Zukunft des Pop Gefräßige Mitte
Der Pop ist auf die Rebellion des Underground als Ressource angewiesen
© Alice Hawkins

Binnen einer Saison vom Untergrund ins Blitzlicht: die Sängerin Beth Ditto
Die Frage nach dem subversiven Charakter von Pop ist so alt wie die Popmusik selbst, nur fiel die Antwort früher leichter. Solange ein einziger Hüftschwung genügte, um Scharen von Teenagern weltweit in Ekstase zu versetzen, ließ sie sich an den entsetzten Gesichtern des konservativen Establishments ablesen. Es war eine schwarz-weiße Welt, in die der Rock ’n’ Roll Mitte des vergangenen Jahrhunderts platzte: hier die versteinerten Verhältnisse der Nachkriegsgesellschaft, dort der Rebell, der sie zum Tanzen bringt.
Inzwischen ist die Welt bunter geworden, aber auch unübersichtlicher, sie hat Rock-’n’-Roll-Präsidenten gesehen und Rebellen, die ihr unbürgerliches Leben unter Zustimmung der Allgemeinheit öffentlich zelebrierten. Die Grenzen zwischen Mainstream und Underground haben sich bis zur Unkenntlichkeit verwischt, doch während die Generation, die sich von Elvis den Hedonismus einimpfen ließ, rüstig aufs Rentenalter zugeht, erlebt das Bedürfnis nach nicht marktgängigen Ausdrucks- und Lebensformen ein Revival nach dem anderen. Gibt es also noch Subkulturen im Pop? Die Antwort ist ein dialektisches Jein.
Es gibt sie in dem Sinne, dass es noch immer die Peripherien sind, aus denen die Mitte neue Impulse bezieht: Ohne den Erfindungsreichtum einzelner Individuen und der Szenen, über die sie sich definieren, wäre der Mainstream eine geriatrische Veranstaltung. Und es gibt sie nicht, weil der moderne Kulturkapitalismus den Gestus der Rebellion auf ein konsumförmiges Format zurechtstutzt. Es gibt sie, weil die Option für den Lebensentwurf des Bohemiens mehr denn je ins weite Feld der Risikobiografien fällt, Verzicht auf Rentenansprüche inbegriffen, und es gibt sie nicht, weil es sich günstigstenfalls um ein Investment in die Zukunft handelt. Die Subkulturen von heute sind kein Gegenbild der Mehrheitskultur mehr, sie sind das Labor, in dem die Zukunft der Unterhaltung am frühesten sichtbar wird.
Wie unverzichtbar die Ränder für die Mitte des Pop geworden sind, lässt sich am Siegeszug des Independent-Rock ablesen: Mit ihren Röhrenhosen und schmuddeligen Lederjacken wirken 90 Prozent der in die Charts vorgedrungenen Neo-Rock-’n’-Roll-Bands, als hätten sie vor Kurzem noch in irgendeiner U-Bahn-Station ihren Hut hingehalten – was im Einzelfall sogar zutrifft. Aber es ist nicht nur der Outsider-Gestus einer vielfach recycelten und entsprechend materialermüdeten Rockästhetik, die den Mainstream der Gegenwart im Gespräch hält. 2009 brauchte die Sängerin Beth Ditto nur eine Saison, um vom schwul-lesbischen Underground aus die Glamour-Zone der Mode- und Lifestyle-Gazetten zu entern. Möglicherweise geht es ebenso schnell wieder dorthin zurück.
Man kann diese Entwicklung resignativ als Kolonialisierungsprozess begreifen, der gerade die letzten Gesten der Abweichung in sich aufsaugt und neutralisiert. Und doch wäre das zu pessimistisch gedacht. Während die Popkritik immer häufiger den Ursprungsszenarien der Dissidenz nachtrauert, wiederholt sich die Geschichte digital: Noch parzelliertere Formen von Öffentlichkeit treten im Underground des Netzes zu kurzfristigen, punktförmigen Erregungsmustern zusammen, Ausgang ungewiss. Das ist das Zuverlässigste, was sich den Schwärmen und flash mobs unserer Tage nachsagen lässt: Sie zeugen von einer Front, an der noch verhandelt wird.
- Datum 07.09.2009 - 14:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.08.2009 Nr. 35
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