Skalpiert die Deutschen!
Zu ihrer Unterhaltung tritt unter anderem auch eine deutsche Kinoschauspielerin auf, damit der Film bietet, was Cineasten besonders lieben: nämlich Gelegenheit zu einer Selbstreflexion auf das Medium. »Das Kino besiegt die Nazis«, hat Tarantino selbst als Devise einer erwünschten Interpretation ausgegeben. Die deutsche Schauspielerin ist eine Verbündete der Partisanen, denn ganz böse kann Kino, selbst das deutsche, niemals sein. Andererseits wird sie gleichwohl von dem Anführer der Partisanen (Brad Pitt) bestialisch gefoltert, denn deutsch ist nun einmal deutsch (so wie für die Nazis die Juden nun einmal Juden waren), und wirklich siegreich für die gute Sache kann nur das amerikanische Kino sein.
Es ist wichtig, sich dieses Interpretationspotenzial vor Augen zu führen, damit man nicht überrascht ist, sollte der Film von irgendwem oder irgendwann zu einem Klassiker verklärt werden. Für seine ästhetische Gestalt sind die Deutungsmöglichkeiten indes ohne jeden Belang. Der Film setzt sich in die politisch-moralische Botschaft seines Plots nur wie in ein wärmendes Nest, in dem er nun, gegen alle Einwände geschützt, beliebig herumsauen und -metzeln kann. Oder anders formuliert: Der Gewaltexzess, um den es hier in Wahrheit allein geht, setzt die Maske der Political Correctness auf. Wer wollte sagen, irgendetwas ginge zu weit, wenn es gegen die Nazis geht?
Die historische Situierung des Stoffes ist in Wahrheit nur wie die Rahmenhandlung in einem Porno: ein Vorwand, um zur Sache zu kommen. Und das ist das eigentlich Obszöne: dass die Empathie für die jüdischen Opfer und der ohnmächtige Wunsch, die Geschichte möge anders verlaufen sein, nur zum Anknüpfungspunkt einer taumelnden Orgie bluttriefender Gewalt dienen.
Ist die Orgie (das echte Fest!) einmal angelaufen, sieht man deutlich, dass für Tarantino die genießerisch ausgemalte Widerwärtigkeit der Nazis genauso schön ist wie die Gegenwiderwärtigkeit der Partisanen. Der angestrebte Effekt soll in jedem Fall der einer Kieferoperation sein: nicht nur aufs Zahnfleisch gehen, sondern deutlich darunter, bis auf den Knochen. Den Höhepunkt bildet ohne Frage die Folter der deutschen Schauspielerin: Der amerikanische Offizier steckt ihr den Finger in eine Schusswunde, er bohrt und wühlt genießerisch in ihr herum – Chapeau! Das ist wohl etwas, was Tarantino so leicht niemand nachmachen kann. Die Szene glänzt geradezu vor dem Stolz des Regisseurs über seine Fingerfertigkeit.
Und ist er nicht wirklich ein Genie? Nur einige wenige Szenen sind vielleicht, beflügelt von der im Übrigen berechtigten Selbstverliebtheit des Regisseurs, ein wenig zu lang geraten. Aber Kameraführung, Licht, Dramaturgie sind erste Sahne – und dann auch noch die Besetzung! Brad Pitt, Christoph Waltz, Til Schweiger, Martin Wuttke als Hitler, Sylvester Groth als Goebbels und, und… Und, ach ja, natürlich: Daniel Brühl als süßer kleiner Schlingel von einem Wehrmachtsheckenschützen, der die Nazis überhaupt erst in das Kino lockt, in dem sie umkommen, weil er nämlich – aber das müssen wir nicht erzählen. Festzuhalten ist nur, dass dem deutschen wie dem amerikanischen Publikum beste Stars geboten werden.
Es kann eigentlich nichts schiefgehen. Der Erfolg des Filmes in den deutschen Kinos wird übrigens auch davon leben, dass sich das Publikum natürlich nicht mit den Deutschen von damals, sondern mit den amerikanisierten Juden identifizieren wird. Für die Nachgeborenen ein Fest der Selbstgerechtigkeit. Alle werden auf der richtigen Seite das Splattermovie goutieren.
Es sei denn, es beschliche den einen oder anderen Zuschauer doch die mulmige Ahnung, dass hier die Nazis missbraucht werden für eine Filmästhetik jenseits aller moralischen Absicht. Das könnte uns vielleicht noch egal sein. Aber das Schicksal der Juden wird damit auch missbraucht – und das sollte uns nicht egal sein. Das Brutalste des Films ist seine Leichtfertigkeit. Es ist ihm alles nur ein blutiger Scherz.
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- Datum 5.9.2009 - 16:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.08.2009 Nr. 35
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Mir sind blutig ausgelebte Rachefantasien in einem Film lieber als die endlos monotone Erhöhung der Kill-Rate an palästinesischen Zivilisten durch israelisches Militär.
Besser ein Brad Pitt auf Nazijagd als israelische Soldaten beim Kinder-Killen.
(Anmerkung: Bitte bleiben Sie mit Ihren Vergleichen im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion/jk)
Und wenn ein paar Jungnazis vor Wut ihr Schnauzbärtchen verschlucken, weil Juden sich blutig wehren und Nazis sich in ihre Uniformhosen machen - kann uns das nur Recht sein.
Danke Quentin !
endlos monotone Erhöhung der Kill-Rate an palästinesischen Zivilisten durch israelisches Militär
Auf diesen Unfug einzugehen ist wahrscheinlich sinnlos. Das Gelaber von den sich am armen palästinensischen Volk für den Holocaust rächenden Juden scheint mir eines der beliebtesten modernen antisemitischen Stereotypen zu sein.
Komisch, dass Sie den Film dennoch abfeiern - was halten Sie eigentlich von den realen jüdischen Partisanen, die vor und nach 45 versuchten, Rache an den Deutschen/Nazis zu nehmen? Vermutlich geht Ihnen das zu weit... rachsüchtige Juden bitte nur in der Fiktion als amüsantes Gedankspiel?
endlos monotone Erhöhung der Kill-Rate an palästinesischen Zivilisten durch israelisches Militär
Auf diesen Unfug einzugehen ist wahrscheinlich sinnlos. Das Gelaber von den sich am armen palästinensischen Volk für den Holocaust rächenden Juden scheint mir eines der beliebtesten modernen antisemitischen Stereotypen zu sein.
Komisch, dass Sie den Film dennoch abfeiern - was halten Sie eigentlich von den realen jüdischen Partisanen, die vor und nach 45 versuchten, Rache an den Deutschen/Nazis zu nehmen? Vermutlich geht Ihnen das zu weit... rachsüchtige Juden bitte nur in der Fiktion als amüsantes Gedankspiel?
Was meiner Meinung nach auch Leute wie Herr Jessen nicht verstehen ist dass die Welt in der sie aufgewachsen sind nicht mehr existiert. Es gibt nur nicht "die Deutschen" oder gar ein deutsches "Volk", Kopfgeburt des preußischen Kulturimperialismus im 19. Jh., sondern die jüngeren Leute fühlen sich auch gar nicht als solche. Ich mit meinen 23 Jahren fühle mich mit "Skalpiert die Deutschen" weder provoziert noch sonstwie angesprochen. Das Provozieren zieht ebenso wenig noch, wie diese Kategorien von "wir" - selbst die alt68er haben ja immer in "wir" gedacht. Sei es als "Solidargemeinschaft", oder "unsere" Schuld (sei es die "historische Schuld" oder ganz aktuell wenn "wir" "die dritte Welt" ausbeuten).
Diese Generation hat dem Individualismus Tür und Tor geöffnet - was eine Leistung ist - aber kommt mit den neuen Verhältnissen selbst nicht klar. Was sich auch ganz nebenbei in dem Glaube zeigt einen Film von Tarantino "diskutieren" zu können.
Darum engagiert sich meine Generation auch nur in marginaler Weise in "der Politik", man lebt einfach in verschiedenen Welten und die sind absolut inkompatibel.
Ich hab' mich damit abgefunden.
aber bitte, das gilt auch Kommentar 1, nicht wieder die Anitsemitismuskeule.
Bei Lichte betrachtet hat der Staat Israel seine Exekutive nicht mehr unter Kontrolle. Das kann, darf und muss gesagt werden. Bei anderen Staatsgebilden ist das auch zulässig.
Antisemitismus zielt letztendlich auf die Vernichtung der jüdischen Religion. Das hat damit rein gar nichts zu tun.
Zum Film: Herr Tarantino dreht mit heutigen Mitteln 70er Jahre Filme. Wem's gefällt soll reingehen.
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Sie werden Deutschland nie regieren - Sie nicht!
(Gerhard Schröders wahre Worte)
... Deutsche und Palestinenser in diesem Fall gemeinsam ?
Eigentlich überhaupt nichts,
und denn werden sie zu Opfer von Juden.
Ja, man fragt sich schon, wie es geschafft wird den Bogen von Tarantinos - legitimer- Rachefantasie nach Israel zu schlagen.
Allerdings wirklich merkwürdig das Blurred den Plot mag, wenn er doch eigentlich antisemitischen Projektionen fröhnt.
Vielleicht wird das ja noch erklärt...
Was meiner Meinung nach auch Leute wie Herr Jessen nicht verstehen ist dass die Welt in der sie aufgewachsen sind nicht mehr existiert. Es gibt nur nicht "die Deutschen" oder gar ein deutsches "Volk", Kopfgeburt des preußischen Kulturimperialismus im 19. Jh., sondern die jüngeren Leute fühlen sich auch gar nicht als solche. Ich mit meinen 23 Jahren fühle mich mit "Skalpiert die Deutschen" weder provoziert noch sonstwie angesprochen. Das Provozieren zieht ebenso wenig noch, wie diese Kategorien von "wir" - selbst die alt68er haben ja immer in "wir" gedacht. Sei es als "Solidargemeinschaft", oder "unsere" Schuld (sei es die "historische Schuld" oder ganz aktuell wenn "wir" "die dritte Welt" ausbeuten).
Diese Generation hat dem Individualismus Tür und Tor geöffnet - was eine Leistung ist - aber kommt mit den neuen Verhältnissen selbst nicht klar. Was sich auch ganz nebenbei in dem Glaube zeigt einen Film von Tarantino "diskutieren" zu können.
Darum engagiert sich meine Generation auch nur in marginaler Weise in "der Politik", man lebt einfach in verschiedenen Welten und die sind absolut inkompatibel.
Ich hab' mich damit abgefunden.
wird heute um so heldenhafter geführt, je länger diese Epoche zurückliegt.
Danke für diesen Kommentar. Er spricht das aus was ich über diesen Film empfinde.
Vielen Dank, lieber Herr Jessen, für Ihren Beitrag! Das Gros der deutschen Filmkritiker scheint sich vor lauter Begeisterung über diese widerwärtige Gewaltorgie ja gar nicht mehr einzukriegen. Sie dagegen bringen es auf den Punkt: Wenn es gegen die Nazis - das Böse schlechthin - geht, erscheint jede Brutalität moralisch gerechtfertigt. Das offenbart eine erschreckende Verkommenheit. Aber was soll man von einem Regisseur erwarten, der nach eigener Aussage einen zwölfjährigen Einbrecher ohne Zögern erschießen würde?
mit einem guten Porno vergleichen. ( Deshalb wohl die Erwähnung, welche tollen Schauspieler da mitgespielt haben )
Denn schauen sich auch nur die verklemmten an oder solche, denen eine Frau ( oder Mann, je nach eigenem Geschlecht ) abhanden gekommen ist.
Während ich das bei einem Porno noch nachvollziehen kann, lässt mich der Grund des Besuches für einen solchen Film nur einen Schauer über den Rücken ziehen lassen.
Gestern besuchte ich den Film gemeinsam mit meiner Tochter(24) und deren Freund(23) beides Tarantino-Fans. Das Kino war voll von meist jungen Leuten. Im Vorfeld wurde durch Artikel, wie den hier vorliegenden bereits vor dem Film "inglourious basterds" gewarnt. Nun war ich auf Gewaltexzesse eingestellt. Doch wurde ich eines besseren belehrt. Nach meiner Meinung lebt der Film von brillianten Dialogen. Allein der Besuch von Landa bei einem Mitglied der Résistance war sehenswert. Wie subtil und empathisch Landa vorging, spricht für die guten Recherchen des Regisseurs in unserer Nazi-Vergangenheit. Neben mir saß ein junger Mann. Er hatte sich einen Arafat-Schal um den Hals geschlungen. Er lachte verhältnismäßig oft an Stellen, wo ich fand, es gäbe nichts zu lachen. Aber auch an Stellen, wo ich auch lachen musste. Eine Szene war wirklich amüsant, als im Weinkeller, die deutsche Doppelagentin "rate wer ich bin" mit den Wehrmachtssoldaten spielte und einer der Soldaten "Winetou" darstellte. Das Lachen erstarb, als es dann zur Schießerei kam und außer dem werdenen Vater Wilhelm und der Bridget von Hammersmark (Doppelagentin) niemand überlebte. Perfide, das Verhalten von Brad Pitt, der trotz seines Versprechens, den Willi nicht zu erschießen, dies doch tat, eben gelernt von den Nazis. Er rettete Fräulein von Hammersmark, um sie dann für den Eintritt ins Kino zu instrumentalisieren. Da gab es dann wieder tolle Szenen mit dem genialen Christof Waltz, alias Hans Landa. Hoffentlich kommt bei den vielen jungen Besuchern die Botschaft des Films rüber. Der Film war wichtig und richtig in einer Zeit, in der rechtsnationales Gedankengut längst wieder hoffähig wird. In einer Zeit, wo es möglich ist, dass Neonazis den Einzug in den Landtag eines Flächenlandes (Sachsen) wiederholen. Zu diesem lässigen Umgang mit der dunkelsten Geschichte unseres Landes tragen auch Filme wie das "Staufenberg-Epos" mit dem Saintologen Tom Cruise und auch der "Untergang" bei. In der "Untergang" bekommt der geneigte Zuschauer ja fast Mitleid mit dem Hauptdarsteller und seiner Lebensgefährtin.
Schon erstaunlich, da wird ein Blutbad ( egal mit welcher Berechtigung ) als Filmhistorisches Meisterwerk betitelt. Und ein dankbares Publikum setzt sich gerne damit auseinander.
Ich weiss nicht, wer so was mag, gerne, habe ich kein Problem mit. Aber ich habe ein Problem damit, dass mit jedem "Tabubruch" mal wieder eine kleine Schranke mehr im Kopf fällt. Wer es gerne mag, dass gezeigt wird, wie in einer offenen Wunde rumgerpokelt wird, bitte. Aber wieweit soll dies noch gehen. Demnächst mal ne blutige Vergwwaltigung, ist doch nur Film. Mal ne Kinderschändung, hatten wir auch noch nicht im Kino?
Wenn ich mir ein Splatterfilm ansehe, ist dieser so übertrieben, dass er immer als solcher erkennbar ist. Wenn ich mich aber in einem solchen Maße der Realität annähere, hinterlässt das schon einen schalen Beigeschmack.
Gut, man kann jetzt anführen, das reale Leben ist noch viel brutaler ( zumal hier die Grenze zwischen Gut und Böse sehr schwer fällt ), stellt sich doch die Frage, welchen GENUSS ich aus einem solchen Film beziehe???
mit einem guten Porno vergleichen. ( Deshalb wohl die Erwähnung, welche tollen Schauspieler da mitgespielt haben )
Denn schauen sich auch nur die verklemmten an oder solche, denen eine Frau ( oder Mann, je nach eigenem Geschlecht ) abhanden gekommen ist.
Während ich das bei einem Porno noch nachvollziehen kann, lässt mich der Grund des Besuches für einen solchen Film nur einen Schauer über den Rücken ziehen lassen.
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