Wo ist ein Leben am besten aufgehoben, das vor seiner Zeit beginnt? Der winzige Mark hatte Glück. Bei ihm haben die Ärzte im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) einen Wettlauf gegen die Zeit gewonnen. Mark kam dort vor 14 Tagen zur Welt, in der 27. Schwangerschaftswoche. Er wog nur 965 Gramm.

Noch immer ein vorzeitiges Häuflein Leben, schläft der Säugling an diesem Morgen in seinem Inkubator in der Kinderintensivstation. Er hat sich ein wenig zusammengerollt, seine Händchen liegen ineinander, als sei hier so wenig Platz wie im engen Bauch der Mutter. Dominique Singer, Leiter der Neugeborenenklinik am UKE, beobachtet Mark zufrieden zwischen den vielen Schläuchen und Kabeln hindurch, die ihn ernähren, beatmen, kontrollieren. »Er hat sich stabilisiert«, sagt er.

Eine Woche nach seiner Geburt war bei Mark eine schwere Komplikation aufgetreten. Um vier Uhr nachts bemerkte die Krankenschwester, dass etwas nicht stimmte. Verdacht auf Darmdurchbruch, stellte der anwesende Neonatologe fest. Eine Stunde später wurde Mark von einer Kinderchirurgin operiert. Durch schnelles Handeln konnte man eine gefährliche Entzündung des Bauchfells verhindern.

Für die etwa 8000 Frühgeborenen, die in Deutschland jährlich mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm zur Welt kommen, geht es in den ersten Lebenstagen nicht nur um Leben oder Tod. Häufig kommt es zu irreversiblen Schäden, etwa an Lunge oder Gehirn. Jedes siebte dieser Frühgeborenen stirbt, jedes fünfte ist sein Leben lang behindert. Über ihr Dasein wird in den ersten Wochen entschieden.

Während sehr kleine Frühchen im Ausland zunehmend in besonderen Einrichtungen, sogenannten Perinatalzentren, versorgt werden, mischen in Deutschland selbst kleine Kreiskrankenhäuser mit: In fast 500 deutschen Kliniken wurden im Jahr 2007 extreme Frühchen geboren. In vielen Krankenhäusern sind solche Risikogeburten keine Routine, sondern der Ausnahmefall: In 140 Kliniken kam im ganzen Jahr gerade ein einziges dieser gefährdeten Kinder zur Welt. Dass es dem Personal womöglich an Erfahrung mangelt, störte diese Kliniken offenbar wenig.

Bald aber könnte es damit vorbei sein. Die Krankenkassen wollen, dass sich die Frühgeborenenversorgung in Deutschland grundlegend verändert. Darüber entscheiden können sie nur im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), zusammen mit den Ärzten und Krankenhäusern. Auf dem Terminplan der Sitzung am 20. August steht der Antrag, dass Krankenhäuser nur dann Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm betreuen dürfen, wenn sie mindestens 50 von ihnen im Jahr versorgen. »Eine solche Regelung ist längst überfällig«, sagt Christian Poets, Leiter der Neugeborenenmedizin am Universitätsklinikum Tübingen.