Ist das Kind in den Brunnen gefallen, oder wurde es vom Nachbarjungen hineingeworfen? Diese Frage ist es, die derzeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig die Gemüter erregt. Fest steht, dass einiges schiefgelaufen ist bei der Suche nach einem Nachfolger für die Professur des erfolgreichen Malers Neo Rauch.

Von der HGB-Leitung wird die Geschichte gern wie folgt dargestellt: Rauch warf nach nur drei Jahren seine Professur hin, weil sie ihn zu sehr vom eigenen Malen abhielt; die Stelle wurde neu ausgeschrieben; Rauch mischte sich ungehörig in den Findungsprozess ein, präsentierte der Schule den bekannten belgischen Maler Michaël Borremans, doch die HGB entschied sich in einem ordnungsgemäßen Verfahren für den ebenfalls renommierten Heribert C. Ottersbach.

Zahlreiche Unstimmigkeiten lassen indes Zweifel an dieser Version aufkommen. Denn anfänglich bot die Hochschule Rauch sogar an, seinen Vertreter selbst zu wählen, doch der wollte niemanden von "Rauchs Gnaden". Die Stelle wurde daher ausgeschrieben. Von den 38 Bewerbungen fand die Kommission jedoch nur eine passabel. Und erst nachdem Rauch von diesem Dilemma gehört hatte, fühlte er sich aufgerufen, bei der Bewerbersuche mitzuhelfen.

Dass er sich Daniel Richter und Borremans gut hätte vorstellen können, hatte er nie verschwiegen, doch beide schienen nicht verfügbar. Dann änderten sich private Umstände im Leben Borremans. Rauch lud ihn ein, stellte ihm die Klasse vor, ließ das Ganze "möglichst diskret" ablaufen, um das Findungsverfahren nicht zu gefährden. "Bei alldem hatte ich permanent höchstes Herzklopfen und das Gefühl, die müssten mir an der HGB eigentlich alle um den Hals fallen – aber wirklich alle", so Rauch. Denn Borremans sei auch für andere Fachbereiche eine vorzügliche Wahl: "Er malt auf höchstem Niveau, er macht Filme, er fotografiert."

Dann platzte ein Hinweis im Spiegel ins Verfahren, in dem es hieß, Borremans sei in Leipzig als Nachfolger im Gespräch. Ein Bewerber zog sich mit der Begründung zurück, gegen Borremans müsse er gar nicht erst antreten. Die Berufungskommission sah das Verfahren gefährdet und entschied, die Probevorlesungen nicht hochschulöffentlich abzuhalten. An der HGB konnte sich somit nur die Kommission ein Bild des Bewerberfeldes machen.

Als die Entscheidung zugunsten Ottersbachs sich dann per Flurfunk verbreitete, stieg Unmut auf. Malereistudenten bekundeten in einem Brief an den Rektor ihre "tiefe Sorge und Verärgerung". Aushänge verwiesen subtil auf die Verbindung zwischen Ottersbach und Rektor Brohm. Der Vorwurf der Vetternwirtschaft lag in der Luft. Ottersbach macht aus der guten Freundschaft auch keinen Hehl. Brohm verweist darauf, dass er weder der Berufungskommission angehört noch sonst Einfluss auf das Verfahren genommen habe. Hochschulintern kursiert der Vorwurf der Klüngelei schon länger. Manche vermuten eine Richtungsentscheidung.