Angst, Aggression und Amok Groll gegen die Welt

Verbittert sind die meisten Menschen nur vorübergehend. Bleibt das Gefühl, kann es für Junge und Alte gefährlich werden

Wer verbittert ist, spricht nicht darüber. Trotzdem dringt die Bitterkeit nach außen, sickert durch in kleinen, leise gesprochenen Sätzen wie: »Das darf doch nicht sein.«

Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter hat viele solcher Sätze auf Tonband eingefangen. Seine Aufnahmen entstanden im Auftrag der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, die das Politikverständnis von unterprivilegierten Menschen erfassen wollte.

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Die Stimmen auf den Bändern stammen aus dem unteren Drittel der Gesellschaft. Im Frühjahr wurde die Studie abgeschlossen, die Tonbänder lagern jetzt im Heidelberger Sinus-Institut, mit dem Walter die Studie erstellt hat. Die Aufnahmen hatten nebenbei eine Erkenntnis geliefert, die Soziologen stutzig machen sollte: Verbitterung hat Konjunktur.

Die kleinen Sätze werden in den nächsten Monaten öfter zu hören sein, eine Folge der Wirtschaftskrise. Was die Menschen auf den Tonbändern erzählen, kann fast jeden ereilen: ein unwürdiges Dasein im Alter, in dem keiner fragt, was man zuvor im Leben geschafft hat. Eine Kündigung, die eines Morgens im Briefkasten liegt, oder ein Partner, der verschwindet, kaum dass die Kinder aus dem Haus sind. Die Göttinger Studie zeigt zwar, dass es sozial Benachteiligte häufiger trifft. Aber Bitterkeit gibt schon länger Anlass zur Sorge, in allen Gesellschaftsschichten.

So spielte nach Ansicht von Entwicklungspsychologen Verbitterung eine erhebliche Rolle, als der Gymnasiast Tim K. Anfang März in seine Schule ging und 15 Menschen erschoss. Mit dem Phänomen Verbitterung sind Altenpfleger in deutschen Pflegeheimen täglich konfrontiert. Es kann einen Menschen im schlimmsten Fall so lahmlegen, dass ihm die Kontrolle über sein Leben entgleitet.

Mit Extremfällen beschäftigt sich der Verbitterungsforscher Michael Linden. Im Berliner Rehabilitationszentrum Seehof hat er als Psychiater oft mit arbeitsunfähigen Menschen zu tun. Ein bestimmter Patiententyp fiel ihm immer wieder auf: Die Menschen galten zwar als depressiv, entsprechende therapeutische und medikamentöse Behandlung half ihnen aber nicht weiter. »Diese Patienten weisen Hilfe meist entschieden zurück und hegen einen tiefen Groll gegen die Welt«, erklärt er.

In den Gesprächen stellte sich oft heraus, dass es in ihrem Leben ein als besonders erniedrigend oder ungerecht empfundenes Ereignis gegeben hatte. Als Paradebeispiel nennt Linden die Geschichte einer Kassiererin in einem Supermarkt: Bei einer Kontrollvisite des Supervisors geriet sie unschuldig in den Verdacht, Geld beiseitegeschafft zu haben. Empört lief die Frau aus dem Supermarkt, kündigte ihren Job und verkroch sich in ihrer Wohnung. Ihre Verbitterung ging so tief, dass sie wenige Jahre danach arbeitsunfähig in der Klinik Seehof landete. Linden erinnerte das Krankheitsbild an die posttraumatische Belastungsstörung, an der Menschen noch lange nach einem sehr dramatischen Erlebnis leiden. Analog dazu prägte er den Begriff der »posttraumatischen Verbitterungsstörung«.

Diese Zuspitzung beurteilen Fachleute zurückhaltend. So findet der Schweizer Psychologe Hans-Jörg Znoj, der am Psychologischen Institut der Universität Bern das Phänomen der Verbitterung erforscht, Lindens Diagnose sei zu eng gefasst. »Das Gefühl der Bitterkeit kann aus einer Vielzahl von Kränkungen erwachsen«, sagt er, »aus gescheiterten Lebensentwürfen ebenso wie aus vielen kleinen Erniedrigungen. Da braucht es nicht zwingend ein einzelnes traumatisches Ereignis als Auslöser.« Znoj bestätigt jedoch, dass Verbitterung krankhafte Züge annehmen kann. Ähnlich wie depressive Zustände komme auch das Gefühl der Bitterkeit unterschiedlich stark ausgeprägt vor – angefangen bei der normalen Reaktion auf ein ungerechtes Erlebnis bis hin zu einer Lebenseinstellung, die zur sozialen Isolation führen kann.

Die Grauzone zwischen »normaler« Gefühlslage und ernst zu nehmender Krankheit ist nicht die einzige Parallele zwischen Depression und Verbitterung. Znoj warnt jedoch ausdrücklich davor, beide in einen Topf zu werfen. Er hat ein Modell entwickelt, in dem er die Phänomene gegeneinander abgrenzt. Obwohl in beiden Fällen eine pessimistische Grundeinstellung und Hoffnungslosigkeit vorherrschten, ließen sich Depressionen und chronische Verbitterung klar unterscheiden. »Depressive fühlen sich selbst verantwortlich für ihren Zustand, während Verbitterte die Schuld von sich weisen«, erklärt er. Während depressive Patienten ihre Aggression vornehmlich nach innen richten, gaben viele Verbitterte in den Umfragen des Berner Psychologen an, Hass auf die Welt und auf andere Menschen zu empfinden.

Gefährlich wird es, wenn diese Aggression nach außen durchbricht. Nach Ansicht des Entwicklungspsychologen Jens Hoffmann von der Technischen Universität Darmstadt spielt das Gefühl der Bitterkeit eine entscheidende Rolle bei dem Prozess, der Jugendliche zu Amokläufern macht. Im April hat er eine Studie veröffentlicht, in der er die bisherigen Fälle an deutschen Schulen ausgewertet hat. »Bei allen Tätern gab es im Vorfeld eine Reihe von destabilisierenden Ereignissen«, erklärt er. »Sie haben in der Schule versagt, Freunde verloren oder wurden von Altersgenossen nicht ernst genommen.« Objektiv seien diese Erfahrungen meist gar nicht so schlimm.

»Sie können aber eine große Wirkung entfalten, wenn es sich bei den Jugendlichen um leicht kränkbare Persönlichkeiten mit schwachem Selbstvertrauen handelt«, warnt Hoffmann. Nach und nach führten diese Kränkungen zu einer Schwarz-Weiß-Sicht und zur Isolation, zu dem Mantra »Ich gegen den Rest der Welt«. Die Tat selbst empfänden die Schulschützen schließlich oft als Rache, als Weg, die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Rudolf Egg sieht neben dem wachsenden Hass auf Mitmenschen noch einen weiteren Faktor, der zur Verbitterung führen kann. Der Leiter der kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden ist Spezialist für Amokläufe. »Für Jugendliche ist es eine zentrale Frage, wer eigentlich ihr Leben bestimmt«, sagt er. »Bin ich das selbst, oder haben andere die Kontrolle?« Wenn ein 17-Jähriger die hundertste Bewerbung losschickt und noch keine Antwort bekommen hat, bestärkt dies seinen Eindruck, der eigene Einfluss auf sein persönliches Schicksal sei gering. Damit will Egg die Schulschützen nicht von ihrer Schuld lossprechen, im Gegenteil. »Viele junge Menschen machen schlimme Erfahrungen, das gehört doch zum Erwachsenwerden dazu«, sagt er. »Die Freundin ist weg, oder der Lehrer hat einen auf dem Kieker. Deswegen läuft noch lange nicht jeder Amok.«

Die Schützlinge von Schwester Malina gehören zu einer völlig anderen Klientel als die Fälle der beiden Amokforscher. Als Pflegedienstleiterin in der Hamburger Seniorenresidenz Uhlenhorst hat aber auch sie immer wieder verbitterte Menschen vor sich. »Viele kommen nach einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt zu uns, nachdem sie 30 oder 40 Jahre in ihrer Wohnung gelebt haben«, erzählt sie. »Das ist ein abrupter Verlust von Eigenständigkeit.« Mit der Verbitterung über die eigene Hilflosigkeit geht bei alten Menschen oft Misstrauen einher: Da wird die Zimmernachbarin verdächtigt, im Schrank gewühlt zu haben, oder dem Zivi böser Wille unterstellt, wenn er das Essen bringt.

Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, hält Schwester Malina ebenso wie Egg für einen kritischen Punkt beim Entstehen chronischer Verbitterung. Und genau wie der Kriminalpsychologe hat sie beobachtet, dass diese Erfahrung längst nicht alle Senioren aus der Bahn wirft. »Die meisten gewöhnen sich nach einer Weile an die neue Situation«, sagt sie. Offensichtlich kann Verbitterung zwar in jedem Lebensalter zum ernsthaften Problem werden – sie muss es aber nicht. Egal, ob Teenie, Workaholic oder Rentner: Für die meisten ist das Gefühl nur eine vorübergehende Angelegenheit. Was ist es, das manche Menschen die Klippen des Lebens so mühelos umschiffen lässt, während andere an ihnen zerschellen?

Michael Linden würde sagen: Weisheit. So zumindest nennt der Psychiater die Therapie, mit deren Hilfe er nach eigener Aussage schon vielen der zuvor renitenten Patienten in der Klinik Seehof helfen konnte. Linden trainiert dafür zum Beispiel mit den Patienten, sich in die Rolle der Menschen hineinzuversetzen, die außer ihnen noch an der traumatischen Situation beteiligt waren. Am Ende sollen die Verbitterten gelernt haben, sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden.

Das Prinzip klingt erstaunlich einfach – zu einfach nach Ansicht von Frieder Lang, der sich an der Universität Erlangen als Psychogerontologe mit der Bewältigung von Misserfolgen beschäftigt. »Es kann nicht sein, dass man diese Menschen nur auf ein einziges Ereignis hin therapiert«, sagt er. »Wer so verzweifelt und resigniert ist, dass er einen Psychiater braucht, bei dem ist viel schief gegangen. Da würde ich auf eine Vielzahl von möglichen Ursachen schauen, auf die Persönlichkeit und den Familienhintergrund.« Bei der Therapie könne man sich zudem nicht auf einen einfachen Perspektivwechsel beschränken, sondern müsse mit dem Patienten auch daran arbeiten, seine Lebenssituation zu verändern.

Wie das in der Praxis aussehen kann, erlebt Pflegedienstleiterin Malina jeden Tag. Selbst wenn jemand bettlägerig sei, erklärt sie, könne er noch gestaltend auf die Umwelt einwirken, und sei es nur über die Beziehung zu anderen Menschen. »Wenn ein alter Mensch merkt, dass er auch im Pflegeheim noch Kontrolle über manche Bereiche seines Lebens ausübt, kann das schon sehr helfen«, bestätigt Frieder Lang. Der Kriminologe Rudolf Egg ist überzeugt, dass es auch bei verbitterten Jugendlichen gelingen kann, sie aus ihrer Frustration und Hilflosigkeit herauszuholen. »Man muss sie da erwischen, wo es noch Interessen gibt, über den Sport, bei irgendeinem Hobby«, sagt er.

Funktioniert das, ist damit am Ende allen gedient. Denn wer in seinem Leben mehrere Krisen erfolgreich übersteht, entwickelt schließlich eine Fähigkeit, die Psychologen »Resilienz« nennen: die Kunst, sich nach einem Rückschlag wieder zu berappeln.

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Leser-Kommentare
  1. "Am Ende sollen die Verbitterten gelernt haben, sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden."
    Sicher kommt es im Leben zu unabwendbaren Ereignissen, etwa Krankheit und Verlust, denen man sich fügen muß.
    Es ist gut und richtig, Menschen in einer solchen Lage zu begleiten.
    Das Zitat kann allerdings als Empfehlung mißdeutet werden, sich mit erlittenem Unrecht abzufinden und es durch Therapie zu privatisieren. Das aber darf nicht sein.
    Das Recht und die gegenseitige Achtung hochzuhalten bleibt eine unverzichtbare Forderung an uns alle.

  2. Linden trainiert dafür zum Beispiel mit den Patienten, sich in die Rolle der Menschen hineinzuversetzen, die außer ihnen noch an der traumatischen Situation beteiligt waren. Am Ende sollen die Verbitterten gelernt haben, sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden.

    Klingt erstmal gut. Wenn man sich dann aber die wissenschaftlichen Arbeiten z.B. von einer der Koryphäen dieser Therapieform (nota bene: nicht der obig zitierte Prof. Linden) anguckt liest man u.a. folgendes; Zitat :
    Ein Mädchen von noch nicht zehn Jahren erlebe bei seiner
    Vergewaltigung durch den Vater einen 'sexuell erregenden Triumph' über
    seine Mutter. Die erwachsene Frau, die wegen dieses Ereignisses unter
    schweren Depressionen leidet, müsse lernen, ihre 'Schuld' zu
    'tolerieren'.

    Da stellen sich dem geneigten Leser zwei Fragen:
    1) Könnte die Verbitterung nicht u.a. daherrühren, dass Ihnen ein Therapeut laufend klar machen möchte, dass Kinder an dem sexuellem Missbrauch ihrer selbst Schuld sind?
    2) Liegt die vermeintliche 'untherapierbarkeit' von Sexualstraftätern in den Forensiken der Welt nicht vielleicht daran liegt, dass Ihnen der Therapeut die Sinnigkeit ihres Handelns nahelegt?

    Dieselbe Koryphäe schreibt weiter:
    Wir müssen uns also mit dem Kommandanten des Konzentrationslagers,
    mit dem Folterer in der Diktatur, mit dem inzestuösen Vater, mit der
    sadistischen Mutter identifizieren können. Wir müssen so auch die Lust
    verspüren am Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu werfen, die Lust
    sadistische Aggressionen zu verspüren, denn die Bereitschaft dafür
    haben wir alle in unserem Unbewußten.

    Nur gut das der Mensch Amerikanischer Staatsbürger ist, ansonsten läge der Verdacht eines Alt-Nazis, der die Taten eines KZ-Kommandanten rechtfertigen möchte, sehr nahe.

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    • E.T.
    • 26.08.2009 um 0:27 Uhr

    Quelle? Ich verstehe nicht worauf du damit hinaus willst.

    zum ersten Zitat:
    auch wenn aus dem Zusammenhang gerissen; wo ist das Problem? Man therapiert das was da ist. Der Therapeut soll auch kein moralischer Welterklärer sein. Es reicht doch erstmal die Menschen soweit zu stabilisieren, dass sie wieder Einsichtsfähig werden.

    zum zweiten Zitat:
    sehr krude Argumentation von dir. Was spricht dagegen den Menschen verstehen zu wollen? Dazu gehört, zu versuchen, auch Einiges nachzufühlen.

    • E.T.
    • 26.08.2009 um 0:27 Uhr

    Quelle? Ich verstehe nicht worauf du damit hinaus willst.

    zum ersten Zitat:
    auch wenn aus dem Zusammenhang gerissen; wo ist das Problem? Man therapiert das was da ist. Der Therapeut soll auch kein moralischer Welterklärer sein. Es reicht doch erstmal die Menschen soweit zu stabilisieren, dass sie wieder Einsichtsfähig werden.

    zum zweiten Zitat:
    sehr krude Argumentation von dir. Was spricht dagegen den Menschen verstehen zu wollen? Dazu gehört, zu versuchen, auch Einiges nachzufühlen.

    • E.T.
    • 26.08.2009 um 0:27 Uhr
    3. ähm?

    Quelle? Ich verstehe nicht worauf du damit hinaus willst.

    zum ersten Zitat:
    auch wenn aus dem Zusammenhang gerissen; wo ist das Problem? Man therapiert das was da ist. Der Therapeut soll auch kein moralischer Welterklärer sein. Es reicht doch erstmal die Menschen soweit zu stabilisieren, dass sie wieder Einsichtsfähig werden.

    zum zweiten Zitat:
    sehr krude Argumentation von dir. Was spricht dagegen den Menschen verstehen zu wollen? Dazu gehört, zu versuchen, auch Einiges nachzufühlen.

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    Quelle sind die Arbeiten des allseits geschätzten Otto Kernenberg. Und ja, selbstverständlich sind die Zitate aus dem Kontext gerissen. Der Kontext ist aber in einer kausalen Logik nur die Ursache, dennoch spricht u.U. die nackte Folge, das Ergebnis, für sich.

    Will man den allen Ernstes den Kindern die heute sexuell missbraucht werden und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in Zukunft therapiebedürftig sind, ihren Triumph beispielsweise über ihre Mütter vorhalten? Wenn das wirklich ein Triumph ist, wozu verurteilen wir dann noch diejenigen die diesen Triumph erst ermöglicht haben? Stringent fortgedacht müssten Kinderschänder eine Gratifikation für ihre Taten erhalten.

    Man therapiert was da ist? Ja was ist denn da? Ein stilles unbewusstes Bewusstsein für einen Triumph? Oh weh. Da wundert es mich nicht, dass ein neues Syndrom, das der Verbitterung, in ICD & DSM aufgenommen werden muss.

    Selbstverständlich soll der Therapeut kein Welterklärer auf Kassenkosten sein. Nur führen derartige psychodynamische Konfrontationstechniken wie jüngere Studien belegen nicht selten zu einer langfristigen Verschlechterung, ganz konkret aufgrund von Retraumatisierungen. Selbstverständlich kann sich der Therapeut seines Erfolg rühmen. Wenn jemand von mir etwas verlangt und dabei nur kräftig genug die Peitsche schwingt -ganz gleich wie absurd die Situation ist-, werde ich ihm jeden Wunsch erfüllen.
    Nur ist das u.U. kein nachhaltiger Erfolg. Insofern sollte es nicht verwundern, dass die Therapie-Erfolge bei PTBS oder in jüngerer Zeit diskutierten komplexen-PTBS sich eher bescheiden ausnehmen.

    Das zweite Zitat und folgendes mag krude erscheinen. Selbstverständlich spricht absolut nichts dagegen etwas verstehen zu wollen. Aber, man muss sich dabei vorsehen und immer mit hoher Trennschärfe 'nachvollziehen' und 'rechtfertigen' differenzieren.
    Wenn aber wie im ersten Zitat der sexuelle Missbrauch durch einen Vater dem Opfer als Triumph über die Mutter ausgelegt wird, dann ist die Grenze zur Rechtfertigung sattsam überschritten. Das Opfer wird neuerlich zum Opfer gemacht, einzig weil es bereits Opfer ist. Dann aber liegt der Verdacht nahe, dass die notwendige Differenzierung im zweiten Fall u.U. ebenso nicht gelingt.

    Quelle sind die Arbeiten des allseits geschätzten Otto Kernenberg. Und ja, selbstverständlich sind die Zitate aus dem Kontext gerissen. Der Kontext ist aber in einer kausalen Logik nur die Ursache, dennoch spricht u.U. die nackte Folge, das Ergebnis, für sich.

    Will man den allen Ernstes den Kindern die heute sexuell missbraucht werden und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in Zukunft therapiebedürftig sind, ihren Triumph beispielsweise über ihre Mütter vorhalten? Wenn das wirklich ein Triumph ist, wozu verurteilen wir dann noch diejenigen die diesen Triumph erst ermöglicht haben? Stringent fortgedacht müssten Kinderschänder eine Gratifikation für ihre Taten erhalten.

    Man therapiert was da ist? Ja was ist denn da? Ein stilles unbewusstes Bewusstsein für einen Triumph? Oh weh. Da wundert es mich nicht, dass ein neues Syndrom, das der Verbitterung, in ICD & DSM aufgenommen werden muss.

    Selbstverständlich soll der Therapeut kein Welterklärer auf Kassenkosten sein. Nur führen derartige psychodynamische Konfrontationstechniken wie jüngere Studien belegen nicht selten zu einer langfristigen Verschlechterung, ganz konkret aufgrund von Retraumatisierungen. Selbstverständlich kann sich der Therapeut seines Erfolg rühmen. Wenn jemand von mir etwas verlangt und dabei nur kräftig genug die Peitsche schwingt -ganz gleich wie absurd die Situation ist-, werde ich ihm jeden Wunsch erfüllen.
    Nur ist das u.U. kein nachhaltiger Erfolg. Insofern sollte es nicht verwundern, dass die Therapie-Erfolge bei PTBS oder in jüngerer Zeit diskutierten komplexen-PTBS sich eher bescheiden ausnehmen.

    Das zweite Zitat und folgendes mag krude erscheinen. Selbstverständlich spricht absolut nichts dagegen etwas verstehen zu wollen. Aber, man muss sich dabei vorsehen und immer mit hoher Trennschärfe 'nachvollziehen' und 'rechtfertigen' differenzieren.
    Wenn aber wie im ersten Zitat der sexuelle Missbrauch durch einen Vater dem Opfer als Triumph über die Mutter ausgelegt wird, dann ist die Grenze zur Rechtfertigung sattsam überschritten. Das Opfer wird neuerlich zum Opfer gemacht, einzig weil es bereits Opfer ist. Dann aber liegt der Verdacht nahe, dass die notwendige Differenzierung im zweiten Fall u.U. ebenso nicht gelingt.

  3. Quelle sind die Arbeiten des allseits geschätzten Otto Kernenberg. Und ja, selbstverständlich sind die Zitate aus dem Kontext gerissen. Der Kontext ist aber in einer kausalen Logik nur die Ursache, dennoch spricht u.U. die nackte Folge, das Ergebnis, für sich.

    Will man den allen Ernstes den Kindern die heute sexuell missbraucht werden und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in Zukunft therapiebedürftig sind, ihren Triumph beispielsweise über ihre Mütter vorhalten? Wenn das wirklich ein Triumph ist, wozu verurteilen wir dann noch diejenigen die diesen Triumph erst ermöglicht haben? Stringent fortgedacht müssten Kinderschänder eine Gratifikation für ihre Taten erhalten.

    Man therapiert was da ist? Ja was ist denn da? Ein stilles unbewusstes Bewusstsein für einen Triumph? Oh weh. Da wundert es mich nicht, dass ein neues Syndrom, das der Verbitterung, in ICD & DSM aufgenommen werden muss.

    Selbstverständlich soll der Therapeut kein Welterklärer auf Kassenkosten sein. Nur führen derartige psychodynamische Konfrontationstechniken wie jüngere Studien belegen nicht selten zu einer langfristigen Verschlechterung, ganz konkret aufgrund von Retraumatisierungen. Selbstverständlich kann sich der Therapeut seines Erfolg rühmen. Wenn jemand von mir etwas verlangt und dabei nur kräftig genug die Peitsche schwingt -ganz gleich wie absurd die Situation ist-, werde ich ihm jeden Wunsch erfüllen.
    Nur ist das u.U. kein nachhaltiger Erfolg. Insofern sollte es nicht verwundern, dass die Therapie-Erfolge bei PTBS oder in jüngerer Zeit diskutierten komplexen-PTBS sich eher bescheiden ausnehmen.

    Das zweite Zitat und folgendes mag krude erscheinen. Selbstverständlich spricht absolut nichts dagegen etwas verstehen zu wollen. Aber, man muss sich dabei vorsehen und immer mit hoher Trennschärfe 'nachvollziehen' und 'rechtfertigen' differenzieren.
    Wenn aber wie im ersten Zitat der sexuelle Missbrauch durch einen Vater dem Opfer als Triumph über die Mutter ausgelegt wird, dann ist die Grenze zur Rechtfertigung sattsam überschritten. Das Opfer wird neuerlich zum Opfer gemacht, einzig weil es bereits Opfer ist. Dann aber liegt der Verdacht nahe, dass die notwendige Differenzierung im zweiten Fall u.U. ebenso nicht gelingt.

    Antwort auf "ähm?"
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    Sie greifen sich einzelne Aussagen heraus (die Sache mit dem Triumph) und verallgemeinern das zu einer Kritik des Ganzen. Zugegeben ganz toll formuliert...
    Man sollte Dinge nicht verurteilen nur weil man sie nicht versteht oder das eig. Bewusstsein kein Zugang hat... (z.B. das immerwieder umstrittene Unbewusste) Und einfach zu sagen "haben Studien widerlegt." naja...

    Sie greifen sich einzelne Aussagen heraus (die Sache mit dem Triumph) und verallgemeinern das zu einer Kritik des Ganzen. Zugegeben ganz toll formuliert...
    Man sollte Dinge nicht verurteilen nur weil man sie nicht versteht oder das eig. Bewusstsein kein Zugang hat... (z.B. das immerwieder umstrittene Unbewusste) Und einfach zu sagen "haben Studien widerlegt." naja...

  4. 5. ...

    Sie greifen sich einzelne Aussagen heraus (die Sache mit dem Triumph) und verallgemeinern das zu einer Kritik des Ganzen. Zugegeben ganz toll formuliert...
    Man sollte Dinge nicht verurteilen nur weil man sie nicht versteht oder das eig. Bewusstsein kein Zugang hat... (z.B. das immerwieder umstrittene Unbewusste) Und einfach zu sagen "haben Studien widerlegt." naja...

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    Das Haltung pars pro toto sollte bekannt sein. Zudem sollten sie sich auch mal die Fragen stellen, die die anderen Diskutanten aufwerfen. Wieso gibt es beispielsweise bei Psychosen eigentlich eine weltweit annähernde Gleichverteilung, aber eine Bulimia nervosa nur in reichen Ländern?

    D.h. diese 'Therapie' ist aus zwei Gründen zweifelhaft:
    - Einmal wegen ihrer Methoden. Menschen als Problem abzustempeln, obwohl das eigentliche Problem mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Gesellschaft liegt.
    - Zum dritten weil sich die Erfolge sehr bescheiden ausnehmen, insbesondere bei der komplexen PTBS regelmässig nur in partieller Symptom-Reduktion mündet. Wenn sie sich beispielsweise die Borderline Thematik anschauen sehen sie regelmässig, dass nur Symptome der Symptome 'therapiert' werden - wiederrum nur das was die Gesellschaft stört. Symptome erster Ordnung zu reduzieren oder gar echte Heilung sehen sie dagegen nicht. Als wenn einem ein Zahnarzt einen Pürierstab schenkt, damit man mit faulen Zähnen immer noch alles essen kann...

    Vor letzterem mir vorzuwerfen ich würde vom 'Unterbewusstsein' nichts verstehen, welches ich nie in irgendeinen Zweifel gezogen habe, ist albern. Vielmehr müssen sich die hochbezahlten Experten für das Unbewusste fragen lassen, warum ihre Erfolge nur bescheiden sind, wo sie doch so viel verstehen.

    Das Haltung pars pro toto sollte bekannt sein. Zudem sollten sie sich auch mal die Fragen stellen, die die anderen Diskutanten aufwerfen. Wieso gibt es beispielsweise bei Psychosen eigentlich eine weltweit annähernde Gleichverteilung, aber eine Bulimia nervosa nur in reichen Ländern?

    D.h. diese 'Therapie' ist aus zwei Gründen zweifelhaft:
    - Einmal wegen ihrer Methoden. Menschen als Problem abzustempeln, obwohl das eigentliche Problem mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Gesellschaft liegt.
    - Zum dritten weil sich die Erfolge sehr bescheiden ausnehmen, insbesondere bei der komplexen PTBS regelmässig nur in partieller Symptom-Reduktion mündet. Wenn sie sich beispielsweise die Borderline Thematik anschauen sehen sie regelmässig, dass nur Symptome der Symptome 'therapiert' werden - wiederrum nur das was die Gesellschaft stört. Symptome erster Ordnung zu reduzieren oder gar echte Heilung sehen sie dagegen nicht. Als wenn einem ein Zahnarzt einen Pürierstab schenkt, damit man mit faulen Zähnen immer noch alles essen kann...

    Vor letzterem mir vorzuwerfen ich würde vom 'Unterbewusstsein' nichts verstehen, welches ich nie in irgendeinen Zweifel gezogen habe, ist albern. Vielmehr müssen sich die hochbezahlten Experten für das Unbewusste fragen lassen, warum ihre Erfolge nur bescheiden sind, wo sie doch so viel verstehen.

  5. "Am Ende sollen die Verbitterten gelernt haben, sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden."

    Wer sagt denn das die Ursachen der Verbitterung unvermeidbar sind?

    Vielleicht sollten sich Psychologen einmal genauso engagiert dafür einsetzen, gegen die Kultur der Demütigung anzugehen, die sich in diesem Land unter dem Deckmantel eines verqueren Leistungsbegriffs breit gemacht hat.

    Abfinden kann niemals eine Lösung sein.

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    Die Ursachen der Verbitterung SIND z.T. unvermeidbar. Ein schwaches Selbstwertgefühl "entsteht" bereits in der Kindheit. Es ist eine Illusion zu glauben Eltern/Erziehung/Gruppenbildung und Vergleiche unter Kindern und Jugendlichen etc.etc. so beeinflussen zu können, dass jeder selbstbewusst wird (was die wenigstens wirklich sind). Und wie bitte sollen Psychologen da was ändern. Die können das höchstens ein Individuum unterstützen. Leisten muss jeder seinen Beitrag. Sich nämlich SELBSTBEWUSST dem Leistungsdruck entgegenzustellen.

    Die Ursachen der Verbitterung SIND z.T. unvermeidbar. Ein schwaches Selbstwertgefühl "entsteht" bereits in der Kindheit. Es ist eine Illusion zu glauben Eltern/Erziehung/Gruppenbildung und Vergleiche unter Kindern und Jugendlichen etc.etc. so beeinflussen zu können, dass jeder selbstbewusst wird (was die wenigstens wirklich sind). Und wie bitte sollen Psychologen da was ändern. Die können das höchstens ein Individuum unterstützen. Leisten muss jeder seinen Beitrag. Sich nämlich SELBSTBEWUSST dem Leistungsdruck entgegenzustellen.

  6. 7. ...

    Die Ursachen der Verbitterung SIND z.T. unvermeidbar. Ein schwaches Selbstwertgefühl "entsteht" bereits in der Kindheit. Es ist eine Illusion zu glauben Eltern/Erziehung/Gruppenbildung und Vergleiche unter Kindern und Jugendlichen etc.etc. so beeinflussen zu können, dass jeder selbstbewusst wird (was die wenigstens wirklich sind). Und wie bitte sollen Psychologen da was ändern. Die können das höchstens ein Individuum unterstützen. Leisten muss jeder seinen Beitrag. Sich nämlich SELBSTBEWUSST dem Leistungsdruck entgegenzustellen.

    Antwort auf "Kultur der Demütigung"
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    ... ich erinnere mich an einen Zeit-Artikel, in dem die Schule als Beschämungsanstalt thematisiert wurde, in der es nicht darum geht, den Kindern etwas beizubringen, sondern ihnen immer nur zu zeigen, wie blöd sie noch sind (etwas plakativ zusammengefasst). Jedenfalls musste ich bei dem Satz "... Gefühl der Bitterkeit eine entscheidende Rolle bei dem Prozess, der Jugendliche zu Amokläufern" spontan daran denken und ich kann mir schon vorstellen, dass die Art des Umgangs mit Jugendlichen in den Schulen ein wichtiger Verstärker ist. Kann ja sein, dass sich inzwischen da so manches gebessert hat, aber ich erinnere mich an unserem Physiklehrer, der jede Stunde damit begann einen Schüler an der Tafel vor allen anderen erstmal fertig zu machen, mit so Beschimpfungen wie "Ihnen sollte man einen Genickschuss verpassen". Dieser Lehrer war nur der Höhepunkt, Schule habe ich aber immer eher als Beschämung, denn als Bildung erlebt. Das ist ein Problem, dass man nicht an den einzelnen Schüler zurückverweisen kann, nach dem Motto: So ist das Leben nunmal, da musst Du durch.

    ... ich erinnere mich an einen Zeit-Artikel, in dem die Schule als Beschämungsanstalt thematisiert wurde, in der es nicht darum geht, den Kindern etwas beizubringen, sondern ihnen immer nur zu zeigen, wie blöd sie noch sind (etwas plakativ zusammengefasst). Jedenfalls musste ich bei dem Satz "... Gefühl der Bitterkeit eine entscheidende Rolle bei dem Prozess, der Jugendliche zu Amokläufern" spontan daran denken und ich kann mir schon vorstellen, dass die Art des Umgangs mit Jugendlichen in den Schulen ein wichtiger Verstärker ist. Kann ja sein, dass sich inzwischen da so manches gebessert hat, aber ich erinnere mich an unserem Physiklehrer, der jede Stunde damit begann einen Schüler an der Tafel vor allen anderen erstmal fertig zu machen, mit so Beschimpfungen wie "Ihnen sollte man einen Genickschuss verpassen". Dieser Lehrer war nur der Höhepunkt, Schule habe ich aber immer eher als Beschämung, denn als Bildung erlebt. Das ist ein Problem, dass man nicht an den einzelnen Schüler zurückverweisen kann, nach dem Motto: So ist das Leben nunmal, da musst Du durch.

    • Isaidy
    • 26.08.2009 um 12:57 Uhr

    sind Begriffe, die man stark relativieren muss. Verbitterung, Frustration entsteht, wenn man den Maßstäben nicht gerecht wird, die andere, die eine Gesellschaft, die Familie oder Freunde an einen legen. Unsere Gesellschaft neigt sehr zum Leistungsprinzip, man ist nur wer, wenn man Erfolg hat, der wiederum misst sich vorrangig in Wohlstand und Geld. Betrachtet man alte Menschen in z.B. Afrika wird man dieses "Krankheitsbild" nicht finden, denn alte Menschen werden dort bis zum Tod in die Gesellschaft integriert, übernehmen Aufgaben, haben Verantwortung .... sind etwas wert, man erkennt an, was sie im Leben geleistet haben und man gibt ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden. Der alte Mensch wird nicht nach dem Kosten-/Nutzen-Prinzip abgehandelt und abgeschoben. Frustration und Verbitterung entstehen dort, wo der wahre Wert eines Menschen nicht anerkannt oder missachtet wird und dieser Wert wird hierzulande an der vermeintlichen Leistungsfähigkeit gemessen, dass beginnt schon in der Schule und zieht sich durch das ganze Leben. Qualitäten wie soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz, Mitgefühl, Offenheit finden keine Beachtung und werden schlicht nicht bewertet oder gar negativ ausgelegt. Sofern unsere Gesellschaft den Rahmen für "Leistungsfähigkeit = Wert eines Menschen" derartig definiert, wird es immer Menschen geben, die an diesem Maßstab scheitern und zerbrechen, weil ihre Qualitäten auf anderen Gebieten liegen, die niemanden interessieren, sie aber nicht minder wertvoll machen. Letztendlich ist es ein Zeugnis über die Ignoranz einer Gesellschaft, wenn sie derartige Charaktere in die Isolation treibt.

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