Wer verbittert ist, spricht nicht darüber. Trotzdem dringt die Bitterkeit nach außen, sickert durch in kleinen, leise gesprochenen Sätzen wie: »Das darf doch nicht sein.«

Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter hat viele solcher Sätze auf Tonband eingefangen. Seine Aufnahmen entstanden im Auftrag der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, die das Politikverständnis von unterprivilegierten Menschen erfassen wollte.

Die Stimmen auf den Bändern stammen aus dem unteren Drittel der Gesellschaft. Im Frühjahr wurde die Studie abgeschlossen, die Tonbänder lagern jetzt im Heidelberger Sinus-Institut, mit dem Walter die Studie erstellt hat. Die Aufnahmen hatten nebenbei eine Erkenntnis geliefert, die Soziologen stutzig machen sollte: Verbitterung hat Konjunktur.

Die kleinen Sätze werden in den nächsten Monaten öfter zu hören sein, eine Folge der Wirtschaftskrise. Was die Menschen auf den Tonbändern erzählen, kann fast jeden ereilen: ein unwürdiges Dasein im Alter, in dem keiner fragt, was man zuvor im Leben geschafft hat. Eine Kündigung, die eines Morgens im Briefkasten liegt, oder ein Partner, der verschwindet, kaum dass die Kinder aus dem Haus sind. Die Göttinger Studie zeigt zwar, dass es sozial Benachteiligte häufiger trifft. Aber Bitterkeit gibt schon länger Anlass zur Sorge, in allen Gesellschaftsschichten.

So spielte nach Ansicht von Entwicklungspsychologen Verbitterung eine erhebliche Rolle, als der Gymnasiast Tim K. Anfang März in seine Schule ging und 15 Menschen erschoss. Mit dem Phänomen Verbitterung sind Altenpfleger in deutschen Pflegeheimen täglich konfrontiert. Es kann einen Menschen im schlimmsten Fall so lahmlegen, dass ihm die Kontrolle über sein Leben entgleitet.

Mit Extremfällen beschäftigt sich der Verbitterungsforscher Michael Linden. Im Berliner Rehabilitationszentrum Seehof hat er als Psychiater oft mit arbeitsunfähigen Menschen zu tun. Ein bestimmter Patiententyp fiel ihm immer wieder auf: Die Menschen galten zwar als depressiv, entsprechende therapeutische und medikamentöse Behandlung half ihnen aber nicht weiter. »Diese Patienten weisen Hilfe meist entschieden zurück und hegen einen tiefen Groll gegen die Welt«, erklärt er.

In den Gesprächen stellte sich oft heraus, dass es in ihrem Leben ein als besonders erniedrigend oder ungerecht empfundenes Ereignis gegeben hatte. Als Paradebeispiel nennt Linden die Geschichte einer Kassiererin in einem Supermarkt: Bei einer Kontrollvisite des Supervisors geriet sie unschuldig in den Verdacht, Geld beiseitegeschafft zu haben. Empört lief die Frau aus dem Supermarkt, kündigte ihren Job und verkroch sich in ihrer Wohnung. Ihre Verbitterung ging so tief, dass sie wenige Jahre danach arbeitsunfähig in der Klinik Seehof landete. Linden erinnerte das Krankheitsbild an die posttraumatische Belastungsstörung, an der Menschen noch lange nach einem sehr dramatischen Erlebnis leiden. Analog dazu prägte er den Begriff der »posttraumatischen Verbitterungsstörung«.