Lissabon-Vertrag Jetzt reden wir mit!
Die Parlamentarier nutzen das Lissabon-Urteil und sichern sich mehr Einfluss – nicht nur in europapolitischen Fragen
Außenpolitik war traditionell das exklusive Vorrecht der Regierung, das Parlament durfte allenfalls zustimmen, aber nie wirklich mitreden. Und weil Europapolitik, ihrer realen Bedeutung zum Trotz, lange als Außenpolitik galt, hatte der Bundestag in Brüsseler Angelegenheiten wenig zu sagen. Damit ist jetzt Schluss.
Gleich dreimal hat das Verfassungsgericht den Bundestag in den letzten Wochen juristisch an den Schultern gepackt und kräftig durchgeschüttelt. Zum ersten Mal, und am heftigsten, im Urteil zum Lissabon-Vertrag, als die Richter den Berliner Abgeordneten bescheinigten, sie hätten ihre europapolitischen Mitspracherechte leichtfertig aufgegeben und allzu bereitwillig Kompetenzen an Brüssel abgetreten, mehr sogar, als sie von Verfassungs wegen durften.
Kurz darauf entschieden sie in zwei weiteren Urteilen, das Parlament müsse sich von der Regierung nicht mit vagen Auskünften und systematischer Geheimniskrämerei abspeisen lassen, weder bei Kleinen Anfragen noch in Untersuchungsausschüssen. Es waren drei Versuche der Richter, die Volksvertretung gegenüber der Exekutive zu stärken, und nicht wenige Abgeordnete selbst haben mindestens die Lissabon-Entscheidung als reichlich unsanften Weckruf verstanden, sich in europäischen Fragen endlich mehr zuzutrauen.
Versuche, dem Bundestag in den verschlungenen, regelmäßig von den Regierungen beherrschten Brüsseler Entscheidungsprozessen vehementer Gehör zu verschaffen, hat es auch schon früher gegeben. Aber erst das Urteil aus Karlsruhe hat diesen Vorstößen die nötige Dringlichkeit gegeben und eine überraschend schnelle Einigung zwischen den Fraktionen, aber auch zwischen Bundestag und Regierung erzwungen.
Noch sind die verschiedenen Gesetze zum Lissabon-Vertrag, die das Verfassungsgericht angemahnt hatte, nicht verabschiedet. Doch die Koalition hat sich jetzt auf Regelungen geeinigt, die sogar noch über die Forderungen aus Karlsruhe hinausgehen – auf andere Weise allerdings, als es die CSU gefordert hatte: Tritt in Kraft, was jetzt verabredet wurde, könnte das Parlament tatsächlich zu einem außenpolitischen Mitspieler werden, und das nicht nur in EU-Fragen.
Der Bundestag könnte zu einem außenpolitischen Mitspieler werden
In augenscheinlich gut geölten Gesprächen während der politischen Sommerpause haben die Geschäftsführer und die Europapolitiker der Bundestagsfraktionen (mit Ausnahme der prinzipiell europaskeptischen Linken) einen Weg ersonnen, wie die Bundesregierung an den europapolitischen Willen des Parlaments gebunden werden kann, ohne in Brüsseler Verhandlungen ihre Geschmeidigkeit und Gestaltungskraft zu verlieren.
Anders als im dänischen Modell, das die Regierung sehr eng an die Vorgaben des Parlaments bindet, soll der Bundeskanzlerin oder ihren Ministern in »außen- oder integrationspolitisch besonders wichtigen« Augenblicken ein Abweichen von den Vorgaben und Leitlinien des Bundestages erlaubt sein, aber sie werden verpflichtet, den Bundestag über jedes Abweichen zu informieren und sich dafür zu rechtfertigen, nötigenfalls in einer Plenardebatte.
- Datum 19.08.2009 - 13:20 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 20.08.2009 Nr. 35
- Kommentare 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Was kann man von einer BRD-Volkskammer erwarten?
Zitat von Willy Brandt vom 28. Oktober 1969
Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun.
mehr braucht man dazu auch nicht sagen von unserem Abnickparlament wo bis auf wenige Ausnahmen...die meisten naive dumme schaefschen sind die lieber zurueck gehen sollten in Mamas Sandkasten....
Vor den wenigen gebildeten Idealisten habe ich jedoch Respekt.
Und die Moechtgerndiktaturen die auf der Gehaltsliste von irgendwelchen dubiosen Firmen oder Organisationen stehen, meochte ich nur warnen:
WIR HABEN IN DEUTSCHLAND EINE WEHRHAFTE DEMOKRATIE
mehr braucht man dazu auch nicht sagen von unserem Abnickparlament wo bis auf wenige Ausnahmen...die meisten naive dumme schaefschen sind die lieber zurueck gehen sollten in Mamas Sandkasten....
Vor den wenigen gebildeten Idealisten habe ich jedoch Respekt.
Und die Moechtgerndiktaturen die auf der Gehaltsliste von irgendwelchen dubiosen Firmen oder Organisationen stehen, meochte ich nur warnen:
WIR HABEN IN DEUTSCHLAND EINE WEHRHAFTE DEMOKRATIE
auf die Gutsknechtart.
Jetzt reden wir mit!
Nachher, wenn alles von der Regierung bereits entschieden ist.
Gut, dass wir mal darüber geredet haben.
Wär ja auch wahrhaftig ein weng zuviel des Guten, die deutsche Regierung, wie im "im dänischen Modell, das die Regierung sehr eng an die Vorgaben des Parlaments bindet" zu verpflichten, sich an Vorgaben der "Volksvertreter" zu orientieren. Man soll die Demokratie auch nicht exzessiv übertreiben!
Nicht mal den Schein wahren.
Jedenfalls, wenn es um ein demokratisches Europa geht.
Manch einer erinnert sich möglicherweise, dass im Zuge der Barschel-Affäre Helmut Kohl in aller Stille bei der dänischen Regierung darum bat, dass Karl Otto Meyer vom SSW an die Leine gelegt wird.
Immerhin war ausgerechnet Meyer als einziger Vertreter der dänischen Minderheit in Süd-Schleswig (keine 5%-Hürde!) im Schleswig-Holsteinischen Landtag Zünglein an der Waage und wurde bei den Barschel-Untersuchungen richtig unangenehm (Spitzname: "Der Unbestechliche").
Von der dänischen Königin bekam der Herr Bundeskanzler die Antwort, dass die Dänen Demokraten sind und man weder Karl Otto Meyer, noch den SSW beinflussen wird. Die Deutschen sollten ihre Probleme doch selber lösen.
Also: Dänisches Modell -- ganz schlechtes Beispiel =:)
Alles Gute
Kai Hamann
Jedenfalls, wenn es um ein demokratisches Europa geht.
Manch einer erinnert sich möglicherweise, dass im Zuge der Barschel-Affäre Helmut Kohl in aller Stille bei der dänischen Regierung darum bat, dass Karl Otto Meyer vom SSW an die Leine gelegt wird.
Immerhin war ausgerechnet Meyer als einziger Vertreter der dänischen Minderheit in Süd-Schleswig (keine 5%-Hürde!) im Schleswig-Holsteinischen Landtag Zünglein an der Waage und wurde bei den Barschel-Untersuchungen richtig unangenehm (Spitzname: "Der Unbestechliche").
Von der dänischen Königin bekam der Herr Bundeskanzler die Antwort, dass die Dänen Demokraten sind und man weder Karl Otto Meyer, noch den SSW beinflussen wird. Die Deutschen sollten ihre Probleme doch selber lösen.
Also: Dänisches Modell -- ganz schlechtes Beispiel =:)
Alles Gute
Kai Hamann
Wie bisher schon in innenpolitischen Angelegenheiten, wird eben künftig auch in der Außenpolitik streng nach Fraktionszwang abgenickt, was Konzernvertreter mit der Regierung ausgekungelt haben.
Dieses für die Mächtigen bewährte System werden sie sich nicht durch ein paar Verfassungsrichter kaputtmachen lassen.
Merke: Ohne Volksabstimmungen kann es keine Demokratie geben.
@Zeit: Wer für Demokratie auf EU-Ebene eintritt, ist kein "Europaskeptiker", ebensowenig wie Demokraten in Deutschland "Deutschlandskeptiker" oder "vaterlandslose Gesellen" sind.
Ich dachte, dies sei seit 1919 bekannt.
Schön, wir "dürfen" mitreden. Ein Staubkorn im Universum der EU Verfassung... Das systemische wurde deshalb ja auch nicht berührt, nicht mal in Ansätzen.
Was aber sicher weitergeht wie bisher ist die Unverfrohrenheit mit der das alles geplant und durchgeführt wird. Einem Ziel muss sich alles unterordnen... der Neoliberalen Gestaltung der EU mit allen bisherigen, aktuellen und zukünftigen negativen Begleiterscheiungen.
Wettbwerb auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner vorallem was die Arbeitnehmergesetzte betrifft.
Weitere Privatisierungen der Sahnestücken.
Weitere Liberalisierungen der Arbeitsgesetze (am liebsten Arbeit auf Abruf), weitere liberalsiierung und privatisierung der Krankheitsindustrie (Versicherungen, Pharmaindustrie, Aerzte...),
weitere ungebändigte und unüberwachte Kapitaltransfer,
weitere Steuervergünstigte Investitonen,
weitere steuerliche/abgaben Mehrbelastung der abhängig Beschäftigten (Mehrwertsteuer)
weitere Stuersenkungen der oberen 10% des Volkvermögens...
Kommt's bekannt vor?
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
ändert nichts an der Tatsache, dass die
EU ein ZUTIEFST UNDEMOKRATISCHER
MOLOCH ist.
in dubio prosecco
"In augenscheinlich gut geölten Gesprächen [...] haben die Geschäftsführer und die Europapolitiker der Bundestagsfraktionen (mit Ausnahme der prinzipiell europaskeptischen Linken) einen Weg ersonnen, wie die Bundesregierung an den europapolitischen Willen des Parlaments gebunden werden kann, ohne in Brüsseler Verhandlungen ihre Geschmeidigkeit [...] zu verlieren."
Da kann ich die gut geölten parlamentarischen Europaeuphoriker nur noch herzlichst zu ihrer Geschmeidigkeit beglückwünschen!
(Überschrift entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/jk)
* Der Bundestag könnte zu einem außenpolitischen Mitspieler werden
(Bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks, Mr Wefing. user/kbt)
Außenpolitik war traditionell das exklusive Vorrecht der Regierung, das Parlament durfte allenfalls zustimmen, aber nie wirklich mitreden
Politik war traditionell das exklusive Vorrecht der Regierung, das Parlament durfte allenfalls zustimmen, aber nie wirklich mitreden - oder? ;-)
-----------------------------------------------------------------------------------------------
"Ich habe keine Angst vor der globalen Erwärmung, aber vor der globalen Verblödung!" (Lisa Fitz - bayr. Kabarettistin)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren