Kurz bevor der Dalai Lama nach Deutschland kam, brachte der stern ein Titelbild, auf dem der Dalai Lama zu sehen war, das religiöse Oberhaupt der Tibeter und Idol aller guten Menschen. In der dazugehörigen Geschichte hieß es: "Im Westen ist der Dalai Lama eine Institution, die kaum einer hinterfragt." Also hinterfragte der stern den Dalai Lama. Sie fanden heraus, dass es an seinem Hof keine oder nur eine eingeschränkte Demokratie gibt, dieser sei "beherrscht von Ritualen, die mit westlicher Toleranz und Transparenz wenig gemein haben".

Ich habe kurz nachgedacht. Mir fiel keine einzige Religion ein, in der Demokratie herrscht, die viel mit westlicher Toleranz gemein hat und die nicht von Ritualen beherrscht würde, der Himmel sei mein Zeuge. Die Grundidee bei einer Religion besteht halt darin, dass die Macht von oben kommt und nicht von unten. Der Vorwurf an den Dalai Lama war also völlig sinnfrei. Genauso gut hätte der stern den Bundesligafußballern zum Vorwurf machen können, dass sie den Ball mit den Füßen spielen, wo es doch viel einfacher und transparenter sei, ihn in die Hand zu nehmen und ins Tor zu werfen. Klar, man könnte aufs Titelblatt schreiben: "Religion ist was anderes als der Club Méditerranée". Das würde stimmen. Aber es würde die Leser auch irritieren.

Sie hatten noch mehr Vorwürfe auf Lager. Einer der Hauptvorwürfe lautete, dass der Dalai Lama mit seinem einstigen Lehrer befreundet war, dem Abenteurer Heinrich Harrer. Der sei ein Nazi gewesen. Da hat es mir fast die Kaffeetasse aus der Hand gehauen. Der Gründer des sterns, Henri Nannen, hat doch im Völkischen Beobachter Naziartikel geschrieben, was er selber auch zugab, und war in einer SS-Propagandaeinheit tätig. Heißt das, bis zum Tode von Henri Nannen hätte kein Mensch mit ihm befreundet sein dürfen?

Kann man denn überhaupt, grundsätzlich, die Position vertreten, dass man mit einem Menschen nicht befreundet sein darf, niemals, wenn er irgendwann in seinem Leben einen Fehler gemacht oder, meinetwegen, sogar ein Verbrechen begangen hat? So hart, dass sie auch die Freunde der Sünder hopsgenommen hat, war ja nicht mal die katholische Inquisition. Es gibt einen Moralismus, der so rigide ist, dass er ins Unmenschliche und damit Unmoralische kippt. Vom stern hätte ich das nicht erwartet. Nein, nein, ich erspare mir den Hinweis, der mir auf der Zunge liegt, das ist zu naheliegend, ich verwende jetzt nicht schon wieder das H-Wort, höchstens in meinen geheimen Tagebüchern.

Aber ich bin selber schuld. Du auch! Angenommen, wir stehen an einem Kiosk. Die eine Zeitschrift macht mit folgender Schlagzeile auf: "Die Welt ist heute mal wieder wie immer. Der Dalai Lama ist ungefähr so, wie man sich ihn vorstellt." Die andere Zeitschrift dagegen meldet in riesigen Buchstaben: "Der Dalai Lama hatte Sex mit Barack Obama, und Steffi Graf hat in SS-Uniform zugeschaut." Ich schätze mal, die zweite Schlagzeile würde uns neugieriger machen, obwohl die erste, wie ich ohne jegliche Recherche zu behaupten wage, den tatsächlichen Verhältnissen auf der Welt deutlich näherkommt. Man würde doch, wenn überhaupt, eher Nummer zwei kaufen.

Das heißt, ich kann den Kollegen vom stern nicht böse sein, sie wollen doch einfach nur ihren Job gut machen und mir das geben, was ich haben will, genau wie übrigens auch der Dalai Lama. Vielleicht suche ich mir von nun an am Kiosk die Zeitung aus, die den langweiligsten Eindruck macht, das ist wahrscheinlich die ehrlichste. Ob ich das lange durchhalte, weiß ich nicht.