Arbeit an der Supermarktkasse © Andreas Rentz/Getty Images

Während ich dies schreibe, sehe ich, wenn ich den Kopf hebe und auf die Straße schaue, einen Arbeiter. Er pflastert die Straße, da wird ein Radweg hergestellt. Das ist, ohne jeden Zweifel, eine sinnvolle Tätigkeit. Trotzdem glaube ich nicht, dass er seine Arbeit liebt. Wenn er die Chance dazu hätte, würde er wohl etwas anderes machen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es möglich ist, eine monotone Arbeit zu lieben. Er darf außerdem nichts entscheiden, er setzt die Steine an eine bestimmte Stelle, er folgt einer bestimmten Strecke, das alles haben Vorgesetzte entschieden, anders geht es wohl nicht.

Es gibt sinnhafte Arbeit, die für den, der sie tut, nicht angenehm ist. Der »Sinn«, den eine Arbeit hat, und der Lustgewinn, den sie dem Arbeiter bereitet, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Und über die Frage, welche Arbeit überhaupt sinnhaft ist und welche nicht, lässt sich wahrscheinlich keine Einigkeit herstellen. Tut der Croupier im Spielcasino etwas Sinnhaftes? Eine Gesellschaft funktioniert auch ohne Spielcasinos. Manchen Leuten macht es Spaß zu spielen, reicht das als Legitimation? Der durchschnittliche Croupier ist, vermute ich, mit seiner Tätigkeit zufriedener als der durchschnittliche Straßenarbeiter, nicht nur wegen der Bezahlung, die Schlüsselwörter heißen »Abwechslung« und »Autonomie«. Der gesellschaftliche Nutzen des Spielcasinos liegt darin, dass es Geld verdient und Arbeitsplätze schafft, diese Arbeit produziert ihren Sinn also zum größten Teil selber.

Der Kapitalismus hat die Industrialisierung in Gang gesetzt, deren neueste Kapitel »Internet« und »Globalisierung« heißen. Das wichtigste Werkzeug des Kapitalismus ist die Arbeitsteilung, ein immer breiteres Spektrum an hoch spezialisierten Tätigkeiten. Karl Marx hat dem Kapitalismus das Bild von der unentfremdeten Arbeit im Kommunismus entgegengesetzt, Menschen, die morgens Bauer sind, abends Fischer, mittags vielleicht Koch. Abwechslung und Autonomie. Es ist aber nicht möglich, morgens an einem neuen Medikament zu forschen, mittags einen Computerchip zu konstruieren und abends eine Fernsehshow zu konzipieren. Diese Arbeiten sind dafür zu komplex, nur Spezialisten, die sich ständig weiterbilden, können sie tun. Parallel dazu hat der Kapitalismus natürlich auch neue Formen der relativ einfachen, weisungsabhängigen, monotonen Arbeit hervorgebracht, zum Beispiel im Callcenter und an der Supermarktkasse.

War die Arbeit eines mittelalterlichen Stallknechts erfüllender oder sinnhafter als die Arbeit einer Supermarktkassiererin? Wer hat am Arbeitsplatz mehr Freiheit, wer hat während der Arbeit mehr Abwechslung, falls diese Kriterien die richtigen sind? Vielleicht sogar der Stallknecht, dessen Bauer ihn nicht ununterbrochen beaufsichtigen konnte und der sehr unterschiedliche Arbeiten erledigen musste. Das Leben des Stallknechts war allerdings kurz, es bestand fast nur aus Arbeit. Die Kassiererin arbeitet 38 oder 40 Stunden, sie bekommt Urlaub, lebt länger, sie ist gesünder, ihr Risiko, einem Arbeitsunfall oder einem Krieg zum Opfer zu fallen, ist geringer. Der Abschnitt ihres relativ langen Lebens, den sie für bezahlte oder unbezahlte Arbeit aufbringen muss, ist kürzer als bei jeder anderen Generation von Arbeitern, die jemals auf diesem Planeten gelebt hat.