Contra Herta Müller Kitsch oder Weltliteratur?

Gulag-Romane lassen sich nicht aus zweiter Hand schreiben. Herta Müllers Buch ist parfümiert und kulissenhaft

Sie ist eine große Autorin des 20.Jahrhunderts, in ihren Romanen hat sie für die Schrecken des Totalitarismus der Nachkriegszeit eine unverwechselbare Sprache gefunden. Für diese Sprache und »den fremden Blick«, dem sie sich angeblich verdankt, wird Herta Müller seit Jahren gerühmt. Sie hat durch ihre poetischen Sprachschöpfungen einen besonders eindringlichen und »genauen« literarischen Zugang zu den Schrecken des vergangenen Jahrhunderts gefunden, namentlich zu ihren entsetzlichen Erfahrungen im Ceauşescu-Regime. Die Kraft ihrer Metaphorik, so der Tenor der allermeisten Interpreten ihres Werkes, hat das Bestürzende, das Welterschütternde der Totalitarismuserfahrung erst erfahrbar und lesbar werden lassen. Das mag stimmen oder auch nicht ganz stimmen, darum geht es jetzt nicht.

Denn jetzt, 15 Jahre nach ihrem jüngsten Roman Herztier und einige Jahre nach dem definitiven Ende der Nachkriegszeit, legt Herta Müller einen neuerlichen Nachkriegsroman vor, der gerade aufgrund jener poetischen Verfahren, für die Herta Müller stets so gerühmt wurde, kraftlos und schal, ja in manchen Passagen von peinigender Parfümiertheit ist. Das mag daran liegen, dass die Atemschaukel, anders als alle anderen Romane Herta Müllers, nicht mehr auf ihren eigenen Erfahrungen im rumänischen Schreckensregime, sondern auf Gulag-Erfahrungen nachträglich befragter Zeitzeugen beruht, in erster Linie auf denen des verstorbenen Büchner-Preis-Trägers Oskar Pastior. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass es im neuen Jahrtausend – Jahrzehnte nach den großen Auschwitz-Romanen von Imre Kertész und Primo Levi, nach den Gulag-Romanen von Andrej Sinjawskij, Wassili Grossman und Warlam Schalamow – kein geringes Wagnis darstellt, einen im Stil des lyrischen Expressionismus gehaltenen Gulag-Roman aus der Ich-Perspektive aus zweiter Hand zu verfassen.

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Es ist wie verhext: Jeder Versuch einer poetischen Überhöhung und Intensivierung – so betörend er in den früheren Müller-Romanen ausgefallen sein mag – wirkt hier abgeschmackt und formelhaft. Dabei haben sich die Wortwelt Herta Müllers und das poetische Verfahren ihrer Verfremdung kaum verändert. Noch immer dominieren die eindringlichen Anthropomorphismen (das Licht schaut sich im Mund selber an, der Regen vergisst die Steppe, der Hunger sitzt vorm Teller und frisst), noch immer erfreut sich der Wie-Vergleich in seiner konventionellen, häufig vielfach wiederholten Ausführung (»die Sonne ist an diesem Morgen ganz früh wie ein roter Ballon aufgegangen«, »hinter den Tannen geht die Sonne ganz früh wie ein roter Ballon auf«), aber auch in seiner betont unkonventionellen Variante (jemand »schaukelte das Augenweiß wie zwei geschälte Eier und seine Zähne wie ein Läusekamm«) einer inflationären Verwendung. Das lyrische Vokabular des 19. Jahrhunderts, vor allem der Engel, der Himmel, die Wolken, die Augen, der Mond, die Blumen, die Nacht, das Herz gehen süßliche, infantilisierende Allianzen ein mit den Instrumenten des Terrors: der »Hungerengel« fliegt durchs Lager, die »Herzschaufel« umschmeichelt lyrisch das Kohleschippen, die Lagernacht ist aus »Tinte«, die Löschgrube im Lager verdorrt wie »Pelzblumen«, über dem Lagerhimmel steht der Mond wie »ein Glas kalte Milch«.

Sprachlich ist man hier näher bei der Menschheitsdämmerung des Expressionismus als bei Stalins Himmelfahrtskommandos. Das Bestreben, die Dramatik des Erlittenen und schier Unerträglichen durch besonders erlesene Herz-Schmerz-Vokabeln und Engelbeigaben zu unterstreichen, bringt eine Kunstschnee-Prosa hervor, die das Leid unter ihrem antiquarischen Pathos begräbt und das Unvorstellbare allzu vorstellbar macht. Die fliegenden Engel und die lyrische Wie-Vergleichsmaschine, die alles mit allem in genialischer Einfalt verknüpft, gehören in ein Zeitalter, dem die Erfahrung des Gulags noch bevorstand. Hier wirken sie gepudert und kulissenhaft.

Die Frage, wie man mit dem poetischen Vokabular des Humanismus über seinen Zusammenbruch schreiben kann, haben Imre Kertész und Warlam Schalamow eindrucksvoll beantwortet. Für ihre Lagerbücher kam das Vokabular der Vorkriegszeit, kamen ihr Metaphernschatz, ihre Veredelungsverfahren nicht mehr in Betracht. Nach kürzester Zeit, schreibt Schalamow, fallen im Lager »Kultur und Zivilisation vom Menschen ab«. Dieser Wahrheit in äußerster Reinheit und Nüchternheit gerecht geworden zu sein macht seine Erzählungen aus Kolyma zu einem atemberaubenden Meisterwerk. Kertész entwickelte in seinem Roman eines Schicksallosen eine Sprache der Atonalität, die auf jeden Konsens, auf jede Vor-Auschwitz-Konvention verzichtet. Oskar Pastior hatte mit seinen listigen Sprachzertrümmerungen und Exerzitien auf seine Weise nichts anderes im Sinn.

Herta Müller geht einen umgekehrten Weg. Auch sie will der Sprachkonvention entkommen. Doch ihre Methode heißt nicht Ausnüchterung, sondern Beseelung und Anverwandlung. Keine Beobachtung, keine Erfahrung, die nicht durch ihren poetischen Pinsel aufgemöbelt und dekoriert wird. Ihre Sterbenden haben ein »Totenäffchengesicht«, ihr Tod »schunkelt« zur Musik, das Bewachungslicht im Lager schimmert »wie Kerzenleuchter«.

Eine kindlich-magische Zärtlichkeit schmiegt sich um das Grauen wie die Fußlappen um die Häftlingsfüße und hüllt alles und alle ein mit der schaurig-schönen Traurigkeit eines wehmutsvollen Wiegenliedes. Darin liegt ein Unernst, eine unverbindliche Virtuosität, die nicht zu dieser ernsthaften Autorin und ihrer zweifellos tief empfundenen Empörung passt. Das Zeitalter der Gulag-Literatur, die uns den Atem verschlägt, hat sein natürliches Ende gefunden und lässt sich mit solchen Harfenklängen und Engelsgesängen im Secondhand-Betrieb nicht mehr zurückholen.

 
Leser-Kommentare
    • Gafra
    • 10.09.2009 um 11:17 Uhr

    war ich auf das Buch gespannt, auch darauf, wie man Literatur über ein solches Thema schreibt, wenn man selbst nicht zur Erlebnisgeneration gehört.
    Ich bin, wie Iris Radisch, enttäuscht, ja unangenehm berührt.
    Vielleicht, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand, der solches erlebte, sich in diesen Bildern wieder finden kann.
    Verstehen, ansatzweise verstehen kann ich nach der Lektüre von Kertész, Levi, Borovski.
    Hier habe ich irgendwann entnervt aufgegeben vor der Überzahl der süßlichen Bilder, die das Elend zukleistern, das ich begreifen möchte.

    • revm
    • 08.10.2009 um 15:16 Uhr

    Es ist ein simples Mißverständnis, dass Herta Müller da spreche. Dann ist es vielleicht ein Hinweis, dass da ein Ich-Erzähler spricht, ein Ich also nur. Völlig unerheblich übrigens, was Herta Müller da gewollt hat, lässt sich sowieso nicht feststellen. Und selbst wenn, wäre das nur das geringste. Dann schreibt die Autorin, dass sich die Wortwelt, Verfremdungsverfahren kaum verändert hätten. Ja, was heißt denn hier das "kaum"? Da hat man schonmal genug zum Nachdenken für eine Weile...

    • hagego
    • 09.10.2009 um 16:46 Uhr

    Die obige Headline-Frage verstellt geradezu den Blick auf das OEuvre Herta Müllers. Die Entfernung zwischen "Kitsch" und "Weltliteratur" ist riesig. Hier findet nicht nur die "Oder" ihren Platz. Sondern Flüsse von ganz anderen Ausmaßen!

    Natürlich soll die Frage ("Kitsch oder Weltliteratur") ein wenig provozieren - weil man von einer Großen der Zunft immer und ständig Größeres und Spektakuläreres erwartet.

    Herta Müller aber, so scheint es, wollte gar nichts "Spektakuläres" schreiben. Sie wollte über etwas schreiben, was zu ihrer eigenen Sozialisation gehörte. Was sie erfahren hatte. Was man ihr erzählt hatte. Was mit ihr und ihrem damaligen Heimatland Rumänien zu tun hatte. Und - was sie irritierte und sogar abstieß.

    Bleiben wir auch in der sachlichen Auseinandersetzung und der Kritik maßvoll. Es müssen und können sich nicht immer alle Zeilen von bekannten oder unbekannten Schriftstellern zur Weltliteratur gerieren. Aber wenn sie es denn nicht werden, so müssen diese Zeilen nicht zwangsläufig kitschig sein!

    Manchmal muss man vielleicht auch seine eigene Enttäuschung überwinden, weil man lieber eine andere Literaturnobelpreisträgerin oder einen anderen Literaturnobelpreisträger gehabt hätte. Mir, ich gebe es zu, ist das ebenso gegangen.

    Frau Müller, ich gratuliere Ihnen!

    Eine Leser-Empfehlung
  1. die kritik von iris radisch beruhigt mich und bestätigt meinen
    eindruck, den ich - nicht nur - nach der lektüre "atemschaukel" habe.
    zu viele stilistisch-antiquierte fassaden und eine verstaubte sprache.

    herta müllers romane...werden seit jahren überschätzt - leider kein einzelfall -, somit darf man sich über z.t. fragwürdige preisüberschüttungen nicht weiter verwundern.
    iris radisch eine persönliche enttäuschung vorzuwerfen, halte ich für kontruiert und absurd, sie ist seit jahren für ihre objektiv-fundierten kritiken und einschätzungen bekannt.

    im übrigen existieren seit längerem in diversen internetforen, z.b. der siebenbürger zeitung oder dem banatblog u.a., heftige vorwürfe gegen herta müllers vergangenheit, der sie sich bis dato nicht
    überzeugend stellte.
    auch für mich stellen sich hier noch ungeklärte fragen.
    einer der kritiker ist hr. carl gibson, der sie zu einem offenem leserbrief aufforderte. sein text selbst wurde von mehreren redaktionen
    mit der brgündung der redundanz abgelehnt.
    sehr fadenscheinig, das alles.

    matisse1

  2. finde ich, dass dieser Schrott auch noch den "großen" Bücherpreis bekommt. Unglaublich. Unfassbar. Parfümierter Kisch ist ja noch gelinde gesprochen, neuerdings gönnt uns der Hässliche Rundfunk jetzt täglich eine Lesung zum Geniessen. Na dann prost.

    [Anm.: Bitte bemuehen Sie sich, Kritik sachlich und konstruktiv zu formulieren. Danke. /Die Redaktion pt.]

  3. Möglicherweise begründet sich "das Parfümierte" oder auch "der Kitsch" den Frau Radisch und ihre Anhänger der "Atemschaukel" von Herta Müller andichten, darin, das sowohl die Rezensentin als auch ihre Befürworter über keinerlei Erfahrung mit ähnlichen: despotischen, tyrannischen, gewaltätigen demütigenden Lebenssituationen verfügen. Damit haben sie diese Perspektive aus dem behaglichen Lesesessel eingenommen: das schockiert / berührt mich mich nicht (genug)..das sind alles "Um-Schreibungen" mit Wörtern aus einem "vergangen Jahrhundert". Diese Argumentationsschiene tut so, als ob es irgendwelche spezifischen Wörter, Sätze, Be-Schreibungen für diese Art von Erfahrungen gäbe. Das Perfide an Müllers "Thema" ist ja eigentlich das Unbeschreibliche, das Unbeschreibbare und damit im wahrsten Sinne Unsagbare solcher Erfahrungen. Herta Müller hat aber gerade das Unsaggbare in Worte gefaßt....die sich der reinen intellektuellen / literarisch-wissenschaftlichen Aufnahme und Verwertung des Themas und des Textes verschließen. Ihre Wörter und Sätze sind "absurd" und teilweise eher dadaistisch. Sie gehen am rein geistigen Verstehen "vorbei" und damit machen sie auch nicht "betroffen". Sie dringen direkt in die Kern-Zone vor..wo das sitzt..was man die menschliche kultiviertheit nennen kann. Deren Abhandenkommen ist das Thema der Atemschaukel und das was einem geschieht...der diese eintauschen muß für 800 gr. Brot.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Was sollen diese abschätzigen Kommentare …

    Herta Müller hat sich vermutlich nicht um den Literatur-Nobelpreis gerissen. Was kann sie dafür, wenn andere ihr Werk hierfür ausgewählt haben?

    Außerdem, meist sind bezeichnender Weise die am härtesten im Urteil, die selbst ihr ganzes Leben lang niemals ein Buch in diese Welt setzen werden (können). Und denen fehlt es dazu nicht nur am Thema.

    Klaus R.

  5. Das Buch kommt aus einer anderen Welt als derjenigen, aus der Iris Radisch und wohl die meisten von uns kommen. Das Buch schreibt von Deportation, von Zwangsarbeit, von Hunger, von Kälte, von Qual, von Tod, von der "Banalität des Bösen", um Hannah Arendt zu zitieren. Und es erzählt vom Überleben in der Hölle und den Nachwirkungen dieser Traumatisierung.
    In unserer Welt fragt man sich, wenn man nachts raus muß, ob es warm genug ist oder ob man den Bademantel braucht. In der Welt des Buches kann es einem passieren, daß man auf dem nächtlichen Gang über den Lagerhof zur Latrine erschossen wird, weil der Wachposten schlechte Laune hat.
    Dieses Buch, das von einer unendlichen Qual erzählt, irritiert zunächst durch seine Sprache. Diese Sprache ist überraschend poetisch. Fortlaufend und wiederkehrend werden Bilder, poetische Verdichtungen gebraucht: die Atemschaukel, der Hungerengel, die Herzschaufel, um nur einige zu nennen. Das Geschehen selbst, die Außenwelt, da hat Radisch recht, wird in eine menschengestaltige Sprache (Anthropomorphismen) gebracht, alles wird lebendig, verliert die Grenze von Innen zu Außen, verliert auch das Maß an Zeit und Raum.

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