Dieser Tage erscheint ein Buch von Neo Rauch: Schilfland. Es enthält eine gar nicht so kleine Sensation – das bislang unbekannte zeichnerische Werk des Malers. Mit dem Buchtitel stellt er einen Wegweiser auf, und natürlich weist der auf einen inneren Ort. Auf das Morastig-Halbbewusste, aus dem die Zeichnungen kommen. Sie seien nicht gemacht, sagt Neo Rauch, sondern ihm unter der Hand entstanden. Im Laufe der Jahre hatte er sie in seine Atelierschränke gestopft.

Neulich, beim Umbau des Ateliers und beim Umräumen der Schränke, schaute er wieder einmal in die Schubladen und stellte fest, dass sich darin so etwas wie ein zweites Werk angesammelt hatte. So kam er darauf, aus den Zeichnungen, es sind Hunderte, ein Buch zu machen, als eine Art Inventar, nicht zuletzt für ihn selbst.

Wenn er über diese kleinen Formate spricht, wird es zoologisch. Käfern gleich krabbeln, insektengleich schwirren ihm die Figuren aufs Blatt, von amphibischem Schilfgetier ist die Rede. Der Ort dieser hingestrichelten, hingeknäuelten, hingemurmelten Skizzen und Bilder ist das mentale Unterholz oder eben in Rauchs Sprache: das dunkle Schilfland. Es gluckst und schmatzt, raschelt und schnarrt, es pfeift und weht und biegt sich im Wind.

Der Zeichner erscheint eher als bilderdurchlässige Membran denn als stolzer Macher seiner Bilder. Das dunkle Schilfland liegt am Rande des Bewusstseins und der Geschichte, dort, wo Natur an Historie grenzt, Wasser an Land. Eine Zone, in der die Dinge noch nicht geschieden sind, das kleine Schöpfungschaos am Rande der großen Städte, ein Echo des weltgebärenden Chaos, von dem die Genesis berichtet. Unheimlich ist es doch. Wer weiß schon genau, was im Schilf geschieht? Aber das ist nicht alles. Das Schilfland ist mehr als eine Metapher, mehr als die inwendige Welt des Künstlers, als Stimmung und Bild. Es existiert wirklich, es ist ein Ort in dieser Welt, am Rande der Stadt Leipzig. Man betritt es durch eine Eisentür, hinter ihr wird es weit und hell. Es ist ebenjenes Atelier, in dem die Zeichnungen verwahrt wurden.

Hier werden die Farben angerührt, all die großen Formate ausgeführt. Neo Rauchs Atelier ist seine nach außen gestülpte Innenwelt, die Bilder brütet. Er ist sehr streng darin: Nur im Zustand namens Atelier wird gemalt und gezeichnet, nirgendwo sonst. Ins Atelier muss alles, mag es ihm auch anderswo zugeflogen sein. Hier ist die Lichtung, auf der es sich zeigt. Rauchs Innenwelt ist nun einmal so beschaffen und arbeitet nun einmal so, dass sie diesen höchst realen, von vier Wänden, dem Fußboden und der hohen Decke begrenzten Ort braucht, um zu sich zu kommen und zur Welt.

An der Art, wie er in seinem Atelier ist und wie er darüber spricht, fällt das Physische, ja Biologische auf. Das Atelier ist ihm ein belebter Ort, er haust dort nicht allein. Hier drängen Gestalten an, die ins Bild – die Bild werden wollen. Hier finden Kämpfe statt. Wer darf auf die große Leinwand? Wer kommt in die Schublade? Und hier leben die niederen Wesen. Kein Zufall, dass seine Zeichnungen oft erst eine Weile auf dem Atelierboden herumliegen, bevor sie in die dunklen Schubfächer kommen.