Albert Einstein kennt jedes Kind. Aber wer kennt Konrad Zuse? Wer den Namen des 1910 geborenen und 1995 gestorbenen deutschen Maschinenbauingenieurs, Erfinders und Unternehmers googelt, ist seiner spektakulären Lebensleistung schon recht nah. Denn niemand anders als Konrad Zuse machte sich Mitte der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Wohnzimmer seiner Familie in Berlin-Kreuzberg daran, jenes Gerät zu erschaffen, mit dem wir heute schreiben, mailen, chatten, surfen: den Computer. Der Name stammt allerdings von der amerikanischen Konkurrenz.

Damit ist auch schon Konrad Zuses Lebensdrama angedeutet. Der Mann, der am 12. Mai 1941 seine Z3, die erste digitale Rechenmaschine der Welt, vorführte, dieser Mann, der auch die erste universelle Programmiersprache der Welt erfand und in einer Hitliste der wichtigsten Deutschen Platz 15 einnimmt, erlebte die Kränkung, als epochaler Pionier verkannt zu werden. Er bereitete den Boden, auf dem Bill Gates sein Imperium errichten konnte. Und stritt nach 1945 fast drei Jahrzehnte lang mit Patentämtern und Gerichten. Noch 1967 entschied ein Gericht: "Eine patentwürdige Erfindung liegt nicht vor."

Dass die Geschichte dieser Jahrhundertfigur geschaffen ist für die Literatur, liegt auf der Hand. Dass sie auf einen Schriftsteller wie F. C. Delius zuläuft, eigentlich auch. Delius ist spezialisiert auf das Romangenre der Doku-Fiction. In seinem ersten Roman Ein Held der inneren Sicherheit befasste er sich mit der Entführung Hanns Martin Schleyers, in Mogadischu Fensterplatz mit der Flugzeugentführung von 1977, sein erstes Theaterstück, Waschtag, 1988, basiert auf Albert Speers Spandauer Tagebuch. Delius ist ein Archäologe neuerer Geschichte, ein Autor, der sich für Recherchen so viel Zeit nimmt wie fürs Schreiben. Und er ist ein höflicher, mitunter bescheidener Erzähler, der seinen Figuren gern den Vortritt lässt.

Im neuen Roman, Die Frau, für die ich den Computer erfand, ist nur eine einzige Stimme zu hören, gibt es nur eine monologisierende Auskunftsquelle: Konrad Zuse, vom Autor F. C. Delius entlang historischer Realität ausfantasiert. Zuse erzählt sein Leben, antwortet auf Fragen, die ihm ein jüngerer Journalist stellt. Dieser ist im Roman jedoch nur als stumme Instanz anwesend, seine Fragen muss sich der Leser hinzudenken. Eine reizvolle, radikal einseitige Form, die dem Roman indes auf seine Länge hin zu schaffen macht. Die Bühne, auf der Konrad Zuse als Berichterstatter seiner selbst und seiner wissenschaftlichen Laufbahn auftritt, sagt über Eigensinn, Charme und Attitüden des Mannes einiges aus. Denn der Erfinder des Computers war zu dem (fiktiven) Gespräch mit dem Journalisten nur unter der Bedingung bereit, dass es von exakt sechs Uhr abends bis sechs Uhr am nächsten Morgen und in einer Vollmondnacht stattfindet: einer Vollmondnacht im Juli des Jahres 1994.

Nach ein paar Dutzend Romanseiten sind Konrad Zuses charakterliche Proportionen geklärt. Man lauscht einem Genie, das sich bisweilen an den eigenen Onkelwitzen berauscht, einem epochalen Wissenschaftler, in dem unter anderem ein nicht unsympathischer, aber auch etwas penetranter deutscher Spießer steckt. Ein Mann von Größe, der sich gelegentlich für allerlei Kleinlichkeiten nicht zu schade ist. Man spürt die gekränkte Seele und den Impuls, die Kränkung nach außen hin zu kontrollieren. Größten Wert legt dieser Konrad Zuse – wie Delius ihn sieht und sprechen lässt – auf das Faustische seiner Existenz. Und darauf, dass sein Zuhörer ihn in diesem entscheidenden Punkt auch richtig versteht, alle paar Seiten kommt er, mit erhobenem Zeigefinger, darauf zurück. Denn großen Wert legt Zuse auch auf das Sinn- und Deutungsmonopol seiner Lebensgeschichte. Für einen sachlich schlanken Bericht seiner atemberaubenden Abenteuer gibt er sich nicht her. Sein Erzählfluss wird aufgewühlt von Affekten verschiedener Windstärken und Richtungen; stolzes Triumphgefühl des Erfinders verschlingt sich mit handwerksmeisterlicher Bescheidenheit. Mal gibt sich Zuse zugänglich, mal zugeknöpft, mal besserwisserisch, mal zweifelnd.

Natürlich habe er in den Kriegsjahren auch an der NSWaffenproduktion mitgearbeitet, quittiert er die heikle Frage nach seinem politischen Überleben. Er sei schließlich seit 1935 als Statiker bei den Henschel Flugzeugwerken beschäftigt und im Übrigen ein richtiger Nazi so wenig gewesen wie ein richtiger Antinazi. Für beides habe ihm die verschlingende Arbeit an den Rechenmaschinen einfach keine Zeit gelassen. Der Zweite Weltkrieg war für Zuse vor allem eins: der Feind seiner Erfindung.

Die Z3, die heute als erster funktionstüchtiger Computer der Welt gilt, wurde 1945 durch einen Bombenvolltreffer zerstört. Das noch unvollendete Nachfolgemodell, die Z4, konnte Zuse retten, indem er sie zerlegte und mit einem Militär-Lkw nach Süddeutschland schaffte. In einer Turnhalle in Hinterstein versteckte er sie vor den Alliierten. Sie wurde der Grundstein seines Unternehmens, bis 1967 stellte Konrad Zuse 251 Computer her.