Wer hat den Kapitalismus – sagen wir besser: Marktwirtschaft plus Privateigentum – erfunden? Es war Moses, der bekanntlich das (göttlich inspirierte) siebte Gebot so formuliert hat: "Du sollst nicht stehlen." Diese vier Wörter markieren weit mehr als den (geheiligten) Schutz des Eigentums.

Warum? Denken wir weiter. Wenn ich sagen darf: "Das gehört mir", verkünde ich mit Fug und Recht: "Hier darfst du nicht rein; das ist nicht dein." Wer ist dieser "Du"? Der Nachbar, der Häuptling, der König, der Staat. Sie dürfen es mir nicht wegnehmen – mein Land, mein Haus, mein Weib, die Früchte meiner Arbeit. Eigentum von Leib und Gut ist also das Stoppschild schlechthin und das Fundament aller Freiheit. "My home is my castle", sagen folgerichtig die Engländer.

Und Freiheit ist das Fundament aller Demokratie, weshalb die Eigentumswirtschaft logischerweise das Unterpfand dieser politischen Ordnung ist. Man darf es auch schlichter sagen: Es gibt zwar Kapitalismus ohne Demokratie, aber keine Demokratie ohne Kapitalismus. (Der K. sei hier gut marxistisch definiert als System, in dem die Produktionsmittel – sprich: Kapital – unter privater Regie stehen, wo Arbeit und Güter gegen bare Münze auf dem Markt getauscht werden.)

K. funktioniert tatsächlich ohne Demokratie. Der Quasikapitalist China protzt mit märchenhaftem Wachstum, ist aber ein antidemokratisches System. Chile war Marktwirtschaft plus Pinochet. Viele Aufsteiger – von Mexiko bis Russland – sind nur dem Namen nach Demokratien. Doch kennt irgendjemand eine echte, also eine liberal-rechtsstaatliche Demokratie, die nicht kapitalistisch wäre? Es ist kein Zufall, dass Moses, der sein Volk in die Freiheit führte, ihm auch das Eigentumsrecht verschrieb. Es ist auch kein Zufall, dass Nordkorea , das letzte Überbleibsel des totalitären Kommunismus, zugleich das ärmste und unfreieste Land auf Erden ist.

Woher kommt also die Vorstellung, dass der K. der Feind der D. sei? Sie entwächst einem Zerrbild, das in der realen Welt nie existiert hat, nicht im Italien der Renaissance, das die moderne Geldwirtschaft erfunden hat, nicht einmal im frühindustriellen England , dessen Elend – Armut, Suff, Krankheit – Charles Dickens plastischer beschrieben hat als Charles Marx, der in der Abgeschiedenheit des British Museum seine Theoriegebäude zusammenzimmerte.