Museumsführer So wunderbar eigensinnig
Der ZEIT-Museumsführer (16): Das Museum Biberach
Gemälde von Rindern, Schweinen und Schafen ließen sich Ende des 19. Jahrhunderts hervorragend verkaufen. Der Maler Anton Braith, im schwäbischen Biberach geboren, hatte sich auf dieses Genre spezialisiert. Er unterrichtete an der Akademie in München und führte dort mit dem Maler Christian Mali einen Salon. 1860 lernten sich die beiden kennen und blieben, wie man damals sagte, in lebenslanger Männerfreundschaft einander innig verbunden. Im Oktober 1906 konvertierte Mali noch auf dem Totenbett zum Katholiken, um neben seinem 1905 verstorbenen Freund begraben werden zu können.

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Noch vor Ende desselben Jahres schaffte der Biberacher Kunst- und Altertumsverein den gesamten Salon der Künstler mitsamt Mobiliar, Gemälden, sogar den Fresken von München nach Oberschwaben. Und so lässt er sich noch heute im Heimatmuseum besichtigen: ein Dokument jener Zeit, in der sich das Galeriensystem der Moderne erst zu entwickeln begann und die privaten Salons nicht nur als Atelier, sondern auch als Verkaufsraum dienten. Großbürgerlicher Prunk in bayrischem Klassizismus inszeniert, viel Eiche, viele Truhen, Säulen und schwere hölzerne Kassettendecken – all das hat, weltweit einmalig, im originalen Zustand die Zeit überdauert.
Seit dieser Gründungsallianz von schwäbischem Vereinswesen und Münchner Salonkultur verfügt die Stadt Biberach über ein Kunstmuseum, das für einen Ort vergleichbarer Größe außergewöhnlich ist.
Viele Künstler haben hier gelebt, die über den lokalen Zusammenhang hinaus Beachtung fanden und deren Bilder hier zu sehen sind. So etwa Johann Heinrich Schönfeld, einer der bedeutendsten Barockmaler Süddeutschlands, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 400. Mal jährt. Oder die Zeichnerin Roman Holderried-Kaesdorf, die 2007 verstarb. Oder Georg Winter und Albrecht Schäfer, um zwei Vertreter der jüngeren Generation zu nennen.
Auch lokale Größen wie Klaus Leupolz oder Martin Heilig, die sich um den Kunstbetrieb ebenso wenig scherten wie dieser sich um sie, zeigt die Sammlung in Biberach. Die kleinen Museen der Provinz sind eben nicht einfach kleiner, sondern oft auch eigensinnig, und umso besser, je eher es ihnen gelingt, ihre Zufälle und Besonderheiten zu bewahren.
Fast hätten sogar einmal zwei Künstler, die mit der Region nichts, aber mit der Kunstgeschichte der Moderne umso mehr zu tun haben, der Stadt einen Platz auf der Landkarte der internationalen Kunstwelt gesichert. 1944 brachte der Architekt Hugo Häring eine Reihe von Werken des Russen Kasimir Malewitsch nach Biberach in Sicherheit. Nach dem Krieg bot er sie der Stadt an. Doch dort hatte man sozialen Wohnungsbau und ein Freibad zu finanzieren und konnte sich nicht rasch genug entscheiden. So gingen die Kunstwerke teils ans MoMA nach New York, teils ans Stedelijk in Amsterdam.
Auch den Nachlass des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner hätte es beinahe vollständig nach Oberschwaben verschlagen, weil sein Bruder Ulrich in Biberach seinen Lebensabend verbrachte. Aber am Ende sind nur einige späte Zeichnungen und Gemälde zurückgeblieben.
Dann gibt es noch einen Künstler, von dem man im Museum sehr gerne mehr sehen würde. Ein paar Kilometer südwestlich der Stadt lebt Wolfgang Laib, der in Biberach aufwuchs und in den siebziger und achtziger Jahren durch seine Installationen mit Blütenstaub international bekannt wurde. Das Museum besitzt einige seiner frühen Werke, aber man scheut sich, sie ohne das Einverständnis des Künstlers auszustellen. Kontakte bestünden nicht oder seien zerrüttet, so munkelt man, seit es vor ein paar Jahren beim Besuch des damaligen Oberbürgermeisters im Haus des Künstlers zu einem Zwischenfall gekommen sei.
So liegen die Werke des berühmten Nachbarn auf Lager. Nur zwei kleine Objekte von ihm sind in der Ausstellung versteckt. Das verdankt sich dem Landschaftsmaler Jakob Bräckle. Das Museum hat sein Atelier, so wie er es zu seinem Tod im Jahr 1987 hinterließ, übernommen. Dort finden sich zwei frühe Steinobjekte von Laib. Er hatte sie dem Maler geschenkt, weil ihm erst durch dessen abstrahierte Bilder oberschwäbischer Wiesen die Farben der Blütenpollen so richtig nahegekommen sein sollen.
- Datum 04.09.2009 - 12:16 Uhr
- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 20.08.2009 Nr. 35
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