Am Abend bevor ich arbeitslos wurde, habe ich knapp tausend Euro ausgegeben. Die Berlinale war gerade vorbei, und zur Belohnung für zehn durchgearbeitete Tage packte ich bei Cos für 150 Euro eine Tüte voll. Zu Hause bestellte ich Flugtickets nach München, um dort mit einer guten Freundin ihren 30. Geburtstag zu feiern, und nach Alicante, wo eine andere Freundin im Sommer heiraten würde. Ums Geld machte ich mir keine Gedanken. Ich war mir nur nicht sicher, ob ich den zusätzlichen Tag freibekommen würde.

Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass ich in nächster Zeit sehr viel freihaben würde. Die Zeitschrift, für die ich erst ein halbes Jahr lang gearbeitet hatte, wurde eingestellt. "It is my sad duty to announce...", fing der Mann, der dazu aus London gekommen war, seine Rede an.

Nach fünf Minuten waren wir entlassen – aus dem Konferenzraum und aus unseren Jobs. Einige fingen sofort an zu telefonieren. Manche weinten. Auch die Nichtraucher gingen auf den Raucherbalkon. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und öffnete Post. Dann rief ich meine E-Mails ab. Als sei ich ein Schauspieler, dem sein Regisseur als Einzigem die Handlung nicht erklärt hatte. Es war absurd. Unwirklich. Hatten wir auf der Berlinale nicht noch rauschende Partys gefeiert? Lief es nicht also gut, trotz Krise? Ich rief meinen Freund an, der drei Monate vorher seinen Job verloren hatte. "Weißt du noch, wie ich zu dir gesagt habe, wir müssten uns keine Sorgen machen?", fragte ich ihn.

Eine halbe Stunde später saßen wir einander in einem Café gegenüber. Benommen. Sprachlos. Ich dachte: Vier-Euro-Lattes sind ab jetzt nicht mehr drin. Ich dachte an die Tüte von Cos und an die Flugtickets. Ob ich die wohl stornieren könnte? Mein Freund nahm mich in den Arm. Wir kriegen das schon hin, sagte er.

Als er seinen Job verloren hatte, da hatte ich mich sofort an die Arbeit gemacht. Hatte Listen mit Kontakten geschrieben, alle Freunde angerufen, die vielleicht helfen konnten, Gefallen eingefordert. Aufgeben kam nicht infrage. Schlechte Laune auch nicht. Seine Arbeitslosigkeit? Höchstens eine kleine Umleitung auf dem Karriereweg, keine Straßenblockade. Als ich meinen Job verlor, wollte ich nichts machen. Ich wollte keinen anrufen. Mich nirgendwo vorstellen. Keine Bewerbungen verschicken. Ich wollte drei Wochen am Stück schlafen. Niemanden sehen.

Ich begann die Frage "Was machst du?" zu fürchten. Sollte ich "Ich bin arbeitslos" sagen? Dann schon lieber "Ich suche gerade einen Job". Meistens sagte ich "Nichts". Wie nutzlos ich mir deshalb vorkam, sagte ich nie. Es war nicht meine Schuld, dass ich arbeitslos war. Warum fühlte ich mich dann trotzdem wie ein Versager?

Mein Leben hatte nicht nur aus Arbeit bestanden. Aber wie viel sie mir bedeutet hatte, merkte ich, als ich keine mehr hatte. Ich berechnete Lebensabschnitte nicht nach Lieben, Orten oder Reisen, sondern nach Jobs. Es gab kaum etwas Besseres als eine gute Geschichte, das Gehalt am Ende des Monats war ein schöner Bonus. Die langen Arbeitszeiten, der Stress? Für mich die Bestätigung, dass ich in meinem Job gut war. Dass ich ihn ernst nahm.

Mein Freund und ich hatten jetzt viel Zeit füreinander. Aber anstatt wegzufahren, auszugehen, uns abzulenken, was wichtig gewesen wäre, blieben wir zu Hause – die Sorge ums Geld. Statt die Zeit dazu zu nutzen, Pläne zu machen, redeten wir immer seltener. Es ging ja eh immer nur um das Gleiche: Soll ich eine Stelle in Berlin suchen? Oder zurück nach Hamburg gehen? Nach München? Worauf wären wir eher bereit zu verzichten? Auf das Geld? Oder auf den Anspruch, dass ein Job mehr als nur Geld bringen muss? Auf das Geld, sagte er.

Es war mühsam. Zäh. Es gab zu viele Ungewissheiten. Er sagte, ich solle mich entspannen. Ich warf ihm vor, sich nicht genug Sorgen zu machen. Wir hatten die gleiche Enttäuschung erlebt, plötzlich unseren Job zu verlieren. Aber es fiel schwer, den anderen zu unterstützen. Wie gibt man jemandem Selbstvertrauen, wenn man das eigene gerade verloren hat?