Herta Müllers Werk – und das hohe Wort ist inzwischen sehr wohl angebracht – ist ein unübersehbarer literarischer Erinnerungsposten in der Geschichte des politischen Terrors. Das Unsägliche von alltäglicher Angst in diktatorischer Gesellschaft, von Arrest, Folter und Mord auf eigentümliche Weise buchstäblich zur Sprache zu bringen ist die Kunst dieser Autorin. Mit den Augen der Opfer schaut sie auf die politischen Herren der Furcht und nennt sie beim Namen. Sie ist einer der bedeutenden dichtenden Zeugen unserer unseligen Epoche.

Zu den ungezählten Opfern des totalitären Jahrhunderts zählten nicht nur diejenigen des Nationalsozialismus, sondern auch jene, die für dessen Verbrechen pauschal von den Siegern des Weltkriegs haftbar gemacht wurden: zum Beispiel alle 17- bis 45-jährigen Rumäniendeutschen, die im Januar 1945 in sowjetische Arbeitslager verschleppt wurden, weil sich das diktatorisch regierte Rumänien Hitlers Feldzügen angeschlossen hatte. Zu den Deportierten zählte der junge 17-jährige Oskar Pastior , der erst 1949 wieder freikam (und später, 1968, nach Deutschland floh), aber auch die Mutter der in Rumänien geborenen Dichterin Herta Müller.

Der wunderbare Poet Pastior, als Siebenbürgener Sachse geboren, starb im Oktober 2006, noch ehe er den Büchner-Preis entgegennehmen konnte. Pastiors dadaistische Gedichte klangen wie fantastische Versuche, eine lyrische Grammatik der Freiheit zu entwerfen, die alle sprachlogischen Regeln überwindet. Mit Herta Müller verband ihn nicht nur ein ähnlicher Lebenshintergrund, sondern auch ein Vertrauen auf die Macht der Sprache, auf eine den Worten innewohnende Kraft, über das metaphorisch Benannte zur Wahrheit der Dinge und der menschlichen oder politischen Verhältnisse vorzudringen. Und so hatten die beiden sich entschlossen, Herta Müllers literarisches Projekt aus dem Jahr 2001, nämlich die Deportationsgeschichte der deutschstämmigen Rumänen aufzuschreiben, gemeinsam voranzutreiben. Nach Pastiors Tod legte Herta Müller ihre Notizen für ein Jahr beiseite – und schrieb dann doch die Geschichte seiner fünfjährigen Qual der Zwangsarbeit in einer Koksfabrik und Ziegelei in der russischen Steppe auf.

Das Ergebnis ist eine Chronik des ewigen, ewigen Hungers. Wer für Nichts verurteilt wurde, muss auch nichts essen. Herta Müllers Buch der Schikanen unter der Herrschaft kollaborierender Kapos und des von Jahr zu Jahr abstumpfenden Gefühls, überhaupt noch ein Mensch zu sein, transzendiert das Genre der Erinnerungsliteratur und verwandelt sich von einer Seite zur nächsten in eine verzweifelte Anklage totalstaatlicher Unmenschlichkeit.

Entstanden ist ein Dokument der Einsamkeit in einer Welt ohne Liebe, ohne Hoffnung und ganz gewiss auch ohne Glauben. Das Wort »Gott« kommt nicht vor. Das Wort »Hass« allerdings auch nicht. Sinnloseste Gefangenschaft mündet in Abstumpfung; denn anders wäre sie wohl nicht zu ertragen. Und es gab Tote. »Die taube Mitzi von zwei Waggons zerquetscht. Die Kati Meyer im Zementturm verschüttet. Die Irma Pfeifer im Mörtel erstickt.« Und dann nahm die sowjetische Lagerärztin den Toten die Haare ab, um mit gestopften »Fensterkissen« den kalten Luftzug in ihrem Büro zu dämmen.

Wir lesen von Läusen und von Schlammfliegen, vor allem aber von einem Hunger- engel, der die Gefangenen einzeln bewacht. Er ist der böse Geist der »Hautundknochenzeit«, der zum Abendmahl Gras, Kartoffelschalen und Unkraut bringt.

Es ist die sachgebannte Genauigkeit, mit der Herta Müllers poetische, zugleich aber buchhalterisch präzise Aufzählung der kleinsten Habseligkeiten des Lagerlebens die beklemmende Lektüre auf paradoxe Weise erträglich macht. Das liegt an der Kunstfertigkeit ihrer bildersatten Sprache; sie ist bewundernswert. Und wenn sich die Frage stellt, ob es denn richtig sei, das Elend in schönster Prosa widerzuspiegeln, dann hat diese Prosa ihr ernstes Ziel im Herzen der Leser schon erreicht – nämlich Mitleid mit den Opfern zu erregen.