Jeder Wahlkampf hat offensichtliche Themen – und unterschwellige. Zu Letzteren gehört derzeit die Frage, ob die SPD nach elf Jahren unablässigen, aufreibenden Regierens nicht müde geworden ist, ihrer selbst überdrüssig, machtmürbe und allzu machtgewohnt.

Man kann daraus keine absolut geltenden Alterungsregeln der Demokratie ableiten, aber ein Dutzend Jahre könnten schon als Verfallsdatum gelten. Jedenfalls, wenn man sich die Labour Party in Großbritannien ansieht, die nach zehn Jahren unter Tony Blair anfing, modrig zu werden, und die in den darauffolgenden zwei Jahren unter Gordon Brown in ihren eigenen Sumpf sank. Den Rest werden demnächst die englischen Wähler erledigen.

OderHelmut Kohl. Dem warf die SPD 1994 vor, dass er selbst nach zwölf Jahren Dransein in Wirklichkeit nichts mehr vorhabe und seine Truppe zu wenig, um ihn zu stürzen und neu anzufangen. Tatsächlich kam dann zwischen 1994 und 1998 auch nichts mehr, nur eine elend lange Selbstabwicklung.

Oder Heide Simonis. Die große Dame des Nordens, die zwölf Jahre lang ein kleines Land regiert hatte, war 2005 überfällig. Und wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, so lieferte sie ihn selbst, als sie am Ende fragte: »Und wo bleibe ich dabei?«

Und heute? Zugunsten der SPD ließe sich anführen, dass sie immerhin in zwei verschiedenen Koalitionen ihre lange Strecke absolviert hat, sich also zwischendurch gewaltig umstellen musste. Auch hat sie wichtige Teile ihres Personals ausgewechselt, darunter den Bundeskanzler.

Es gab also eine Menge Veränderung in der Kontinuität. Auf der anderen Seite, wenn man die Reihen der regierenden Sozialdemokratie so durchgeht – Frank-Walter Steinmeier, Franz Müntefering, Ulla Schmidt, Heidemarie Wieczorek-Zeul – da fragte man sich schon: Regieren die schon immer oder erst seit ewig?

Wahlkämpfe, das ist so ein Paradox, werden mit einem gerüttelt Maß an Lügen geführt und treiben dennoch immer auch einige Wahrheiten hervor. Nun soll hier nicht darüber gerichtet werden, ob die SPD objektiv zu machtgewohnt ist, wie Labour oder einst die Union. Aber es ist mit der sogenannten Dienstwagenaffäre der Gesundheitsministerin etwas entstanden, woran die Wähler messen, ob die Sozialdemokratie schon zu lange in gepanzerten Limousinen herumfährt, ob sie ihr Gefühl für Proportionen verloren hat.