Kein anderes Land der Erde exportiert so viele Äpfel wie Frankreich. Seit zwei Wochen kullern sie tonnenweise über die Straßen unseres Nachbarn, bis dass der Ferienverkehr stockt. Protest! Wieder einmal geht es den Landwirten um Subventionen, diesmal allerdings wehren sie sich dagegen, Beihilfen zurückzahlen zu müssen. Die Europäische Kommission beziffert die Summe auf 500 Millionen Euro, Zinsen eingeschlossen, die Frankreichs Obst- und Gemüseproduzenten dem Staat erstatten sollen. Was sie nicht tun werden. Stattdessen kündigen sie Widerstand an, und das bedeutet in Frankreich mehr als in Deutschland; der Bauer ist ein politisches Symbol, er steht für die konservative Provinz, und wenn er sich erhebt, zittern die Regierenden. Zumal wenn sie der Rechten angehören. Auf Nicolas Sarkozy kommen Herbstgewitter zu.

Zehn Jahre lang, von 1992 bis 2002, habe Frankreich seine Obst- und Gemüsebauern gegen die Regeln der EU unterstützt, heißt es in Brüssel. Beihilfen, die für Missernten und andere Notfälle gedacht waren, seien in die Werbung geflossen, hätten den Export gefördert oder Investitionen erleichtert. Auf diese Weise seien Frankreichs Landwirte in den Genuss von Konkurrenzvorteilen gekommen, die ihnen nicht zugestanden hätten.

Interessanterweise bestreitet das selbst die Agrarlobby nicht. Stattdessen führt sie das moralisch fragwürdige Argument an, dass Frankreichs Regierung das Problem von Anfang an gekannt habe, weshalb sie die Begünstigten nicht zur Rückzahlung zwingen dürfe. Schon gar nicht jetzt, in der Krise, in der ohnehin vielen Betrieben die Pleite ins Haus stehe.

Es stimmt schon, dass rechte wie linke Regierungen über Jahre hinweg wissentlich die regelwidrigen Beihilfen zahlten, doch gelandet ist das Geld nun einmal in den Kassen der Empfänger. Und wenn ihre Regierung die Wiederherstellung des Status quo ante am Markt bis heute hinauszögern konnte, dann sollten die Beschenkten nicht auch noch darüber jammern, ausgerechnet jetzt rangenommen zu werden. Zumal daran erinnert werden muss, dass Frankreichs Landwirtschaft je nach Berechnungsmethode ohnehin schon 10 bis 15 Milliarden Euro Subventionen pro Jahr kassiert – nicht gerechnet die indirekten Unterstützungen, etwa durch administrierte Einkaufspreise der Supermärkte.

Noch demagogischer ist das Argument der Lobby, Frankreichs Landwirte seien zugleich Naturschützer und müssten gegen die Billigkonkurrenz der ausländischen Agrarindustrie verteidigt werden. Auf diese Weise wird eine Nationalideologie in Wallung gebracht, die ziemlich verbreitet ist. Allen Statistiken zum Trotz, die den Konzentrationsprozess auf dem Lande zeigen, stellt sich der französische Städter die Welt jenseits seiner Agglomerationen gern als idyllischen Bauernhof vor, der die guten Sachen produziert. Und zitiert den Bauernmarkt in seiner Nachbarschaft, der gerade wieder die wunderbarsten Tomaten anböte. Schon richtig. Aber eben nur teilweise. Die andere Wirklichkeit ist die der industriellen Landwirtschaft. Etwa in der Bretagne, an deren Küste dermaßen viel Nitrat ins Meer gerät, dass es sich zurzeit algengrün färbt. Verrottet die Algenpest an Land, gibt sie giftige Gase ab; sie töteten vor wenigen Tagen am Strand von Saint-Michel-en-Grève ein Pferd, und der Reitersmann musste ins Krankenhaus.

Mit Ökologie jedenfalls hatten die Subventionen nichts zu tun. Sie verzerrten den Markt und müssen rückgängig gemacht werden. Fälligkeitsdaten sind freilich immer unangenehm. Unmittelbar vor der Europawahl dieses Jahres forderte Brüssel die Franzosen unmissverständlich auf, nun endlich Klarschiff zu machen. Dem damaligen Landwirtschaftsminister Michel Barnier, Spitzenkandidat des Regierungsbündnisses und Aspirant auf hohe Ämter in der EU, gelang es mit knapper Not, das Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Es hätte ihm den Sieg vermasselt.