Wie praktisch, dass es zu jedem Thema ein Standardwerk gibt! Das 1974 erschienene Buch Film als subversive Kunst von dem New Yorker Filmpublizisten Amos Vogel ist ein Kompendium des Radikalen, Schrägen, Abartigen, Blasphemischen, Umstürzlerischen, Gewalttätigen und Pornografischen im Kino. In einem wahrhaft subversiven Film, so Vogels Feststellung, müssen Form, Inhalt und (Tabu)Bruch zueinanderfinden.

Und wie praktisch, dass die Geschichte des subversiven Kinos auch einen Meilenstein parat hat: Ein andalusischer Hund (1929) von Luis Buñuel und Salvador Dalí, der nicht nur wegen seiner surrealen, allein der Traumlogik verpflichteten Erzählweise subversiv ist, sondern durch deren Verbindung mit einer bis heute kaum zu ertragenden, an Urängsten rührenden Grenzüberschreitung – den Rasierklingenschnitt durch das Auge eines Mädchens.

Es gibt nur wenige zeitgenössische Filmemacher, für die Subversion eben nicht nur ein Gestus, sondern auch ein bewusster ästhetischer Akt der Unterwanderung ist. Zum Beispiel Bruce La Bruce und Herbert Achternbusch – der eine kanadischer Undergroundfilmer und ehemaliger Schwulenpornostar, der andere ein fast verstummter Gigant des deutschen Autorenkinos.

In seinen »Agit-Porn-Filmen« kreuzt Bruce La Bruce Elemente des Schwulenpornos mit Geschlechter- und Gesellschaftssatiren. Sein über weite Strecken Unterwandnur mit Schwarz-Weiß-Stills arbeitendes elegisches Filmtagebuch No Skin off my Ass handelt von einem schwulen Friseur, der einem Skinhead verfällt und ihn auf sanfte Weise zum devoten Diener erzieht. In einer emblematischen Liebesszene leckt der Skin seinem Herrn die Stiefel und anderes, während aus dem Off das Deutschlandlied erklingt. Mit The Raspberry Reich , einer Polit-Porno-Satire, deren Figuren wie auf Podiumsdiskussionen der siebziger Jahre sprechen, eröffnet Bruce La Bruce dem deutschen Linksextremismus gar die Möglichkeit, sich über unsere sexuelle Gegenwart zu modernisieren. Unter Führung einer Amazone namens Gudrun gelangen junge Männer hier durch befreiten schwulen Sex schnurstracks zum Umsturz: »My boyfriend is the revolution!«

Dass die Kraft des subversiven Kinos nicht von den Zeitläuften abgeschmirgelt wird, dass sie sogar anwachsen kann, zeigen die Filme von Herbert Achternbusch. Seine ins absurde gesteigerte Kritik an einem bigotten Katholizismus, sein penetrantes Herumwühlen im deutschen Verdrängungssumpf, seine Unterwanderung bayerischer Autoritätsfolklore wirken abgelöst vom anarchischen Lebensgefühl ihrer Entstehungszeit umso radikaler – noch verstärkt durch eine zeitlos-lakonische, fast dokumentarische Erzählweise. In seinem Film Der Kommantsche fällt 1976 der vom ZDF zensierte Satz: »Hitler wollte Gott mit sechs Millionen Juden trösten, aber das war ein Irrtum.« In Wohin? attackiert Achternbusch die Aids-Hysterie der achtziger Jahre und lässt den HIV-positiven Kurt Raab im Biergarten über seine Krankheit sprechen. Der Held von Das letzte Loch will den Holocaust vergessen, indem er für jeden der ermordeten sechs Millionen Juden einen Schnaps trinkt. Und am Ende von Der Depp lässt Achternbusch Franz Josef Strauß im Hofbräuhaus vergiften.

In seinem verstörendsten Film Der Bierkampf macht Achterbusch das reale Oktoberfest zur Lebens- und Weltmetapher. Hier sagt die von ihm selbst gespielte Hauptfigur Sepp: »Wissen Sie, ich habe einmal nachgedacht: Die Welt ist noch nicht erlöst. Die kann noch gar nicht erlöst sein, weil es sie noch gar nicht gibt: Das ist doch nichts.« So zeigt Herbert Achternbuschs Kino auch, dass hinter großen Subversionen immer eine Utopie oder zumindest ihre Schwundstufe, die verzweifelte Sehnsucht danach, zu finden ist.

Lesen Sie morgen an dieser Stelle, wie sich Subversion in Theater und Literatur äußert.