Oskar Lafontaine Daheim nur im Damals

Oskar Lafontaine will bei der Landtagswahl im Saarland triumphieren wie einst. Doch an die Macht kommt seine Partei bloß ohne ihn.

Oskar Lafontaine sitzt in seinem Wohnzimmer und bestellt einen »normalen Kaffee«. Sein Wohnzimmer ist fußballfeldgroß, und der Kaffee kommt ohne Schaum, ohne Schokopulver, mit einem Döschen Kondensmilch auf der Untertasse. So wie damals.

Lafontaines Wohnzimmer ist das Wohnzimmer der Saarbrücker, der St. Johanner Markt im Herzen der Stadt. Er hat es selbst eingerichtet, das Wohnzimmer. Den Brunnen mit den schmiedeeisernen Gittern und dem weißen Obelisken in der Mitte hat er an seinen Ursprungsort rückversetzen lassen, die Straße sperren, die Lizenzen für die Cafés, Restaurants, Kneipen hat er ebenso erteilt wie die Genehmigungen für die Umbauarbeiten an den Häusern des Barock-Architekten Friedrich-Joachim Stengel. Damals.

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Eben noch, bevor er sich zum Kaffee niederließ, ist Lafontaine mal kurz durch den saarländischen Landtagswahlkampf geschlendert. In hellblauem Kurzärmelhemd, dunkelblauer Sommerhose, mit wiegendem Gang und einer Polaroidkamera. »Ach, de Herr Lafontaine«, »Guck emol, de Oskar«. Ein freundlicher Plausch hier, ein kleiner Scherz da – und schon hat der Wähler ein handsigniertes Foto mit sich und dem weltbekanntesten Saarländer in der Hand. Die Polaroidkamera ist immer noch seine wirkungsmächtigste Wahlkampfwaffe. So wie damals.

Zum vierten Mal will er in die Staatskanzlei einziehen. Sagt er

Damals ist die Zeit zwischen 1976 und 1998, als Lafontaine zunächst als Saarbrücker Oberbürgermeister, von 1985 an dann als saarländischer Ministerpräsident Deutschlands kleinsten Flächenstaat mit solchem Krawumm auf die politische Landkarte setzte, dass die alte Bundesrepublik permanent auf ihren südwestlichsten Zipfel schauen musste. Und damals ist die Zeit, die jetzt wiederkehren soll. Lafontaine will wieder nach Hause, widder hemm. Er ging als SPD-Vorsitzender, nun kommt er als Linken-Chef zurück. Nach der Landtagswahl am 30. August will er erneut, zum insgesamt vierten Mal, in die Staatskanzlei am Saarbrücker Ludwigsplatz einziehen. So sagt er zumindest. Seine Chancen sind, unabhängig von der Frage, ob er auch will, was er sagt, gleich null. Warum? Weil Lafontaine früher keine dienstbaren Geister brauchte, die einem beim Schlendern durch die Saarbrücker Innenstadt ins Ohr flüstern, dass es doch erstaunlich sei, wie gut er ankomme bei den Menschen. Man konnte das selbst sehen. Die Saarländer standen Schlange für ein Polaroidfoto. Lafontaine war ein Mythos. Damals. Heute schauen sie dem Mythos beim Verblassen zu.

Das Paradoxe an Lafontaines Heimkehr liegt darin, dass sie ihn auf seinem Weg in die politische Ortlosigkeit einen großen Schritt voranbringt. Mit bald 66 Jahren blickt Lafontaine, Jahrhundertpolitiker an der Saar, größtes politisches Talent seiner Generation über die Landesgrenzen hinaus, auf eine berufliche wie menschliche Achterbahnfahrt zurück, wie sie kein anderer deutscher Politiker der Nachkriegszeit erlebt hat. Zweimal, 1987 und 1990, hat er den angebotenen SPD-Vorsitz abgelehnt, einmal, 1995, hat er ihn an sich gerissen. Lafontaine wurde Opfer eines Attentats, fand für die historische Situation der Wiedervereinigung keine passenden Worte und keine innere Einstellung. Er trat vom SPD-Vorsitz und vom Ministeramt zurück, verließ seine Partei, gründete eine neue und zertrümmerte auf seiner rasenden Auf-und-ab-Fahrt ungezählte politische und persönliche Freundschaften sowie zwei Ehen. Mit ihm in der SPD-Spitze hätte es keine Agenda 2010, kein Hartz IV, keine Rente mit 67 gegeben. Kein Wunder also, wenn so mancher in der immer aggressiveren Rhetorik, in der immer ätzenderen Sprache, mit der Lafontaine das attackiert, was er selbst (mit)verursacht hat, ein gerütteltes Maß an Selbsthass entdeckt.

Die eigentliche Tragik des Oskar Lafontaine aber liegt woanders. Der Bundespolitiker Lafontaine hat sein gesamtes politisches Wirken stets darauf ausgerichtet, die Ära Kohl zu beenden. Der Erfolg nach 16 Jahren, die Eroberung des Kanzleramtes durch die SPD, war mehr dem Wirken ihres Vorsitzenden geschuldet als dem Glanz ihres Kanzlerkandidaten. Lafontaine hat die Partei nach dem Scharping-Sturz wieder zusammengeführt, ihr Schlagkraft verliehen – und dann hat er Gerhard Schröder, den Populäreren, Kandidat werden lassen. Kaum war das große Ziel erreicht, war für Lafontaine Schluss. Nur ohne ihn konnte Schröder Kanzler bleiben.

Zu gehen, wenn das Ziel erreicht ist – darin liegt die erste Tragik von Lafontaines so unvollendetem Politikerleben. Und die zweite darin, gehen zu müssen, um ein Ziel zu erreichen.

Dies zeigt sich jetzt im Saarland. Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün, das erste Linksbündnis in einem westdeutschen Bundesland, wird nur möglich sein, wenn Lafontaine am Ende nicht am Kabinettstisch sitzt. SPD und Grüne haben früh im Wahlkampf angekündigt, Lafontaine nicht zum Ministerpräsidenten wählen zu wollen. Und der Geschmähte hat öffentlich geätzt, er werde sich doch nicht seinem früheren Staatssekretär Heiko Maas unterordnen, einem »Subchef«. Rot-Rot an der Saar? Gut möglich – solange Lafontaine nicht dabei ist.

Nicht weiter schlimm, wird sich Lafontaine wohl sagen. Schließlich, so unterstellen ihm die meisten, will er ohnehin lieber in Berlin Pläne entwerfen als in Saarbrücken Pläne umsetzen. Das ist stressfreier. Doch auch da droht das gleiche Prinzip zu wirken: Für den Erfolg muss er gehen.

Als Chef der Linkspartei hat Lafontaine vollbracht, was er bis dato vollbringen wollte: Die SPD ist bundesweit geschwächt, die Linke im Westen verankert. In Hessen, Bremen, Niedersachsen und Hamburg sind Lafontaines Truppen in den Landtag einmarschiert – im Saarland wird ihnen dies nun mit Rekordergebnis gelingen. Der Kollateralschaden dieser Operation liegt für Lafontaine darin, dass die SPD im Bund mit ihren 23-Prozent-Umfragen mittlerweile so schwach geworden ist, dass dies auch seiner Linkspartei schadet. »Je mehr die Leute davon ausgehen, dass Schwarz-Gelb kommt, desto mehr Unentschlossene wählen dann auch Union und FDP«, sagt er.

Am Ende, also am Tag nach der Wahl, wird der Linkspartei diese Schwäche aber nutzen. Sollte die SPD bei ihren Umfrageergebnissen landen, werden all jene Sozialdemokraten verschwinden, die Lafontaine so leidenschaftlich verachtet. Vornweg das Agenda-Trio Steinmeier, Steinbrück, Müntefering. Dann wäre der Weg frei. Frei für ein Linksbündnis bei der nächsten Bundestagswahl 2013. Frei für eine Zukunft, die Lafontaine seit seinem politischen Comeback stets angestrebt hat. Dieser Weg wäre frei – wenn Lafontaine ihn frei macht. Rot-Rot wird es im Bund nur ohne Lafontaine geben, nicht mit ihm. Zwar wettert er bereits gegen ein »kindisches Verständnis von Politik«, gegen den »Blödsinn«, Einzelpersonen wichtiger zu nehmen als »die richtige Politik für Arbeitslose und Rentner«. Doch im Grunde weiß er ganz genau: Auch die SPD von Klaus Wowereit und Andrea Nahles, von Sigmar Gabriel und Olaf Scholz wird sich Oskar Lafontaine als Partner nicht leisten können. Weil dies die SPD nicht aushielte. Will die Linke also 2013 ans Ziel kommen, muss ihr Vorsitzender auf der Strecke bleiben.

Doch das ist noch nicht alles.

Die Saarbrücker SPD hat zu einem Künstlerfest in die Nauwieser 19 geladen, einen »Kultur- und Werkhof« im Nauwieser Viertel, dem Alternativenbezirk der Hauptstadt. Aus Berlin sind Klaus Staeck, der Präsident der Akademie der Künste, und Wolfgang Thierse, der SPD-Wortakrobat, gekommen, aus der Landespartei Heiko Maas, der Spitzenkandidat, und Reinhart Klimmt, Lafontaines ehedem engster Vertrauter – und frisch aus dem Urlaub Charlotte Britz. Die Oberbürgermeisterin von Saarbrücken, braune Haut, flammend rotes Haar, berichtet von der Feste-Front, dort, wo der Ferienwahlkampf 2009 tobt. Ganz aufgeregt erzählten Parteifreunde, sie hätten Lafontaine gesehen. Auf dem Webenheimer Bauernfest, auf dem Freeschenfest in Brotdorf, auf dem Dillinger Stadtfest. Freundlich sei er gewesen, der Oskar, gut gelaunt, Polaroidfotos habe er gemacht, ganz so wie damals. Und wenn Britz dann nach etlichen Minuten nachfragt, ob denn auch die anderen da gewesen seien, der Müller Peter von der CDU oder ihr Heiko, bekomme sie zu hören: »Ei joh, die ware ach do.«

»Ähner von uns hat es geschafft« – also haben es alle geschafft

Nun sind Oskar-Sichtungen im Saarland von jeher so populär, wie es Whale-Watching vor Cape Cod ist. Wo Lafontaine auftaucht, begegnen ihm die Saarländer bis heute mit freundlichem Respekt. Er ist hier nicht der Linken-Vorsitzende und mehr als »de Oskar«, der Mann, den jeder kennt. Lafontaines Aufstieg zum Kanzlerkandidaten, zum SPD-Chef hat die Saarländer einst befreit von ihrem Minderwertigkeitskomplex als verspätete Deutsche, als Dauerabhängige am Tropf des Länderfinanzausgleichs. »Ähner von uns hat es geschafft« – also haben es alle geschafft. Längst haben sich die Saarländer emanzipiert von ihrem politischen Übervater. Das von Lafontaine einst massiv befeuerte Saarland-Branding mit »Saarvoir vivre«, Saarschleife, Lyonerringel und »Hauptsach, gudd gess, geschafft hann mir schnell« steht heute für sich. Das Saarland ist heute das Saarland. Und nicht mehr die Heimat von Oskar Lafontaine.

Als der einstige Landesvater 2005 mit der WASG zur Bundestagswahl antrat, erreichte er an der Saar rund 19 Prozent. Aus dem Stand und ohne funktionierende Organisation. Ein Ergebnis, das den Traum von der triumphalen Rückkehr an den Anfang begründet haben mag. Doch dieser Traum ist weder Aufbruch ins Morgen noch Rückkehr ins Damals. Mit Anlauf und der Linkspartei im Rücken verharrt Lafontaine im Ausgangsbereich von 2005. Der eigenwillige Mix aus Nostalgie und Hartz-IV-Wut, der seinen Wahlkampf begleitet, wird Lafontaine zu nicht viel mehr tragen als zu einem dritten Platz. Und wenn es am Ende ganz dumm läuft, wird Peter Müller im Amt bleiben. Der Mann, der 1999 nur Ministerpräsident werden konnte, weil die Saar-SPD bei der Landtagswahl die Quittung für Lafontaines Abgang präsentiert bekam. Der Mythos wäre nicht verblasst, er wäre zerstört.

Was aber dann?

In einem Monat wird Lafontaine 66 Jahre alt. Aus der SPD-Spitze ist er längst verschwunden, aus der Linken-Spitze wird er sich zurückziehen, in seiner Heimat bestimmen andere. Lafontaine wird zu einem politisch Ortlosen. Ein Mann, der nirgends mehr zu Hause ist, noch nicht einmal in seiner eigenen Haut. Nichts ist wie damals. Das ist die eigentliche Tragik des Oskar Lafontaine.

 
Leser-Kommentare
  1. ...was hab ich da kürzlich gelesen über die Taktiken der Löwen wenn diese Hunger haben. Sie versuchen ein ausgewähltes Opfer aus dem natürlichen Schutz der Herde zu trennen...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  2. Um Gottes Willen! Ich bin ca. halb so alt wie Herr Lafontaine und trinke meinen Kaffee auch lieber ohne Schaum, Schokopulver und -ino hinten. Bin ich jetzt schon als Ewig Gestriger entlarvt?

    Ich kann aber Interweb und Telefone ohne Schnur!

    Ich habe gerade die Lust verloren, den Artikel weiter zu lesen.

  3. fand für die historische Situation der Wiedervereinigung keine passenden Worte

    Man kann Herrn Lafontaine viel vorwerfen, aber zur Wiedervereinigung hat er als einziger Politiker die Wahrheit gesagt, das es ohne Steuererhöhung nicht geht.
    Was ihm promt die Wahl gekostet hat...

  4. keine Frage, Peter Dausend ist ein Talent wenn es gilt, politische Stimmungen einzufangen.

    Was den Saarländern aber im Kopf rumspukt, wenn sie an Oskar denken, das ist wie er, versteinert, mit seinem kleinen Sohn auf den Schultern, auf dem Balkon seines alten Hauses steht und er Kleine, ahnungslos und freundlich, den Reportern zuwinkt.

    Mal wieder einer dem man 'im Reich' die Füssse weggetreten hat. Obwohl er da war , als man ihn gebraucht hat, alles gegeben hat und sich fast hat abstechen lassen. Das ist also der Dank

    Und darum wird er gewählt.

    • HBogon
    • 25.08.2009 um 22:07 Uhr

    [entfernt, bitte bleiben Sie höflich und äußern Sie Ihre Kritik sachlich/ Redaktion; svb]

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    Schreiben Sie eigentlich freizeitmäßig für das Mauerschützenblatt ("Neues Deutschland") oder warum werden Sie immer gleich so pampig, wenn irgendwo jemand Meinungen veröffentlicht, die Ihnen nicht in den Kram passen? Und warum, glauben Sie wohl, lässt man Pfeifen wie Sie Ihre Beleidigungen gegen Autoren (Springer-Mitmaul) hier ungestraft einstellen? Liegt das vielleicht am Meinungsmachen, hm?

    Schreiben Sie eigentlich freizeitmäßig für das Mauerschützenblatt ("Neues Deutschland") oder warum werden Sie immer gleich so pampig, wenn irgendwo jemand Meinungen veröffentlicht, die Ihnen nicht in den Kram passen? Und warum, glauben Sie wohl, lässt man Pfeifen wie Sie Ihre Beleidigungen gegen Autoren (Springer-Mitmaul) hier ungestraft einstellen? Liegt das vielleicht am Meinungsmachen, hm?

  5. Schreiben Sie eigentlich freizeitmäßig für das Mauerschützenblatt ("Neues Deutschland") oder warum werden Sie immer gleich so pampig, wenn irgendwo jemand Meinungen veröffentlicht, die Ihnen nicht in den Kram passen? Und warum, glauben Sie wohl, lässt man Pfeifen wie Sie Ihre Beleidigungen gegen Autoren (Springer-Mitmaul) hier ungestraft einstellen? Liegt das vielleicht am Meinungsmachen, hm?

    Antwort auf "Springer-Kampfpresse?"
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    • HBogon
    • 25.08.2009 um 22:43 Uhr

    Ja, Herr Viscount, ich lasse Ihnen Ihre Meinung und Sie mir meine.
    So einfach ist das [Rest entfernt, bitte vermeiden Sie Beleidigungen/ Redaktion; svb]

    • HBogon
    • 25.08.2009 um 22:43 Uhr

    Ja, Herr Viscount, ich lasse Ihnen Ihre Meinung und Sie mir meine.
    So einfach ist das [Rest entfernt, bitte vermeiden Sie Beleidigungen/ Redaktion; svb]

    • HBogon
    • 25.08.2009 um 22:43 Uhr

    Ja, Herr Viscount, ich lasse Ihnen Ihre Meinung und Sie mir meine.
    So einfach ist das [Rest entfernt, bitte vermeiden Sie Beleidigungen/ Redaktion; svb]

    Antwort auf "Hört hört. "
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    eigentlich wollte ich Sie auseinandernehmen, aber okay, wenn Sies gleich selber machen: auch fein.

    Meinten Sie eigentlich Viscount Linley oder wen? Ich dachte bei euch gibts keinen Adel mehr und nur wir leisten uns diese Pappenheimer noch?

    eigentlich wollte ich Sie auseinandernehmen, aber okay, wenn Sies gleich selber machen: auch fein.

    Meinten Sie eigentlich Viscount Linley oder wen? Ich dachte bei euch gibts keinen Adel mehr und nur wir leisten uns diese Pappenheimer noch?

  6. eigentlich wollte ich Sie auseinandernehmen, aber okay, wenn Sies gleich selber machen: auch fein.

    Meinten Sie eigentlich Viscount Linley oder wen? Ich dachte bei euch gibts keinen Adel mehr und nur wir leisten uns diese Pappenheimer noch?

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