deutscher. Günther Jauch fragt sich, wann es Zeit ist aufzuhören – und was kommt, wenn der Ruhm geht
Manchmal überlegt Günther Jauch, wie es wäre, wenn er verschwände. "Was wäre, wenn ich kein Fernsehen mehr machen würde?", fragt er sich dann. "Die Leute würden mich immer mehr vergessen, das geht schnell." Er hat sich ziemlich genau ausgerechnet, wie schnell. "Ich behaupte, die Halbwertzeit für Fernsehleute liegt bei sechs bis neun Monaten. Nach neun Monaten hat einen die Hälfte der Zuschauer vergessen. Noch mal neun, und eine weitere Hälfte der Verbleibenden fällt weg, dann noch einmal neun Monate, insgesamt etwas mehr als zwei Jahre – dann erinnert sich niemand mehr, bis auf ein paar Ältere."
Als vor Kurzem seine Kollegin Ilona Christen starb, gerade einmal fünf Jahre älter als er, ging ihm der Gedanke vom Verschwinden wieder durch den Kopf. "Die hat sich nach dem Ende ihrer Talkshow dem Medium konsequent entzogen. Man hat sie nie mehr gesehen. Das ist doch ’ne Leistung!" Jauch jubelt fast, als er das sagt. "Das schaffen die wenigsten. Ich weiß nicht, ob sie glücklich war. Aber diese Konsequenz hat mich beeindruckt."
Warum? "Sie macht mir Hoffnung, dass es nicht zwangsläufig zu Entzugserscheinungen führen muss, wenn man diesen Job nicht mehr macht. Ich bilde mir ja ein, dass ich ein anderes Leben jenseits des Fernsehens führen könnte. Aber ich wähle bewusst den Konjunktiv, weil ich es nicht weiß."
Wie könnte dieses Leben aussehen? "Das ist schwer zu sagen. Ich habe von der Welt ja nix gesehen. Ich habe immer nur gearbeitet." Auf Reisen zu gehen, dazu habe er Lust, sagt er. "Ich bin neugierig darauf, mal ein halbes oder ein ganzes Jahr auszusteigen. Ich habe keine Ahnung, wie das ist. Aber eines weiß ich: Es wird weniger werden mit mir im Fernsehen."
Günther Jauch im August 2009, in Potsdam, wo er seit fast 20 Jahren mit seiner Familie lebt, mit Frau Thea und vier Töchtern auf einem Anwesen am See. Er ist unrasiert, wie immer, wenn er nicht vor die Kamera muss, trägt ein Shirt und helle Hosen, Turnschuhe. Grauer ist er geworden, die Haare und der Bart sind halb dunkel, halb hell.
Günther Jauch will reden, Bilanz ziehen nach über dreißig Jahren im Fernsehen, das Treffen findet am See statt. Wo genau, soll nicht erwähnt werden. Er möchte seine Privatsphäre schützen. Er geht, notfalls auch gerichtlich, gegen Boulevardmedien vor, die über sein Privatleben berichten.
Im September wird er mit seinem Quiz Wer wird Millionär? zehn Jahre auf Sendung sein, im Privatfernsehen eine unendlich lange Zeit. Stern TV macht er sogar schon seit 1990, noch länger moderiert er den Jahresrückblick. "Ich habe mal gesagt, zum Bednarz von RTL möchte ich nicht werden." Klaus Bednarz moderierte das Politikmagazin Monitor 18 Jahre lang, mit betroffenem Blick und im Pullover. "Jetzt habe ich mal nachgeschaut: Ich mache Stern TV im 20. Jahr. Ich bin der Bednarz von RTL – nur ohne Pullover."
Seit Wochen schon macht er Ferien, die ersten seit zwei Jahren. Die meiste Zeit hat er hier am See verbracht. Ruhig ist es, ab und zu zieht ein Boot vorbei, Jugendliche springen ins Wasser, ein Rentner zieht seine Kreise. Man merkt, dass Günther Jauch viel Zeit hatte zum Grübeln. Braun gebrannt ist er, und doch ist oft ein unentspanntes Runzeln auf seiner Stirn zu sehen, wenn er über sich und seine Zukunft nachdenkt und über das, was von ihm bleiben wird. Helmut Schmidt kommt ihm da in den Sinn, wie unbeliebt der früher gewesen sei.
"Als er im Amt war, hatte er mit seinen Positionen oft keine Mehrheit hinter sich, heute lieben ihn die Leute. Beim Fernsehen ist es umgekehrt: Wenn ich mir alte Sendungen angucke, die damals erfolgreich waren, denke ich fast immer: Damit gewinnst du heute keinen Blumentopf mehr. Es gibt kein flüchtigeres Medium."
Manchmal guckt er nachts in den Dritten Programmen Wiederholungen aus den sechziger, siebziger Jahren, Shows von Moderatoren wie Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff, den Günther Jauchs ihrer Zeit. "Der Frankenfeld hat kleine Plastikhubschrauber durch den Saal fliegen lassen, und unten liefen Kandidaten um einen Käse-Igel herum. Das wirkt heute nur noch aus der Zeit gefallen." Er ist sicher, dass es ihm genauso ergehen wird. Dass er, der laut mehreren Umfragen "beliebteste Moderator", ja "beliebteste Deutsche", eines Tages genauso aus der Zeit fallen wird.
"Ach, diese Umfragen. Ich bin nun mal der Onkel, der mehrmals in der Woche in den Wohnzimmern der Menschen auftaucht und Beträge von 500 Euro bis zu einer Million verschenkt. So einer ist nun mal beliebter als der Bundesfinanzminister."
Er sagt, er merke jetzt schon, wie stark die Zeit vorangeschritten sei. Bei den Jubiläumssendungen, zehn Jahre Stern TV, 15 Jahre Stern TV, die alten Sakkos, die Themen – oh Gott, oh Gott, denkt Günther Jauch dann, das fanden wir damals also interessant.
Er ist gerade erst 53 Jahre alt geworden, und doch wirkt er an diesem sonnigen Tag in Potsdam wie einer, der alles gesehen und alles gemacht hat, was einer wie er machen kann. Und der nicht weiß, was noch kommen soll. Und der über seine Arbeit sagt: "Was ich gemacht habe, ist nichts Bleibendes."
Dabei war er an einigen Sternstunden des Fernsehens beteiligt, zum Beispiel, als einmal in Madrid ein Fußballtor umfiel und deshalb ein Champions-League-Spiel nicht angepfiffen werden konnte. Moderator Jauch und sein Kollege Marcel Reif improvisierten, machten Scherze – "ein Tor würde dem Spiel guttun", "das erste Tor ist bereits gefallen" –, die Fußballnation war bestens unterhalten.
Ja, das sei damals witzig gewesen, erwidert er, aber eben der Situation geschuldet. "Die Zuschauer dachten, oh Gott, was machen die jetzt? Das dauert ja schon 20 Minuten, 30 Minuten, eine Stunde." Am nächsten Tag kamen die Quoten: "Das Spiel hatte acht Millionen Zuschauer, unser Unsinn hatte 13 Millionen." Jauch und Reif bekamen dafür den Bayerischen Fernsehpreis.
Das ist doch schön, etwas Bleibendes! Nein, sagt Jauch, eben nicht. Später kam ein Mensch auf ihn zu, der diese Sternstunde auf CD rausbringen wollte. Jauch wollte erst nicht, sagte dann doch zu. "Ein Fehler", sagt er heute. "Wenn der Live-Effekt fehlt, dieses Kitzeln, wie geht es weiter, wird es schnell quälend. Das ist überhaupt nichts für die Ewigkeit. Beim Anhören der CD schaust du schnell auf die Uhr." Er jedenfalls hatte die meiste Zeit den Finger auf der Fast-Forward-Taste. Günther Jauch sagt, er habe für das hohe Alter nur eine Hoffnung. "Wenn ich 80 bin und es geht dahin und ich werde in einen Operationssaal geschoben, hoffe ich, dass der 40-jährige Chefarzt denkt: Jauch, der war doch mal ’ne Nummer. Und deshalb etwas mehr Sorgfalt walten lässt."
Wie kann das sein? Da sitzt er in der Sonne am See, isst Pflaumenkuchen mit Schlagsahne und bläst Trübsal. "So ist er, der Günther", sagt Thomas Gottschalk, Freund und Förderer und gerade zur Kur, "an dem kann man nichts ändern." Er hat sich selbst einmal den Mephisto genannt, der den Journalisten Jauch zur Unterhaltung verführt habe. "Ich sage ihm immer: Mensch, du bist erfolgreich, gesund und hast ’ne Menge Kohle verdient. Jetzt entspann dich mal! Aber irgendeinen Mühlstein hängt er sich immer um den Hals."
Jauch sagt, er bewundere "den Thomas für sein Talent zum Privatisieren, das geht mir ab". Gottschalk sagt, er gebe sich alle Mühe, "dem Günther beizubringen, das Leben zu genießen, aber leicht ist es nicht". Einmal habe Jauch ihn voller Stolz angerufen, er habe sich einen Jaguar gekauft. "Bestimmt gebraucht", seufzte Gottschalk. "Natürlich", hat Jauch geantwortet.
Ums Finanzielle muss sich Günther Jauch keine Sorgen machen. Er hat in Potsdam mehr als ein Dutzend Häuser saniert, mit Werbung und Moderationen ist er sehr vermögend geworden. Für Geld hat er sich schon mit 12, 13 Jahren interessiert, “wenn ich 100 Mark Taschengeld gespart hatte, habe ich Aktien gekauft zum Beispiel von Beton- und Monierbau, ich habe schon als Kind nicht ungeschickt mit denen spekuliert. Als ich mich später für Anteile an einer Waffenfabrik interessierte, hieß es bei uns am Abendbrottisch: Solche Werte besitzt man nicht.” Später dachte er ernsthaft darüber nach, Banker zu werden.
Seine Produktionsfirma I & U beschäftigt knapp 100 Angestellte, dazu kommen viele freie Mitarbeiter. Neben Jauch moderieren Hape Kerkeling, Oliver Geissen und Kai Pflaume Sendungen wie Das unglaubliche Quiz der Tiere, Die 70er Show und Der große Haustiertest. I & U hat Aufträge von RTL, ARD, ZDF und Sat.1. Eigentlich kein Grund zum Klagen.
"Es ist mühsam geworden", sagt Günther Jauch, "man muss immer neue Ideen anbieten, hoffen, dass man eine Chance bekommt." Und wenn eine Banalität wie eine Sendung über Haustiere dabei ist, nimmt der Firmenchef Jauch den Auftrag eben an. Noch glaubten viele, sagt er, im Privatfernsehen gehe die Einschaltquote über alles – "dabei ist die entscheidende Frage längst: Wie viel Geld bleibt pro Stunde übrig?" Selbst an Shows mit guten Quoten, klagt er, würde nicht automatisch festgehalten. "Dann heißt es schon mal: Wir würden das gerne fortsetzen, aber geht’s nicht für die Hälfte der Kosten?"
Macht ihm Fernsehen überhaupt noch Spaß? Oder sind das alles nur noch Mühlsteine, die er sich umhängt, um die Arbeitsplätze seiner Firma zu sichern? "Die Sendungen an sich schon", sagt er, "aber das Drumherum..." Er hat seiner Firma die Marschroute vorgegeben. Vor ein paar Jahren moderierte er noch alle Shows von I & U, jetzt ist es weniger als die Hälfte. Es soll noch weniger werden.
"Meine Frau sagt immer: Finde den richtigen Moment, um Abschied zu nehmen. Aber was ist der richtige Moment? Muss jemand vom Sender sagen: Gehen auch ein paar Auftritte weniger? Oder: Wir wollen’s gar nicht mehr? Oder ist der richtige Moment, wenn man es gelassen sieht und sagt: Solange ihr mich noch wollt, machen wir es, nehmen uns aber vor, dass nicht groß geweint wird, wenn’s zu Ende geht?"
Er hat auf diese Fragen noch keine Antworten gefunden. "Wie soll ich damit umgehen, wenn man feststellt, älteren Leuten gefällt die Show noch sehr gut, aber die jüngeren schauen nicht mehr so oft wie am Anfang?"
Er redet von Wer wird Millionär?, dem Quiz, das mehr als alles andere für seine Popularität verantwortlich ist. Im September ist er damit zehn Jahre auf Sendung, über 800 Folgen, fast 1700 Kandidaten, der Begriff "Telefonjoker" steht mittlerweile im Duden. Jahrelang dominierte der Millionär die Quotenranglisten, und noch immer sehen viele zu, aber wenige junge Zuschauer, für die sich die Werbung so sehr interessiert. "Muss mich das bekümmern?"
Noch so eine Frage. "Ganz schwierig. Ich stelle mir vor, dass ich... – ich weiß es nicht..." Plötzlich unterbricht Jauch das Gespräch. Er schluckt. Dann zeigt er auf ein schwarzes Gebäude am Ufer, das im Schatten liegt. "Habe ich Ihnen schon mal erklärt, dass diese Pyramide da drüben früher der Kühlschrank des Marmorpalais war? Die haben im Winter das Eis am Heiligen See gehackt und die Pyramide damit bis oben vollgemacht. Das hat den ganzen Sommer über gereicht."
Das kann er, so kennen ihn die Zuschauer. Eine kleine Anekdote eingestreut, ein Wissenshäppchen zum Staunen serviert, und weiter geht’s im Programm. Warum lenkt er ab? Er erzählt, dass er in seiner Firma seit Jahren der Älteste ist, und er erinnert sich noch gut an die Zeiten, als er 20, 25 war und seine Chefs beim Rundfunk in München 40 waren, "uralt kamen die mir vor". Er sieht sich jetzt auf der anderen Seite.
Chef Jauch beobachtet sich selbst mit derselben Gnadenlosigkeit wie damals seine Chefs. "Bei mehr als 100 Angestellten muss ich zugeben: Ich kenne nicht mehr jeden mit Namen. Ich habe ein schlechtes Gewissen und denke: Da arbeiten richtig gute Leute – und ich müsste alles wissen und alle kennen. Aber dann schaffen die das ganz unabhängig ohne mich. Das ist für mich doch sehr beruhigend." Wenn er besonders wütend auf sich ist, gibt er sich zehn Sekunden und zählt den Countdown runter, zehn, neun, acht... Manchmal fällt ihm der Name dann doch noch ein. Überhaupt sein Gedächtnis, er hadert mit seinen Synapsen. "Ich kann mir keine Gesichter merken, keine Namen. Bei Stimmen bin ich gut, das ist wahrscheinlich mein Training vom Rundfunk, aber zeigen Sie mir einen 32.000-Euro-Gewinner von vor vier Wochen – ich kann mich nicht erinnern."
Seine Quizkandidaten. Ist ihm selbst schon mal langweilig geworden bei einer Aufzeichnung? Manchmal säßen Kandidaten vor ihm, erzählt er, "die spielen jeden Ball ins Aus. Die möchten keinen Dialog führen, die sitzen einfach nur da und sagen: 'A.' Nächste Frage: 'D.' Das geht wenigstens schnell." Oder die anderen, die auf die Frage, was sie denn mit der Million machen würden, antworten: Ich denk, ich würde mir dann mal so in Richtung Alterssicherung ein paar Gedanken machen. Oder diejenigen, die sagen, ihre Frau wünsche sich einen Wintergarten. "Ich sehe dann immer diese angebauten Dinger vor meinem geistigen Auge und denke, vorher war euer Haus aber schöner."
Er kann auch schwärmen, von Professor Freise etwa, dem ersten Millionengewinner, dem das Geld völlig egal war; vom Studenten aus der Nähe von Regensburg, der ein Klavier wollte und, als er genug Geld für einen Flügel gewonnen hatte, einfach weiterzockte. Von der arbeitslosen Hausfrau, die es der ganzen Welt zeigen wollte, "die war oft gedemütigt worden, aber jetzt hatte sie Glück, mit ihr habe ich mich richtig gefreut".
Die Sendung hat sich gewandelt. Anfangs war sie Ereignis, Tagesgespräch, hatte Quoten wie sonst nur Wetten, dass ...? und Fußball-Länderspiele. Dieser Glanz ist weg, die Quoten sind immer noch gut, aber nicht mehr herausragend. "In den ersten Jahren", sagt Günther Jauch, "haben die Kandidaten auf die Frage, warum sie sich beworben haben, gesagt: Ich will die Million, und ich will es allen zeigen. Heute antworten acht von zehn: Mein Auto hat schon 170.000 Kilometer drauf, jetzt ist auch noch die Kupplung kaputt, und meine Frau wünscht sich einen gebrauchten Dreier-BMW, der kostet 17.500 Euro. Deswegen will ich bis zur 16.000-Euro-Frage kommen." Schrecklich sei das, die schafften es nie nach ganz oben, "dabei brauche ich doch die Wahnsinnigen".
Wenn er so vor einem sitzt und plaudert, ist er wie im Fernsehen: direkt, aber nicht verletzend, gleichermaßen reflektiert und unterhaltsam. Er wirkt nicht eitel. Der Moderator Marcel Reif, mit ihm befreundet seit ihren gemeinsamen Zeiten beim ZDF-sportstudio Ende der achtziger Jahre, konnte es anfangs gar nicht fassen, dass ein so uneitler Mensch ausgerechnet beim Fernsehen gelandet war. Bis ihm klar wurde: "Günther ist auf so perfide Art uneitel, dass das vielleicht genau seine Eitelkeit ist. Ich habe ihm das mal gesagt: Deine Uneitelkeit geht mir manchmal auf den Keks."
Thomas Gottschalk bewundert seinen Freund besonders für etwas, das ihm selbst abgeht: "Der Günther vermittelt dem Publikum seit Jahrzehnten den Eindruck, dass er eigentlich gar nicht ins Fernsehen gehört. Aber weil er schon mal da ist, nimmt er das Kreuz halt auf sich. Dafür lieben ihn die Leute."
Wahrscheinlich ist das sein Erfolgsgeheimnis – dass er das Verhältnis vieler Deutscher zum Unterhaltungsfernsehen so perfekt widerspiegelt: Eigentlich mögen wir es ja nicht, aber jetzt haben wir es schon mal eingeschaltet! So kommt es, dass sein Publikum ihm sogar den Boulevardjournalismus von Stern TV nicht übel nimmt.
Wieder hat Günther Jauch eine Frage. "Wie lange ist das noch meine Fernsehlandschaft? Wie lange kann ich das..." Und wieder unterbricht er das Programm. "Schauen Sie mal, da hinten auf dem Zweig im Wasser, der schwarze Reiher! Fliegt bestimmt gleich weg!"
Im Fernsehen ist er seit Jahren die Nummer eins. Er zieht noch immer. Keiner weiß das besser als der Schauspieler Michael Kessler, er parodiert Jauch in der Comedyshow Switch. Es sei anfangs nicht leicht gewesen, erzählt Kessler, sich der Figur zu nähern, "weil Jauch so beliebt ist. Florian Silbereisen geht leichter."
Aber dann fiel Kessler doch einiges auf: das starre Ablesen von den Karteikarten, das langsame, fast geistesabwesende Sprechen bei Stern TV, das Backenpusten und andere übertriebene Gesten bei Wer wird Millionär?. Dem Original gefällt die Parodie. "Ich kann ja keine Krawatten binden, das sieht immer schrecklich aus bei mir. Dem Kessler ist das aufgefallen, das muss man erst mal hinkriegen!"
Michael Kessler sagt, er komme an seine Grenzen: "Es ist ja seit Jahren das Gleiche, so langsam haben wir alle Gags durch." Die Produzenten von Switch lassen ihn aber nicht aus der Nummer raus: Selbst als Parodie ist Günther Jauch ein sicherer Quotenbringer.
Im September kommt das Original mit seiner neuen Show 5 gegen Jauch . Das Prinzip vom Millionär einmal umgedreht: Fünf Kandidaten testen das Wissen von Jauch. Der junge Oliver Pocher moderiert. Man muss Jauch nur fragen, was ihm an Pocher gefällt, und bekommt eine Selbstanalyse mitgeliefert. "Er ist schnell, schlagfertig, hat keine Angst vor Autoritäten." Alles Eigenschaften, die auch den jungen Jauch ausgemacht haben. "Und er hat Nehmerqualitäten. Der hat jahrelang so viel auf die Nuss gekriegt und scheint das einfach weggesteckt zu haben. Diese Fähigkeit geht mir völlig ab. Ich würde ja relativ schnell sagen: Freunde, wir lassen das."
Er hat es schon mal gelassen. Vor drei Jahren wollte er Nachfolger von Sabine Christiansen werden, ihre Polit-Talkshow übernehmen. "Ich dachte damals, jetzt schließt sich der Kreis. Du hast mit politischem Journalismus angefangen, dann kam die Unterhaltung, dazu der Sport, und jetzt zurück in die Politik." Er hat dann doch abgesagt, weil er fürchtete, dass ihm zu viele reinreden würden: ARD-Chefredakteure, Rundfunkräte, Intendanten. Manche von ihnen beschimpfte er als "Gremlins". Wie denkt er heute darüber?
"Ich hatte die Befürchtung, dass ich den Sender und mich unglücklich mache. Ich weiß aber nicht, ob das tatsächlich so passiert wäre. Ich werde es wohl nie erfahren." Das war ihm damals schon bewusst. "Wenn Sie etwas nicht machen, erfahren Sie nie, ob es doch geklappt hätte. Das ist der Stoiber-Effekt."
Jauch sagt, er habe seinen Frieden damit gemacht. Andererseits kommt er im Laufe der nächsten Stunden wieder und wieder auf die Sonntagabendsendung zu sprechen. Sie spukt noch immer in seinem Kopf herum. "Ich sitze am Wochenende oft herum und denke, och, jetzt müsste ich Spiegel, ZEIT, Focus, FAS durchackern, mich auf das Thema vorbereiten. Ist doch ganz angenehm, dass es nicht so ist." Und es passiert noch immer, dass er samstags zu irgendeinem Fest eingeladen ist und plötzlich beim Glas Wein denkt: "Ach, komm, das hat doch auch was Gutes. Du könntest sonst nicht hier sein."
Man hört ihn reden und stutzt. Ausgerechnet Jauch, der Zurückgezogene, der Familienmensch, der ewig Disziplinierte, der Preuße unter den Moderatoren, argumentiert mit den angenehmen Seiten des Partylebens? Nach seiner Absage im Januar 2007 ging es ihm nicht gut. Er hatte sich einen Virus eingefangen – dabei werde er nie krank, hatte er bei einem Treffen damals gesagt. Und angekündigt: "Mit 50 hat’s nicht geklappt, dann vielleicht mit 55." Heute ist er 53 und kann sich an den Satz nicht erinnern. "Das habe ich gesagt?"
Er sieht sich die politischen Talkshows natürlich weiter an und glaubt weiterhin, dass er das besser könnte. "Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung." Nein, er ist damit noch nicht fertig, und ganz leise, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, hat Jauch in den vergangenen Jahren Kontakt gehalten zu manchem ARD-Verantwortlichen.
Seine Firma I & U produziert Unterhaltungsshows für die ARD, und auch sonst, erwähnt er nebenbei, "waren die Signale, die in der Zeit nach meiner Absage von der ARD kamen, durchaus freundlich".
Dennoch, er hat es gelassen. Seine Freunde haben ihm das auch geraten. Marcel Reif etwa. "Du wirst damit nicht glücklich", warnte er Jauch. "Günther lebt doch wie ein Freibeuter, es redet ihm kaum einer rein. Das wäre bei der ARD anders gewesen." Und Thomas Gottschalk findet: "Auch wenn er sich über die geplatzte Talknummer geärgert hat – so wie es gelaufen ist, war es besser für ihn. Günther ist ein Perfektionist, und das Ding wäre nie perfekt gelaufen. Gekonnt hätte er’s aber!"
Sollte es mit der politischen Sendung nichts werden, könnte er auch den direkten Weg gehen, in die Politik selbst. Der Bürger Günther Jauch setzt sich in Potsdam seit Langem für Denkmalpflege ein (mit Erfolg) und in Berlin für den Religionsunterricht als Pflichtfach (ohne Erfolg). Immer wieder wird er, nicht nur von der Boulevardpresse, als Kandidat für alle möglichen Posten gehandelt, vom Bürgermeister bis zum Bundespräsidenten. Laut Umfrage des Emnid-Instituts wünscht jeder zweite Deutsche sich Günther Jauch als Kanzler. Und was traut der Moderator Jauch dem Politiker Jauch zu?
Erst will er dazu gar nichts sagen. Es entsteht eine Pause. "Ich gebe zu, dass ich ein Faible für Seiteneinsteiger in der Politik habe, auch wenn sie in Deutschland ausnahmslos gescheitert sind." Wieder eine lange Pause.
Er nippt am Mineralwasser. "In der Politik brauchen Sie auf jeder Ebene Unterstützung. Sie brauchen Mehrheiten. Wenn ich da an Fraktionsdisziplin denke, an all die nötigen Absprachen et cetera et cetera, das wird mit mir schwierig. Deshalb ist der politische Alltag nichts für mich."
Parteihansel oder Rundfunkräte, das Problem wäre dasselbe: Er will es eigentlich, aber er hat Angst, sich ins Unglück zu stürzen. Er müsste sich auf unsicheres Terrain begeben. Er, der seit Langem keinen großen Flop mehr gelandet hat, würde sich einem Risiko aussetzen, das er nicht kontrollieren könnte. Seine Beliebtheit würde ihm helfen, aber nicht in jeder Situation. Es wäre ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Nicht nur eine x-te neue Show, nicht nur 5 gegen Jauch, sondern Jauch nach Jauch.
Warum will er diesen Schritt nicht gehen, obwohl ihm doch das Unterhaltungsfernsehen nichts Neues mehr bieten kann? Günther Jauch sagt, er habe seinen Vater immer bewundert für dessen Souveränität. Ernst-Alfred Jauch, Jahrgang 1920, war Journalist, leitete mit Erfolg das Büro der Katholischen Nachrichten-Agentur in West-Berlin. Er starb 1991.
"Mir fehlt es an der Gelassenheit, die er hatte", sagt der Sohn. "Ich neige dazu, mich über jede Kleinigkeit aufzuregen, mich in einen Knochen zu verbeißen und den nicht mehr loszulassen. Ich nehme viele Dinge persönlich, obwohl ich das gar nicht müsste." Nur im Fernsehen tritt Günther Jauch auf wie sein Vater, souverän, klug, gelassen. "Im Fernsehen", sagt er, "ist alles leichter als im Leben."
Ernst-Alfred Jauch hat nach seiner Pensionierung seiner Familie oft stundenlang aus der Zeitung vorgelesen, auch wenn die mit anderem beschäftigt war. Manchmal hat er dann die Zeitung runtergeklappt, in die Runde geschaut und gesagt: "Mir hört ja doch keiner zu." Sein Vater habe sich am Ende hinter der Zeitung versteckt. "Er hat festgestellt, dass das Leben an ihm vorbeigeht, aber er hat’s einfach laufen lassen."
Seit einiger Zeit trainiert Günther Jauch diese Art des Verschwindens. Auch er liest daheim laut aus der Zeitung vor. Er sagt, dass ihn das ungemein beruhige.
Was wissen Sie über Günther Jauch? Knacken Sie die Millionenfragen in unserem Quiz!
- Datum 21.08.2009 - 10:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.08.2009 Nr. 35
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Doch! Es sind genau jene Fernsehproduktionen, die das Fernsehen so bedauernswert machen.
Vielleicht hätte er sich doch an Klaus Bednarz orientieren sollen. So wären eventuell interessante Reisereportagen zustande gekommen.
Aber dafür ist es jetzt zu spät. Stattdessen traktiert er das Fernsehpublikum mit stereotypen, langweiligen und uninspirierenden Sendungen. Dies macht ihn zwar zu einem erfolgreichen, gut verdienenden Moderator, der Preis ist Stupidität und Tristesse.
Warum sucht er sich nicht ein Hobby, weit weg vom Fernsehen? Dadurch können alle Seiten nur gewinnen.
... Herrn Jauchs Sendungen anzusehen? Bei mittlerweile mindestens vierzig frei empfangbaren Sendern im Kabel - über Satellit bzw. mit Decoder sind es noch viel mehr - und einem reichlichen Angebot an Pay TV -Sendern, sollte sich doch auch für Ihren Geschmack etwas finden.
Und wenn nicht, wartet sicher das eine oder andere gute Buch in Ihrem Regal darauf, dass Sie sich seiner annehmen. Wo also ist das Problem?
Es gibt in Deutschland nun einmal Millionen von Zuschauern, die seine Sendungen schätzen und regelmässig einschalten. Ohne diese langfristig guten Einschaltquoten hätten sich diese Sendungen schwerlich so lange gehalten - gerade im Privatfernsehen. Bei 25 - 30% Marktanteil von WWM kann man in einer Demokratie wohl kaum etwas gegen die weitere Ausstrahlung vorbringen. Möge das Volk entscheiden! Im Deutschen Bundestag sind bekanntlich einige Parteien mit wesentlich geringerem Wählerzuspruch vertreten.
Ich wüsste eine Sendung, die perfekt auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist: ich bin ein Star, holt mich hier raus. Die ist inspiriert und kennt keinerlei Tristesse. Na, guter Tipp?
... Herrn Jauchs Sendungen anzusehen? Bei mittlerweile mindestens vierzig frei empfangbaren Sendern im Kabel - über Satellit bzw. mit Decoder sind es noch viel mehr - und einem reichlichen Angebot an Pay TV -Sendern, sollte sich doch auch für Ihren Geschmack etwas finden.
Und wenn nicht, wartet sicher das eine oder andere gute Buch in Ihrem Regal darauf, dass Sie sich seiner annehmen. Wo also ist das Problem?
Es gibt in Deutschland nun einmal Millionen von Zuschauern, die seine Sendungen schätzen und regelmässig einschalten. Ohne diese langfristig guten Einschaltquoten hätten sich diese Sendungen schwerlich so lange gehalten - gerade im Privatfernsehen. Bei 25 - 30% Marktanteil von WWM kann man in einer Demokratie wohl kaum etwas gegen die weitere Ausstrahlung vorbringen. Möge das Volk entscheiden! Im Deutschen Bundestag sind bekanntlich einige Parteien mit wesentlich geringerem Wählerzuspruch vertreten.
Ich wüsste eine Sendung, die perfekt auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist: ich bin ein Star, holt mich hier raus. Die ist inspiriert und kennt keinerlei Tristesse. Na, guter Tipp?
"Er sieht sich die politischen Talkshows natürlich weiter an und glaubt weiterhin, dass er das besser könnte."
Das wage ich zu bezweifeln. Zumindest das "Journalistische", was man von ihm aus Stern TV kennt, ist wirklich unterstes Niveau.
Boulevard-Journalisten in vorgeblich seriösen Medien gibt's mittlerweile schon genug, da sollte Herr Jauch lieber bei seinen belanglosen Moderationen bleiben.
... Herrn Jauchs Sendungen anzusehen? Bei mittlerweile mindestens vierzig frei empfangbaren Sendern im Kabel - über Satellit bzw. mit Decoder sind es noch viel mehr - und einem reichlichen Angebot an Pay TV -Sendern, sollte sich doch auch für Ihren Geschmack etwas finden.
Und wenn nicht, wartet sicher das eine oder andere gute Buch in Ihrem Regal darauf, dass Sie sich seiner annehmen. Wo also ist das Problem?
Es gibt in Deutschland nun einmal Millionen von Zuschauern, die seine Sendungen schätzen und regelmässig einschalten. Ohne diese langfristig guten Einschaltquoten hätten sich diese Sendungen schwerlich so lange gehalten - gerade im Privatfernsehen. Bei 25 - 30% Marktanteil von WWM kann man in einer Demokratie wohl kaum etwas gegen die weitere Ausstrahlung vorbringen. Möge das Volk entscheiden! Im Deutschen Bundestag sind bekanntlich einige Parteien mit wesentlich geringerem Wählerzuspruch vertreten.
Es gibt wahrlich schlimmere Sendungen als die von Günther Jauch moderierten. Auch wenn gerade bei Stern TV nicht alle Themen sehr tiefgründig gewählt sind und man sich stark an der Einschaltquote orientiert, gefällt es mir, dass Jauch seine Gäste in keiner Weise herablassend behandelt oder öffentlich lächerlich macht, was gerade im Privatfernsehen nicht selbstverständlich ist. Zudem hat er keinen Hang zur Selbstüberschätzung, zeichnet sich aber durch Intelligenz aus. Ich habe den Eindruck, dass dies bei einer ganzen Garde von jüngeren Moderatoren leider genau umgekehrt ist.
Ich wüsste eine Sendung, die perfekt auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist: ich bin ein Star, holt mich hier raus. Die ist inspiriert und kennt keinerlei Tristesse. Na, guter Tipp?
Den Blick ins Gaga-TV überlasse ich denen, die sich auch eine Biographie von Dieter Bohlen kaufen.
Den Blick ins Gaga-TV überlasse ich denen, die sich auch eine Biographie von Dieter Bohlen kaufen.
Den Blick ins Gaga-TV überlasse ich denen, die sich auch eine Biographie von Dieter Bohlen kaufen.
Klingt ja fast tragisch, G.Jauch auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. .. Dabei steht er sich wohl selbst im Weg: Die immer wieder kolportierten
1 Mio Euro Moderationshonorar pro"Wer wird Millionär" - Studiotag (3 Sendungen à 300 000 € plus Reisekosten) sind natürlich gewichtige Argumente, die RTL Sendung erst mal nicht einfach zu beenden, vor allem wenn man so auf Sicherheit aus ist wie er. Und ob er wirklich seine Karriere als politischer Moderator/Journalist beenden will?
Interessant ist, dass er in seiner eigenen Sendung STERN TV, die nicht unter Kontrolle von RTL ist, längst alle sperrigen Themen verbannt hat. Er setzt lieber auf die Themenmischung "Tiere, Kinderschicksale, Autos, skurrile Erfindungen, abgezockte Häuslebauer und neuerdings Ärger rund um den Computer".
"Die immer wieder kolportierten
1 Mio Euro Moderationshonorar pro"Wer wird Millionär" - Studiotag (3 Sendungen à 300 000 € plus Reisekosten)..."
Demnach würden bei Herrn Jauch Reisekosten von 100.000 EUR anfallen. Kommt der gute Mann denn mit der Air Force One angeflogen? Schon diese Angabe erscheint mir kaum nachvollziehbar.
Die angeblichen 300.000 EUR pro Folge sprengen dann vollends jeden Rahmen. Nur zum Vergleich: Thomas Gottschalk erhält für eine Folge "Wetten dass?!" 40.000 EUR Honorar - und die dauert ungleich länger. Natürlich sind die Honorare bei den Privatsendern z. T. deutlich höher, da diese auch höhere Werbeeinnahmen erzielen können. Trotzdem erscheint mir eine ganze Grössenordnung hier doch zu hoch gegriffen.
Jauchs Einkommen soll sich lt. einer bekannten Boulevardzeitung ;-) auf 750.000 EUR pro Monat belaufen - einschliesslich Werbeverträgen. Das wären dann 9.000.000 EUR pro Jahr. Selbst wenn er das ganze Geld nur mit WWM verdienen würde, wären das gerade einmal dreissig Folgen p.a. Eventuell beziehen sich ja die 300.000 EUR auf die Produktionskosten pro Folge (ohne Gewinne). Die sind bei Quizschows ja nicht sonderlich hoch...
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