»Kommt casual«, hatte es geheißen. Doch das Wort scheint im Vokabular libanesischer Frauen nicht zu existieren. Ich bin die Einzige, die in Turnschuhen über die Gangway auf die Jacht spaziert, vor und hinter mir das Klackklack von Stilettos, die natürlich zu hauchdünnen Abendkleidern und nackten Schultern getragen werden. Unmöglich, in Beirut overdressed zu sein. Das Gegenteil passiert mir leider ständig.

Die Kellner reichen erste Drinks, während die Gäste sich auf weiße Sitzlandschaften über die drei Decks der Blue Dawn verteilen. Um neun sollten wir aus der Marina auslaufen, um halb elf versichert der Kapitän, gleich gehe es wirklich los. Doch wen stört’s, wir sind in Beirut, das Mitteldeck ist längst zur Disco umfunktioniert, der frisch gewählte Parlamentsabgeordnete plaudert mit dem Textilfabrikanten, der gerade für den kurdischen Premierminister Massud Barsani eine halbe Million T-Shirts und Halsbänder fertigen ließ. Ohnehin wird es ja nur eine Fahrt durch die Nacht, ersonnen von einem findigen Unternehmer, der die profitable Partyszene von Beirut hinaus ins Meer verlängert. Um kurz vor elf ändert sich der Rhythmus, Tanzpop weicht metallischem Trommeln, das übergeht in kalte Technobeats. Eine raue Stimme brüllt: »Beirut never retreats! Beirut never surrenders!« Dann setzt sich das Schiff in Bewegung.

Diesen Sommer könnte er wahr werden, der Traum von der Boomtown Beirut. Die Hotels sind ausgebucht, die Strände und Nachtklubs voll. CNN kürte Beirut zur besten Partystadt der Welt, die New York Times wählte die Stadt zum Muss-Reiseziel Nummer eins für 2009, und die UN steuerten noch den Titel »Welthauptstadt des Buches 2009« bei. Jedes Wochenende legt irgendwo ein international bekannter DJ auf, öffnen ein neuer Klub, ein neues Restaurant – und weit und breit ist kein Krieg in Sicht. Die üblichen Streitereien zwischen Israel , Hisbollah und UN flackern durch die Nachrichten, aber das Großwetterbild zeigt: Frieden.

Gelingt Beirut im Jahr 2009, zwanzig Jahre nach dem Ende eines der mörderischsten Bürgerkriege des 20. Jahrhunderts, der Sprung in die Normalität? Kann die Stadt endlich wieder anknüpfen an ihre goldene Zeit, an die glamourösen sechziger Jahre, als Ava Gardner und Elizabeth Taylor an der Corniche badeten und der Name Beirut für Eleganz, Lebenslust und intellektuelle Debatten stand und noch nicht zum Synonym geronnen war für sinnloses Morden, Geiseldramen und Autobomben?

Der Traum schien schon einmal zum Greifen nah, 2006. Der Sommer vor drei Jahren sollte Beirut nach Jahren der Instabilität, aber auch des ambitionierten Wiederaufbaus als Charme-Metropole wider alle Chancen etablieren. Als die Ausnahme im Nahen Osten, Fluchtpunkt für Künstler, Schriftsteller, Zensurmüde, Strandhungrige, Schwule, Nachtschwärmer und Bonvivants. Als ein reales Utopia, das zeigt, dass 18 verschiedene Konfessionen eben doch friedlich und tolerant miteinander leben können.

Nach einem katastrophalen Jahr 2005, das mit dem Mord am ehemaligen Premierminister Rafiq al-Hariri im Februar begann und, viele politische Morde später, mit dem Abzug der letzten syrischen Truppen aus dem Libanon im Dezember endete, herrschte Aufbruchstimmung. Tausende, vor allem junge Demonstranten hatten den Besatzern, den Mördern, der Welt mit ihrer friedlichen »Zedernrevolution« gezeigt, dass Beirut nicht kleinzukriegen war, egal, wie viele Tonnen Sprengstoff auf den Straßen detonierten. Beirut weicht nie zurück, Beirut gibt niemals auf.

Aber dann kam, wie so oft in Beirut, alles anders. Hisbollah entführte zwei israelische Soldaten, am 12. Juli flogen die ersten Kampfjets über den Libanon, und der Traum vom Boom verglühte in 33 Tagen Krieg. Eben noch in Partylaune, sahen die Libanesen von einem Tag auf den anderen dem Abzug von Tausenden Ausländern zu. Allein die deutsche Botschaft verhalf in der größten Evakuierungsaktion seit dem Zweiten Weltkrieg 6300 Menschen zur Ausreise. Mehr als 1200 Tote und Schäden in Milliardenhöhe waren die Bilanz eines kurzen Sommers verfrühter Euphorie. Im November 2006 schlug Hisbollah ein Protestlager in der Innenstadt auf, um die in ihren Augen korrupte und westhörige Regierung unter Premierminister Fuad Siniora zum Rücktritt zu zwingen. 18 Monate Belagerung trieben dem restaurierten Zentrum das gerade erblühende Leben schnell wieder aus. Die Spannung zwischen den beiden politischen Lagern entlud sich im Mai 2008 in heftigen Straßenkämpfen und Schießereien, als Hisbollah Westbeirut im Handstreich einnahm. Analysten sahen Beirut bereits am Rande eines neuen Bürgerkriegs. Doch nach einer blutigen Woche mit mehr als 80 Toten schreckten alle Seiten noch einmal vom Abgrund zurück. Nach dem Muskelspiel von Hisbollah beendete ein unter der Ägide der arabischen Außenminister verhandeltes Abkommen das Tauziehen um die Macht: Eine nationale Einheitsregierung ebnete den Weg für Parlamentswahlen im Juni 2009. Die verliefen ohne größere Zwischenfälle, über das Kabinett unter dem neuen Premierminister Saad al-Hariri wird derzeit verhandelt.