Keine Söldner für Deutschland, so überschrieb die Süddeutsche Zeitung vor Kurzem zwei Leserbriefe, die sich für den Erhalt der Wehrpflicht in Deutschland einsetzten. Parlament und Wehrpflicht stellten sicher, dass die Bevölkerung hinter einem militärischen Einsatz auch tatsächlich stehe, plädierten die Autoren. Ob das auch in Bezug auf Afghanistan zutrifft, dürfte allerdings zu bezweifeln sein. Und eben dies führt direkt zum Phänomen des Söldners: Private Sicherheitsfirmen erleben seit den neunziger Jahren im Westen eine Renaissance. Denn sie sind auch dort leicht einzusetzen, wo der Einsatz regulärer Streitkräfte innenpolitisch umstritten ist.

Bisher sind in der deutschen Öffentlichkeit allenfalls Namen amerikanischer Sicherheitsunternehmen wie Blackwater bekannt. Denn dessen Mitarbeiter agieren bisweilen derart schießwütig, dass Blackwater jüngst nicht nur die Irak-Aufträge der US-Regierung verloren gingen, sondern sich die Firma aus Imagesorgen auch in Xe umbenannt hat. Nachfolger im Irak ist nun die Firma Triple Canopy. Unternehmen wie sie übernehmen für westliche Demokratien Aufgaben, die seit der Verstaatlichung des Krieges im 17. Jahrhundert nicht mehr in privater Hand gelegen haben: die militärische Sicherung von Regierungsgebäuden und wichtigen Infrastruktureinrichtungen, die Eskorte von Versorgungskonvois, die Ausbildung von Soldaten und Polizisten oder den Personenschutz von hochrangigen Politikern. Die Grenze zum aktiven Kampfeinsatz ist hierbei fließend.

Gerade weil in den westlichen Staaten die öffentliche Unterstützung für Militärinterventionen in weit entfernten Weltregionen mehr und mehr abnimmt, hat sich der Markt für private Sicherheitsunternehmen in den letzten Jahren massiv vergrößert. Nicht nur ehemalige Angehörige amerikanischer und britischer Spezialeinheiten sind im Einsatz. Auch zunehmend deutsche Ex-Soldaten sehen hier ein lukratives Betätigungsfeld. Daher ist es das große Verdienst des preisgekrönten Kriegsreporters Franz Hutsch, sich auf die Spur deutscher Söldner begeben zu haben. Sein Streifzug durch ihre Einsatzgebiete im Irak und in Afghanistan steht der Kunst seines Kollegen Jeremy Schill, der sich mit seinem Sachbuch Blackwater 2007 wochenlang einen Platz auf der amerikanischen Bestsellerliste sicherte, in nichts nach.

Deutsche Privatmilitärs heuern nicht nur bei amerikanischen Sicherheitsunternehmen an. Auch in Deutschland selbst gibt es inzwischen Auftraggeber wie die Firma Praetoria aus Bielefeld . Der Bundesverband Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen schätzt, dass im Nahen und Mittleren Osten etwa 3000 deutsche Söldner tätig sind; in Afrika sollen es rund 1000 sein. Gesucht werden vor allem ehemalige Fallschirmjäger, Militärpolizisten oder Mitglieder der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte. Auch frühere Polizisten aus Spezial- oder mobilen Einsatzkommandos wie der GSG9 sind in der Branche begehrt. Sie übernehmen Aufgaben im Irak, bei denen ein hohes Risiko für Leib und Leben besteht. Werden wie im April 2004 zwei aktive deutsche Elitepolizisten der GSG9 bei einem Material- und Waffentransport für die Deutsche Botschaft aus Jordanien nach Bagdad von Aufständischen getötet, so verursacht das an Deutschlands medialer Heimatfront negative Schlagzeilen. Übernehmen hingegen ehemalige deutsche Soldaten oder Polizisten einen solchen Auftrag, riskieren ihre Auftraggeber lediglich, dass ihre Mitarbeiter nicht mehr lebend zurückkommen. Schlagzeilen gibt es dann aber keine. Söldner sterben im Verborgenen, tauchen auf keiner offiziellen Verlustliste auf und verursachen so auch keine politischen Kollateralschäden daheim.

Vordergründig gesehen, sind diese »contractors« die idealen Kämpfer des Westens in den »neuen Kriegen«. Doch ihr vermehrter Einsatz bringt das staatliche Gewaltmonopol gefährlich ins Wanken. Wer kontrolliert in Deutschland die Söldnerfirmen? Für den dritten Golfkrieg ist die Frage nach Hutschs Urteil bereits beantwortet: »Während Ex-Kanzler Gerhard Schröder 2003 Nein zur amerikanischen Invasion in den Irak sagt, marschieren deutsche Söldner ins Zweistromland.« Debatten, ob Parlament und Wehrpflicht in Deutschland sicherstellen, dass die Bevölkerung hinter einem militärischen Einsatz auch tatsächlich steht, spiegeln nicht mehr die Realität auf den heutigen Schlachtfeldern privatisierter Kriegführung.

Reagiert die deutsche Politik nicht bald, könnten Szenarien, wie sie Hutsch entwirft, Wirklichkeit werden: Nach seinen eigenen Erfahrungen als Reporter für ARD, ZDF und den niederländischen Radiosender VPRO in Bosnien und im Kosovo, im Irak, in Sierra Leone und in Afghanistan sagt der ehemalige Berufsoffizier der Bundeswehr in den nächsten 15 bis 20 Jahren komplette Kriege von Söldnerarmeen mit deutscher Beteiligung voraus. Wie lange will der Bundestag noch zusehen, wie ursprünglich zum Schutz Deutschlands ausgebildete Männer eine eigene Außenpolitik vorbei an Parlament und Bundesregierung betreiben? In Zeiten, in denen die aus dem Ruder gelaufenen Finanzmärkte reguliert werden, sollte dies für den privatisierten Gewaltmarkt erst recht gelten. Auf etwa 300 Milliarden Dollar wird der Umsatz 2008 geschätzt. Franz Hutsch hat die Vorlage für eine Sondersitzung des Bundestages geschrieben. Hoffentlich wird sie von den Abgeordneten gelesen. Thomas Speckmann